21.01.2003 · Beeindruckende Leistung und derber Verbrauch sind auf den ersten Blick die deutlichsten Merkmale des VW Touaregs. Auf den zweiten Blick lassen sich noch einige Qualitäten mehr erkennen.
Von Michael Kirchberger"Die Ausweise und die Fahrzeugpapiere bitte", heißt es am Grenzübergang Basel bei der Einreise nach Deutschland. Bislang hat der Beamte den Autostrom wachsamen Blicks, doch ungehindert passieren lassen, uns stoppt er. Die Ausweise interessieren ihn nicht, im Fahrzeugschein sucht er jedoch nach Höchstgeschwindigkeit und Leistung. "Den Wagen werde ich wohl beschlagnahmen und gleich meinem persönlichen Fuhrpark zuführen", versucht der Grenzer einen Scherz. Er verkneift sich die Frage nach dem Preis, an dieser Stelle möchten wir ihm antworten: 41.350 Euro kostet der VW Touareg 3.2 V6, der wie selten ein Auto während unserer Fahrten die Blicke auf sich zog.
Die Form des 4,75 Meter langen Wagens ist kraftvoll, nicht klobig; die einen nennen sie zeitlos, die anderen verstehen langweilig. Zweifelsohne ist das Kleid des Touareg typisch für die Marke, er wirkt eher wie ein großer Kombi als ein kastiger Geländebrocken mit permanentem Allradantrieb. Daß die Karosserie jedoch von höchster Unübersichtlichkeit ist, fällt schnell als Manko auf. Vorn verliert sich (bei dunkler Fahrzeuglackierung) die fließende Form der Motorhaube im grauen Straßenbelag, nach hinten schränken das eher kleine Heckfenster und die strammstehenden Kopfstützen im Fond den Blick ein. Für 600 Euro Aufpreis gibt es die hilfreiche und empfehlenswerte Parkdistanzkontrolle.
Fast filigran
Das gewohnte Spiel mit Form und Farbe setzt sich im Innenraum fort. Beigefarbenes Leder auf den Sitzen und an den Türverkleidungen machen den Touareg wohnlich, es ist nicht flauschig, aber haltbar, vielleicht das Rechte für den Geländeeinsatz nach Gutsherrenart (Zuzahlung hierfür samt Heizung und elektrischer Verstellung der Sitze 3.555 Euro beim 3.2 V6). Das Armaturenbrett ist mit fein genarbtem Material hübsch verkleidet, eine aluminiumfarbene Leiste mit Wurzelholzintarsien, die sich in den Türen fortsetzt, übernimmt die horizontale optische Teilung. Das Streben nach wohnlicher Wertigkeit ist gelungen, zumal die scharf gezeichneten weißen Skalen des runden Tachos (bis 260 km/h) und des Drehzahlmessers von glänzenden Chromringen umrandet werden, fast filigran wirken die Ringlein um die vier Anzeigen für Ladezustand, Tankinhalt, Kühlmittel- und Öltemperatur. Die Ablesbarkeit ist gut, die Bedienung aller Systeme fällt leicht, sieht man von Bordcomputer und Radio ab, deren Funktionen über eine Wählwalze und Tippschalter im Multifunktionslenkrad gesteuert werden. Die Temperaturwähler der Klimatisierung drehen sich weniger fein und mit mechanischer Härte, die geschmeidige Silikondämpfung bleibt den Haltegriffen am Dachhimmel vorbehalten. Die Zahl der Ablagen ist zufriedenstellend, nur die Getränkehalter auf dem mächtigen Mitteltunnel eignen sich nicht für jedes Behältnis. Den kleinen PET-Flaschen eines klassischen koffeinhaltigen Erfrischungsgetränks geben sie nur wenig Halt, beim forschen Beschleunigen oder beherzten Bremsen springen sie wie erfrischt aus der Fassung.
Innen lassen nachts Lichtspiele den Touareg erstrahlen, roter Schimmer fällt über die ausladende Mittelkonsole mit der Heizungsbedienung (eine Zweizonenklimaanlage kostet 560, das Vierzonengerät 1.175 Euro Aufpreis) und das Radionavigationssystem (1.875 Euro), Lampen in den Fußräumen geben mit sanftem Hell zu erkennen, wie üppig der Platz sowohl vorn als auch im Fond bemessen ist. Eine korrekte und komfortable Sitzposition ist schnell gefunden, das Volant schnell justiert. Elektrisch motorisiert stellen sich die Außenspiegel ein, und schon schnurrt der V6 mit leisem, unaufdringlichem Laufgeräusch los, fast glaubt man, der scharfe Blick auf den Zündschlüssel genügte, um das 3,2 Liter große Triebwerk zu aktivieren.
Cremig-zart
Der Motor arbeitet bereits in etwas kräftigerer Ausführung im Phaeton V6 und im Golf R32 (177 kW/241 PS). Im Touareg bietet er 162 kW (220 PS) und 305 Newtonmeter Drehmoment bei 3.200 Umdrehungen in der Minute an. In Verbindung mit dem sechsstufigen automatischen Getriebe ergibt das einen vehementen Vortrieb, der trotz des Leergewichts von fast 2,4 Tonnen (mit Fahrer) Beschleunigungswerte von 0 auf 100 km/h unter zehn Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von über 200 km/h ermöglicht. Und Treibstoffverbräuche zwischen 14 und 20,4 Liter für 100 Kilometer fordert. Der Preis für das forcierte Fahren ist sehr hoch und will nicht recht mit dem Gedanken des Volks-Wagens harmonieren. Dem Touareg hilft ein Tank mit 100 Liter Volumen über die Distanz, was beim Tanken zwar die Barschaft aus der Börse saugt, die Reichweite jedoch akzeptabel macht.
Die Leistungsentfaltung des V6 ist höchst angenehm, er säuselt und schlurft, stemmt seine Kraft über ein breites Drehzahlband in den Antriebsstrang und arbeitet überaus kultiviert. Kaum weniger Gefallen findet die Automatik, mit cremiger Geschmeidigkeit wechselt sie die Fahrstufen, selbst in der verbrauchsreduzierenden "D"-Stellung mit beachtlicher Munterkeit. Bei der Wahl der Sporteinstellung tut der Automat aber des Guten zuviel und schaltet erst bei arg hoher Drehzahl. Eine Besonderheit erlangt der Touareg mit der zusätzlichen Geländeuntersetzung, die gemeinsam mit der Mitteldifferentialsperre eingelegt wird. Ein BMW X5 bietet diese Reduktionsmöglichkeit nicht, der VW gewinnt hierdurch Extrapunkte in der Wertung Traktionsvermögen. Das Verteilergetriebe leitet bei Bedarf automatisch bis zu 100 Prozent der Kraft an die Vorder- oder Hinterräder weiter, je nachdem, welche die bessere Bodenhaftung haben. Das führt zu ausgewogenen Fahreigenschaften auf der Straße und im Gelände. Automatisch variiert der Touareg seine Bodenfreiheit: Die Luftfederung (Aufpreis 2.605 Euro) senkt sie für einfacheres Beladen im Stand auf 16 Zentimeter, bis 125 km/h hebt sich der Wagen auf 21,5 Zentimeter, darüber wird die Karosserie auf 19, über 180 km/h auf 18 Zentimeter abgesenkt. Für den Einsatz im Gelände sind in zwei Stufen 24 Zentimeter (bis 70 km/h) und 30 Zentimeter (bis 20 km/h) Bodenfreiheit möglich.
Als kleiner Trost: Schwächen im Detail
Die Straffheit der Federung ist ebenfalls variabel, der Touareg läßt seinem Fahrer die Wahl zwischen einer sportlichen und einer komfortbetonten Dämpferkennung. Die "weichere" Stufe bietet hohen Komfort, führt aber zu etwas stärkeren Karosseriebewegungen. "Sport" gibt dem VW fast die Fahreigenschaften eines knackig gefederten Personenwagens, der sich mit einer hinreichend präzisen Lenkung sicher und leicht um die Kurven dirigieren läßt. Natürlich setzt das hohe Gewicht der Fahrdynamik engere Grenzen. Es drückt den Touareg kräftig Richtung Kurvenrand und läßt die Arbeit am Lenkrad nutzlos erscheinen, wenn der Grenzbereich überschritten ist. Das ESP regelt dann bemüht, hat aber kaum eine Chance. Bei kontrollierbarer Kurvenfahrt zeigt der Geländewagen kaum Lastwechselreaktionen, übersteuert, verliert dabei an Geschwindigkeit und findet in die Spur zurück. Die Bremsen verzögern den schweren Wagen mühelos und standfest, etwas feinere Dosierbarkeit wäre der einzige offene Wunsch.
Ein niedriges Geräuschniveau, hohe Fahrleistungen, beste Geländeeigenschaften, ein gutes Raumangebot und die durchweg hochwertige Verarbeitung sind die positiven Seiten des VW. Die ordentliche Zuladung (625 Kilogramm) und das variable Kofferraumvolumen (555 bis 1.570 Liter) gehören ebenfalls auf die Haben-Seite, wenngleich die asymmetrisch geteilten Fondsitze recht schwergängig hochklappen und die Ladefläche dann immer noch nicht ganz eben ist. Sein Preis rückt ihn freilich fürs gemeine Volk in fast unerreichbare Entfernung, zumal viele sinnvolle Ausstattungsdetails extra bezahlt werden müssen. Den Sehnsüchtigen sei deshalb gesagt, daß sich der Touareg im Detail auch Schwächen leistet. Nach dem Öffnen der Heckklappe etwa rinnt Regenwasser von der hinteren (D-)Säule in den Kofferraum, ziemlich genau aufs teure Gepäck, das VW als wertvolles Accessoire anbietet.
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 41.350 Euro,
Preis des Testwagens 53.485 Euro
V-Sechszylinder-Ottomotor, vier Ventile je Zylinder, 3189 Kubikzentimeter
Hubraum
Leistung 162 kW (220 PS) bei 6.400/min
Höchstes Drehmoment 305 Nm bei 3.200/min, 90 Prozent davon ab 2.000 bis
5.600/min
Erfüllt Euro 4
Automatisches Sechsstufengetriebe
Permanenter Allradantrieb
Länge/Breite/Höhe 4,75/1,93/1,73 Meter
Radstand 2,85, Wendekreis 11,6 Meter
Leergewicht 2.190 (tatsächlich 2.320), zulässiges Gesamtgewicht 2.945,
Anhängelast 3.500 Kilogramm; Kofferraumvolumen 555 bis 1.571 Liter
Reifengröße 235/65 R 17 108 V
Höchstgeschwindigkeit 207 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 9,7 s
Verbrauch 13,9 bis 20,4, im Durchschnitt 16,7 Liter Super Plus je 100 km;
Tankinhalt 100 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 20, TK 37, VK 21
Kosten je km (bei 20.000 km/Jahr) 0,52 Euro