08.07.2003 · Opel scheint sich die Wunschliste der Kunden gut durchgelesen zu haben, denn die Bitte um Dynamik, Innovation und bestmögliches Raumangebot wird durch den Meriva zuverlässig erfüllt.
Von Boris SchmidtOpel hat endlich einen Lauf. Die Krise ist schon fast vergessen, die neuen Autos, die aus Rüsselsheim kommen, machen Appetit auf noch mehr. Offenbar hat man wie angekündigt verstanden, was der Kunde will: praktische, standfeste Autos mit Pfiff, die den Muff aus Zeiten der Admirale, Kapitäne und Diplomaten sowie den Ärger um qualitative Mängel aus der noch nicht lange vergangenen López-Ära endgültig vergessen lassen. Der neue superkompakte Minivan Meriva ist eines der ersten Produkte des frischen Denkens, und Opel-Boß Forster übertreibt nicht, wenn er von einer neuen Dynamik in der Kompaktklasse spricht.
Das Design gefällt, es wirkt eigenständig und innovativ, und auf nur 4,04 Meter Außenlänge haben die Karosserieschneider so ziemlich das bestmögliche Platzangebot realisiert. "Liebling, sie haben den Zafira geschrumpft!" möchte man der Gattin zurufen, wenn Opels jüngster Sproß vor einem steht. Dabei wurden im Vergleich zum Zafira zwar 28 Zentimeter in der Länge gekappt, aber freilich nur sechs Zentimeter vom Radstand.
Voller cleverer Details
Daraus ergibt sich ein Raumgefühl für die Insassen, das eine Klasse höher anzusiedeln ist. Selbst wenn die Vordersitze ganz nach hinten geschoben sind, logiert es sich noch passabel komfortabel auf der Rückbank, wobei der Meriva kein Zafira-Verwandter wäre, würde nicht auch er mit einem flexiblen Innenraumkonzept glänzen. Zunächst sind die Rücksitze ein konventioneller Aufenthaltsort für drei Personen (Erwachsene müssen aber sehr eng zusammenrücken). Klappt man den mittleren Teil der Lehne herunter, kann man die beiden äußeren (sehr breiten) Sitze etwas nach innen und gleichzeitig nach hinten an den Radkästen vorbeischieben. Zwei Personen sitzen dann wirklich fürstlich, bei etwas eingeschränktem Kofferraumvolumen. Minimal bietet das Heck - eine dritte Sitzreihe wie beim Zafira wäre zuviel des Guten - 350 Liter Ladevolumen, maximal knapp 500, wenn die Rücksitze ganz nach vorne geschoben sind. Will man den Meriva als Kleintransporter nutzen, kann man eine ebene Ladefläche von 1,70 Meter Länge bauen und mehr als 1.410 theoretische Liter mitnehmen. Für 110 Euro Aufpreis läßt sich auch noch der Beifahrersitz nach vorne klappen, dann paßt sogar das oft zitierte Surfbrett oder Opas Standuhr in den Meriva. Die Ladefreuden kann man noch steigern: Im Kofferraumboden verschwindet charmant die flache Aktentasche, auch das Trenn-Netz (leider 140 Euro Aufpreis) und Warndreieck nebst Verbandskasten sind hier gut aufgehoben. Opel hat alles in Liter ausgerechnet, hier passen 60 rein.
Weitere fünf füllen den "multifunktionalen Travel-Assistant", eine Ablagebox mit Becherhalter, die an der Rückseite des Rücksitz-Mittelteils hängt und bei Bedarf nach vorne geholt wird. Diese Box kann auch herausgenommen werden, zum "Picknicken", meint Opel. Ohnehin strotzt der Meriva vor interessanten Details: Es gibt unter anderem drei 12-Volt-Steckdosen, seitliche Fächer mit Netzen im Kofferraum, ein Fach unter dem Beifahrersitz (3,1 Liter), ein 4,5-Liter-Handschuhfach, Klapptische an den Rückseiten der Vordersitze und die Möglichkeit, daß die Kinder hinten mit Kopfhörern den CDs folgen, während die Eltern hr 3 lauschen. Oder die Eltern hören CDs und die Kinder hr XXL.
Schmackhaftes nicht nur gegen Aufpreis
Leider hat Opel mit der fühlbar höheren Qualitätsanmutung, die inzwischen geboten wird, auch die Unsitte der Premiumhersteller angenommen, dem Kunden vieles schmackhaft zu machen, aber auch ordentlich Aufpreise zu verlangen. So kosten das Fach unter dem Beifahrersitz 50 Euro (plus Sonnenbrillenfach und Gepäcknetz), der "Twin-Audio-Anschluß" 150 Euro (dazu ist ein Radio für 750 Euro nötig), die Travel-Box 80 Euro, ein Lederlenkrad 155 Euro, die Liste läßt sich fortsetzen.
Und natürlich gibt es Ausstattungslinien. Die Basis heißt treffend Essentia. Wer mehr will, nimmt Enjoy, und wer das Sportliche liebt, setzt auf Cosmo. Manches von dem Erwähnten ist bei "Enjoy" mit dabei, auf jeden Fall Aufpreise erfordern aber elektrisch verstellbare Spiegel, eine Klimaanlage oder elektrische Fensterheber vorne und hinten. Das trübt etwas die Freude am Meriva. Das der Redaktion zur Verfügung gestellte Fahrzeug hatte bei einem Endpreis von 22.890 Euro für 6.305 Euro Mehrausstattung an Bord, unter anderem Ledersitze und eine Klimatisierungsautomatik.
Das soll jetzt nicht heißen, daß die Essentia-Basis schlecht ausgestattet ist. Eine Zentralverriegelung mit Fernbedienung ist immer dabei, die Lenkung ist servounterstützt, das Lenkrad höhenverstellbar. Vorbildlich ist die Vorsorge für die passive Sicherheit. Vier Airbags für Fahrer und Beifahrer, Aktivgurte vorne mit Straffer und Kraftbegrenzer sowie eine Karosserie, die in Sachen Crash-Sicherheit den höchsten Ansprüchen genügt, sorgen für den Fall der Fälle vor. Das Kindersitzbefestigungssystem "Isofix" ist vorgerüstet, Kindersitze gibt es im "Opel-Original-Zubehör" beim Händler. Für aktive Sicherheit ist ein ABS mit Bremsassistent zuständig, ESP kostet wiederum Aufpreis (525 Euro).
Leicht zu übersehen
Das läßt sich verschmerzen, denn mit seinen Fahreigenschaften nimmt der Meriva die Spur des hochgelobten neuen Vectra auf. Da gibt es keine Verunsicherung, der Wagen ist vorbildlich kurvenneutral. Um den frontgetriebenen Meriva aus der Biegung zu zwingen, muß man schon mutwillig zu schnell fahren. Die Bremsen packen fest zu und sind sehr standfest, die präzise und leichtgängige Lenkung verdient ebenfalls ein Lob. Kaum klagen kann man über den Federungskomfort und das Schaltgetriebe, dessen Gänge mit kurzen Wegen und ohne Vertun eingelegt werden können. Eine Automatik beziehungsweise ein automatisiertes Schaltgetriebe ist erst von Herbst an erhältlich (550 Euro).
Doch es ist nicht alles eitel Sonnenschein, wenn man mit dem Meriva unterwegs ist. Eine gravierende Schwäche sind die viel zu breiten A-Säulen, die trotz kleinem Dreieckfenster die Sicht nach schräg vorne links wie rechts stark beeinträchtigen. Wir erlebten in den zwei Meriva-Wochen zwei Situationen, in denen wir andere Verkehrsteilnehmer beinahe übersehen hätten, weil sie eben für kurze Zeit von der A-Säule verdeckt worden waren. Sonst gibt's an der Bedienung nichts zu kritteln, die Sitze sind sehr bequem, die Sitzposition ist angenehm. Alle Hebel und Schalter sind gut zu erreichen, allenfalls das Ticken des Blinkers dürfte etwas markanter sein, man überhört es leicht.
Maßgeschneiderte Raumausnutzung
Für die Tätigkeit unter der Fronthaube hält Opel ein Motoren-Quintett bereit, zwei davon sind Diesel, sie erfüllen wie die Ottomotoren die strenge EU-4-Schadstoffnorm. Der 1,8-Liter-Benziner mit 92 kW (125 PS) ist von der Leistung her das Spitzenaggregat. Mit ihm steht der Meriva gut bis sehr gut im Futter, auf der Autobahn sind Tacho 200 km/h auf ebener Strecke möglich (tatsächlich 192 km/h), die Kurbelwelle dreht sich dabei 6.500mal in der Minute. Man mag es als Nachteil ansehen, daß der Motor eher hochtourig ausgelegt ist. Dem Geräusch nach sucht man bei 130 km/h noch einen 6. Gang, doch den gibt es nicht. Bei Richtgeschwindigkeit liegen 4.350/min an, unangenehm laut wird es in der Nähe der Höchstgeschwindigkeit. Bei der relativ hohen Motorleistung kann man kein sonderlich sparsames Auto erwarten, im Schnitt 9,0 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer sind für ein modernes Kompaktauto zwar noch akzeptabel, aber weniger wäre mehr.
Der Meriva ist ein Opel nach dem neuen Gusto. Er hat das Zeug für die großen Schuhe des Zafira. Die Zahl der Kunden, die künftig eine Klasse tiefer kaufen, wird sich wohl dennoch in Grenzen halten. Vielen wird der Meriva bei aller vorbildlicher Raumausnutzung zu klein sein, ganz abgesehen von den im Vergleich zum Zafira fehlenden Sitzen sechs und sieben. Für andere ist er maßgeschneidert, denn: Wer vieles bringt . . .
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 16 585 Euro
Preis des Testwagens 22 890 Euro
Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile je Zylinder, 1796 Kubikzentimeter Hubraum, Leistung 92 kW (125 PS) bei 6000/min
Höchstes Drehmoment 165 Nm bei 4600/min, 90 Prozent davon ab 1800 bis 4800/min
Erfüllt Euro 4
Manuelles Fünfganggetriebe
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,04/1,69/1,62 Meter
Radstand 2,63, Wendekreis 10,85 Meter
Leergewicht 1305 (tatsächlich 1340), zulässiges Gesamtgewicht 1835, Anhängelast 1200 Kilogramm, Kofferraumvolumen 350 bis 500 Liter
Reifengröße 185/60R15H
Höchstgeschwindigkeit 192 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 12,0 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 13,0/17,9 s
Verbrauch 7,9 bis 9,8, im Schnitt 9 Liter Super je 100 km; Tankinhalt 53 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 17, TK 24, VK 17
Kosten je km (bei 16 000 km/Jahr) 0,28 Euro