23.04.2009 · Mit einem Trick schafft es Honda bei seinem Kleinwagenmodell Jazz zu einem großen Kofferraum und wird durch seinen kleinen Wendekreis zum König der Stadt. Gewöhnungsbedürftig sind aber die billigen Oberflächen im Innenraum.
Von Gerold LingnauIn der deutschen Polo-Corsa-Fabia-Fiesta-Szene spielt der Honda Jazz nur eine Nebenrolle: Platz 71 bei den Neuzulassungen im vergangenen Jahr, reichlich 11.000 Verkäufe. Dabei hätte der kleine Japaner einen Spitzenplatz verdient - wenn nur genug Leute wüssten, dass er einen Triumph der Schlauen über die Denkfaulen darstellt.
Warum ist außer Honda noch niemand auf die Idee gekommen, den Tank von dort zu verbannen, wo er dem Kofferraum wertvollen Platz wegnimmt, und ihn unter die Vordersitze zu verlegen? Da stört er niemanden (außer wenn es ein bisschen näher am Ohr gluckert) und ist nicht weniger sicher untergebracht.
Der Erfolg: ein 3,90-Meter Auto mit fast 430 Liter Gepäckraum und an die 1400, wenn man Rückbank und Lehne zu einer tadellos ebenen Ladefläche klappt. Zum Vergleich: Deutschlands Liebling VW Golf ist 30 Zentimeter länger und bringt es gerade mal auf 350 und 1305 Liter.
Ein echter Allrounder
Der Jazz kann aber noch mehr. Im Fond lässt sich nämlich die Sitzfläche gegen die Lehne hochklappen, und man hat dann hinter den Vordersitzen einen bis zu 67 Zentimeter tiefen Laderaum in voller Wagenbreite. Dort kann man sperrige Sachen durch die bis zum rechten Winkel aufschlagenden hinteren Türen hochkant verstauen.
Schließlich ist auch der Kofferraumboden in verschiedenen Positionen zu fixieren. Ein allrounderes Auto gibt es in dieser Klasse nicht, und dass Honda bisher keinen Nachahmer gefunden hat, ist wohl dem NIH-Syndrom zuzuschreiben - Not Invented Here, wir machen nur das, was wir selbst erfunden haben.
Dosenhalter gibt es mehr als Sitzplätze
Der Jazz hat bei der Neuauflage rund fünf Zentimeter in Radstand und Länge sowie eine Kleinigkeit in der Breite gewonnen, ohne seine hübsche Form einzubüßen. Zwar sind als Nachteile des Kofferraums die recht hohe Ladekante nach innen zu verbuchen und die nicht weit genug aufschwingende Heckklappe, und nicht verschwiegen sei auch, dass ein Teil seines Volumens durch das Fehlen des Reserverads gewonnen wurde; ein Notrad ist gegen Aufpreis zu haben.
Doch keinesfalls geht die Großzügigkeit des Gepäckabteils zu Lasten des Innenraums. Hier ist man vorn wie hinten überraschend bequem untergebracht, nachdem man - nicht minder überraschend - mühelos eingestiegen ist.
Auf allen Plätzen gibt es einen Meter Kopfhöhe, und lange Menschen genießen sogar im Fond auskömmlichen Knieraum und gute Unterstützung für die Oberschenkel. Der Mittelplatz ist erwartungsgemäß weniger einladend, aber keine Zumutung. Eine Überfülle von Ablagen hält alle Reiseutensilien griffbereit, Dosen- und Flaschenhalter gibt es mehr als Sitzplätze.
Luxuriös wirkt er nicht
Der Fahrer blickt auf ein perfektes dauerbeleuchtetes Instrumentarium und auf kaum verwechselbare Bedienelemente, bemerkt erfreut, dass die Zusatzfensterchen an der vorderen Dachsäule wirklich zur besseren Übersichtlichkeit beitragen, und begrüßt, dass sich Bordcomputer und Radio direkt vom Lenkrad her befehligen lassen.
Mit dem vielen glatten Kunststoff um sich herum muss er sich abfinden, luxuriös wirkt der Jazz hier wirklich nicht, aber beim Frühjahrsputz ist man wieder dankbar für Pflegeleichtigkeit. Die vorderen Sessel sind in Breite und Tiefe Oberklasse, das Lenkrad lässt sich in zwei Dimensionen einstellen.
Es gibt sechs Airbags, aktive Kopfstützen vorn und im Fond zwei Isofix-Kindersitzhalterungen sowie für die Bordunterhaltung einen USB- und einen AUX-Eingang. Serienmäßig ist auch ein CD-Radio mit sechs Lautsprechern; ein mobiles, direkt im Fahrerblickfeld montiertes Navigationsgerät von Garmin bietet Honda für 508 Euro zum Einbau beim Händler an. Serienmäßig ist eine Klimaanlage, in den teureren Versionen eine Klimaautomatik, und das H4-Licht der Scheinwerfer leuchtet die Fahrbahn viel besser als erwartet aus.
Ein Galopper, kein Zugpferd
Bei den Motoren des Jazz übt Honda weiter Diesel-Abstinenz - durchaus im Einklang mit den Käuferwünschen in dieser Klasse. Es blieb auch nach dem Modellwechsel bei den zwei Benzinern mit 1,2 und 1,4 (genau nur 1,34) Liter Hubraum, doch haben beide in der Leistung zugelegt.
Besonders der größere: Er bietet jetzt 73 kW (100 PS) statt vorher 61 kW (83 PS) auf und ist, der Honda-Philosophie folgend, mehr ein Galopper als ein Zugpferd. Sein höchstes Drehmoment erreicht er erst bei 4800 Umdrehungen je Minute.
Leichter Wagen mit großem Durst
Aber das macht nichts: Zum einen schiebt er auch aus niedrigen Drehzahlen im Rahmen seiner Hubraum-Möglichkeiten wacker an - selbst im 5., dem obersten Gang beschleunigt er den Jazz von 50 auf 100 km/h in weniger als 20 Sekunden -, zum anderen ist das Zurückschalten im praxisgerecht gestuften Getriebe die schiere Freude, der kurze Hebel flutscht wie von selbst in die gewünschte Position.
In 11,3 Sekunden geht es aus dem Stand auf 100 km/h, und mit den 185 km/h Höchstgeschwindigkeit kann man auf Schnellstraßen durchaus mithalten. Sehr zu loben ist auch die Geschmeidigkeit des kleinen Motors und seine Lautstärke, die erst bei hohen Drehzahlen unangenehm zu werden beginnt.
Nicht ganz so preisenswert ist der Verbrauch: Im Durchschnitt sieben Liter Super je 100 Kilometer sind für das mit weniger als 1100 Kilogramm im Klassenfeld leichte Auto eine ganze Menge - auf der Autobahn an acht Liter, auf Landstraßen um 6,5. Allemal für 500 Kilometer reicht der Vorrat im 42-Liter-Tank.
Handlich auch in den Kurven
Nicht alle Kleinwagen sind so handlich, wie sie aussehen, aber der Honda enttäuscht nicht: 10,10 Meter Wendekreis machen ihn zum König in der Stadt, die Lenkung überfordert selbst schwache Kräfte ebenso wenig wie Kupplung und Bremse.
Der kleine Fronttriebler tut in Kurven nichts Überraschendes - und wenn doch, würde ihn das (abschaltbare) ESP, hier VSA genannt, mit recht hartem Zugriff wieder einfangen. Genauso wenig lässt er sich bei hohem Tempo im Kurs beeinflussen, nicht einmal Seitenwind stört ihn sehr.
Tadellos tun die Bremsen ihre Pflicht, mit einer leichten Einschränkung, was die Spurhaltung beim vollen Verzögern betrifft. Eher angenehmer als der heutige Durchschnitt ist die Federung des Jazz, die ausreichend geschmeidig auf kleine Unebenheiten reagiert und harte Stöße prima wegsteckt, allerdings mit einigen Poltergeräuschen.
Hier kommt der gescheiteste Kleinwagen
Den Jazz mit 1,4-Liter-Motor kann man in den Ausstattungsvarianten Comfort, Elegance und Exclusive kaufen, auf Wunsch auch mit einem automatisierten Sechsganggetriebe für 1100 Euro Aufpreis. Die Elegance-Version, die wir fuhren, kostet 17.790 Euro. Das sind 1500 Euro mehr als der Comfort, und dafür bietet sie Leichtmetallräder, beheizbare Vordersitze, elektrische Fensterheber auch hinten, Lederlenkrad, Nebelscheinwerfer, Klimatisierung fürs Handschuhfach und zusätzliche Hochtöner für die Audio-Anlage.
2200 Euro teurer als der Elegance ist der Exclusive und bringt zusätzlich einen Geschwindigkeitsregler, Licht- und Regensensor, eine Bluetooth-Freisprechanlage, ein (starres) Panorama-Glasdach mit Sonnenschutzrollo, Mittelarmlehnen vorn und hinten sowie 16- statt 15-Zoll-Räder mit.
So stellt sich die Wahl des Elegance mit seiner insgesamt schon ansehnlichen Serienausstattung - zum Beispiel fernbedienbare Zentralverriegelung, elektrisch einstell-, heiz- und anklappbare Außenspiegel und Fahrersitz-Höheneinstellung - als vernünftiger Mittelweg dar. Für 380 Euro Zuschlag erhält man eine Parkhilfe am Heck, und 410 Euro müssen für eine Metallic-Lackierung aufgewendet werden. Nur zwei von elf Farben sind aufpreisfrei, und viele von ihnen sind alles andere als unauffällig: Sollen doch alle sehen, dass hier der gescheiteste Kleinwagen kommt.
Empfohlener Preis 17.790 Euro
Preis des Testwagens 19.126 Euro
Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile je Zylinder, 1339 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 73 kW (100 PS) bei 6000/min
Höchstes Drehmoment 127 Nm bei 4800/min, mindestens 90 Prozent davon ab 2200 bis 6100/min
Manuelles Fünfganggetriebe (automatisiertes Sechsganggetriebe 1100 Euro)
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 3,90/1,70/1,53 Meter
Radstand 2,50, Wendekreis 10,1 Meter
Leergewicht 1071 (tatsächlich 1087), zulässiges Gesamtgewicht 1555, Anhängelast 1000 Kilogramm; Kofferraumvolumen 346 bis 1341 Liter
Reifengröße 175/65 R 15 83 T
Höchstgeschwindigkeit 185 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 11,3 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 15,8/19,5 s
Verbrauch 6,5 bis 7,9, im Durchschnitt 7,0 Liter Super je 100 km; 128 g/km CO2 bei Normverbrauch von 5,4 Liter; Tankinhalt 42 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 17, TK 17, VK 18
Garantie 3 Jahre bis 100.000 Kilometer, auch auf Lack, 5 bis 12 Jahre auf Durchrostung, 3 Jahre Mobilitätsgarantie, Wartung nach Intervallanzeige