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Fahrtbericht Ford Focus Turnier 1.6 Ti-VCT Ghia Die schöne Rückbesinnung auf das einfache Leben

 ·  Seit kurzer Zeit gibt es den neuen Ford Focus auch als Kombi. Wer den Turnier fährt, ist sicher und komfortabel unterwegs. Leider hat das neue Modell etwas an Laderaum verloren.

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Einen neuen Focus von Ford gibt es schon seit einem halben Jahr, einen neuen Turnier - den Kombi - seit ganz kurzem. Na und? Deswegen hält die Welt nicht den Atem an. Aber bei der Hektik, die weite Teile der Automobilbranche erfaßt hat, bei all den Versuchen, mit der Modellpolitik wieder Schwung in den auf vielen Märkten flauen Absatz zu bringen, tut es gut, einem ganz unaufgeregten Produkt zu begegnen. Der Focus Turnier in der (zweitobersten) Ausstattung Ghia, den wir jetzt fuhren, hat uns dieses Wohlgefühl verschafft, und wir sind - wem auch immer - dankbar dafür.

In der Tat gibt er uns die Gelegenheit, den diskreten Charme des Einfachen, des Normalen zu preisen. Thema Design: Den heute immer mehr verquasten Karosserieformen, mit gequälten Gags von Bug bis Heck, setzt er ein sauberes, geschmacksicheres Styling entgegen, das sich weder von der Funktion einengen läßt noch sie seinerseits vergewaltigt. Der neue Turnier sieht angenehm, aber kein bißchen langweilig aus. Auch im Innenraum hat Ford Abschied von den Unaufgeräumtheiten des ersten Focus genommen, dessen Armaturenbrett etwas von einer kubistischen Skulptur hatte. Heute hat es klare, ruhige Linien, dient wieder dem Fahrer und nicht mehr irgendwelchen Stilrichtungen, und das dezente Spielen mit dem Ford-Oval genügt völlig als optischer Überraschungseffekt. Thema Federung: Nichts da von adaptiver Dämpfung oder mit Knopfdruck wählbarem Sport-Gefühl nebst zähneklappernder Härte. Ein ganz normales Stahl-Fahrwerk ohne Beeinflussungsmöglichkeit zeigt hier, daß bei gekonnter Abstimmung keine Wünsche offenbleiben. Der Focus trägt seine Insassen bei jeder Beladung und bei jedem Tempo schonend über jeden Straßenzustand hinweg. Und das nicht etwa auf Kosten der Dynamik: Man bekommt ein Klasse-Fahrwerk, das in Kurven ebenso große Sicherheit bietet wie bei hoher Geschwindigkeit und dessen serienmäßiges ESP nicht den Spaßverderber spielt, aber zuverlässig eingreift, wenn es ernst wird. Thema Bremsen: technisch nichts Besonderes, aber super. Thema Lenkung: auch hier ganz konventionelles Servo, doch in der Funktion erstklassig. Da fragt man sich, ob so mancher Aufwand, der anderwärts getrieben wird, mehr bringt als Befriedigung für Konstrukteure und zusätzliche Komplikationen. Dieser Focus schenkte uns die Rückbesinnung aufs einfache Leben, und wer davon wieder einmal kosten will, dem können wir ihn als Beispiel sehr empfehlen.

Länger, breiter, aber weniger Ladevolumen

Aber kein Focus ohne Fakten. Der neue Turnier ist mit 4,47 Meter nicht nur 13 Zentimeter länger als die zwei- und viertürigen Schrägheck-Versionen, sondern mißt auch eine Fingerbreit mehr als sein Vorgänger. Trotzdem ist, was die Lademöglichkeiten betrifft, leider ein Rückschritt zu melden: Stellte jener noch mindestens 520 und höchstens 1580 Liter Stauraum zur Verfügung, muß man sich im Nachfolger mit rund 480 Liter Normalmaß und 1525 Liter bei geklappter Rückbank und dachhoher Beladung begnügen. Das ist immer noch recht ansehnlich, doch ein Modellwechsel sollte nicht so negative Folgen haben. Lob verdienen wiederum die niedrige Bordkante und die großzügige Ladeöffnung - die Klappe schwingt fast zwei Meter hoch -, doch in einem Kombi muß der Boden auch bei erweitertem Volumen topfeben sein, und die Vordersitze sollten sich dann noch ganz zurückschieben lassen. Anders als beim Wettbewerber Opel Astra Caravan verdirbt die Heckschräge die volle Dachhöhe auf fast 50 Zentimeter Ladelänge.

Platz auch für fünf Personen

Vier Menschen finden im Focus Turnier bequem Platz, wenn nicht gerade zwei besonders lange hintereinander sitzen wollen, und auch ein fünfter hat es durchaus ein wenig besser als in vielen anderen Autos. Erfreulich hoch über dem Wagenboden liegt die Rückbank, und trotzdem wird dort noch fast ein Meter Kopfraum geboten. Die im Ghia serienmäßigen Velourspolster würden uns diese Ausstattung vergraulen, weil sie arge Flusenfänger sind. Aussehen tun sie allerdings gut, und auch mit den im Innenraum verwendeten Kunststoffen kann man sich anfreunden. Sechs Airbags wachen über die Sicherheit der Insassen, doch die hinteren Kopfstützen - und da vor allem die mittlere - sind zu kurz. Instrumente und Bedienungselemente sind dem Fahrer schnell vertraut, er vermißt allerdings dringend einen asphärischen Außenspiegel gegen den toten Winkel. Und er darf sich nicht (für 840 Euro) Bi-Xenon-Scheinwerfer wünschen, wenn er zugleich den Fortschritt des adaptiven Kurvenlichts genießen will: Es ist nur mit der üblichen Halogen-Ausrüstung zu kombinieren, doch die 360 Euro Aufpreis ist es allemal wert. Zur Serienausstattung des Ghia gehört eine Zweizonen-Klimaautomatik, die ihre Aufgaben tadellos erfüllte. An Ablagen ist weder vorn noch hinten Mangel. Und wer unter dem Armaturenbrett nach dem Zuggriff für die Fronthaube forscht, kann lange suchen: Der Eigenheit des ersten Focus, daß man an den Motor nur nach umständlicher Fummelei mit dem Zündschlüssel im Kühlergrill herankommt, frönt auch der zweite.

Motor mit begrenzter Motivation

Was man dort vorfindet, ist eines von sieben Motor-Angeboten - vier Benziner und drei Diesel. Wir probierten das neueste Mitglied des Septetts, einen 1,6-Liter-Vierzylinder der Otto-Fraktion mit dem Beinamen Ti-VCT, der auf die doppelt variable Nockenwellenverstellung hinweist. Der Vierventiler ersetzt mit seinen 85 kW (115 PS) den bisherigen, etwa gleich starken 1,8-Liter, ohne ihn freilich im Drehmoment übertreffen zu können. Angenehm ist sein runder, unspektakulärer Charakter bei allen Drehzahlen, doch von dem technischen Aufwand hätte man sich mehr versprechen können: Der Motor ist weder ein strammer Zieher noch ein hyperaktiver Hochdreher, sondern agiert mit seltsam begrenzter Motivation. Die Meßwerte sind denn auch weder toll noch mau, die 190 km/h Höchstgeschwindigkeit - die von erfreulich milden Windgeräuschen untermalt wird - sind genauso durchschnittlich wie die 12,2 Sekunden Beschleunigungszeit von 0 auf 100 km/h und die Elastizitätswerte. Das Fünfganggetriebe schaltet sich leicht und mit vorbildhafter Präzision. Erstaunlich, wie wenig der Verbrauch bei unterschiedlichem Einsatz des Turnier variierte. 8,5 Liter Super je 100 Kilometer wurden kaum unter-, 9 Liter nur selten überschritten. Der Durchschnitt stellte sich auf 8,7 Liter, und damit kann man zufrieden sein. Unser Wagen wog leer 1350 Kilogramm, das ist im Vergleich mit ähnlich großen Kombis eher wenig. Mit vollem 55-Liter-Tank kommt man fast 600 Kilometer weit.

Dichter Aufpreis-Dschungel

Der Focus Turnier wird in fünf Ausstattungsstufen angeboten, die sich aber nicht frei mit allen Motoren kombinieren lassen. So gibt es das VCT-Triebwerk nicht in der Basisversion Ambiente. Wer nicht unbedingt die Karosserie um 10 Millimeter tiefergelegt haben will (ob das Fahrwerk davon wirklich profitiert?), kann die Ausstattung Sport für 20525 Euro gleich abhaken. Der 800 Euro teurere Ghia bringt zwar viele wünschenswerte Extras ohne Aufgeld mit, doch manches davon ist (wie beim nochmals 200 Euro höher kalkulierten Titanium) rein optischer Natur oder sogar, wie der Veloursbezug, mit handfesten Nachteilen behaftet. Teillederpolsterung im Ghia kostet königliche 1950 Euro, enthält aber auch die sechsfache elektrische Einstellbarkeit des Fahrersitzes. Als die beste aller Optionen kann daher die Ausführung Trend (für 19250 Euro) gelten, die man dank Fords flexibler Aufpreisliste ganz nach Gusto hochrüsten kann. Das meiste von dem, was für sie nicht lieferbar ist, kann man leicht verschmerzen - außer vielleicht den Bordcomputer, zu dem auch das wichtige Außenthermometer gehört. Immer serienmäßig sind die grundsätzlichen Qualitäten des neuen Focus, und so sollte es ja ungeachtet der Dichte des Aufpreis-Dschungels auch sein.

Nächste Woche: VW Golf GTI DSG; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte

Quelle: F.A.Z., 26.04.2005, Nr. 96 / Seite T3
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