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Fahrtbericht Fiat Linea Ein neuer Anlauf mit Stufenheck

16.08.2008 ·  Wer Exklusivität zum Schnäppchenpreis haben will, muss sich nur ein kleines Auto mit Stufenheck kaufen. Erst recht, wenn es ein Fiat ist, der gar nicht so klein einen starken Motor aber auch einen großen Durst hat.

Von Gerold Lingnau
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Die Zeiten, als Stufenheckautos als umso langweiliger galten, je kompakter sie waren, scheinen vorbei zu sein. Gewiss: Bei den echten Kleinwagen hätte so etwas zumindest am deutschen Markt keine Chancen. Doch in der Golf-Klasse sieht das schon anders aus, selbst wenn im richtungweisenden VW-Programm der Jetta gegenüber seinem Bestseller-Bruder mit Schrägheck keinen Stich macht.

Anderswo - vor allem in Südeuropa - denkt man ohnehin weniger ablehnend über die Rucksack-Autos. Und wer sich hierzulande für sie interessiert, wird denn auch nicht allein gelassen. Fiat zum Beispiel bietet seit einem Jahr in Deutschland seinen Linea an, der in der Türkei gebaut wird und das Programm der Marke sinnvoll ergänzt.

Fast fröhliche Stimmung im Innenraum

Der zurzeit einzige Fiat mit Stufenheck ist kein kleines Auto, in der Länge - deutlich über 4,50 Meter - gleicht er einem 3er-BMW. Trotzdem ist er noch kein Mittelklasse-Modell: Denn er steht auf der Plattform des viel kürzeren Grande Punto, dessen Radstand für den Linea allerdings um stattliche neun Zentimeter gestreckt wurde.

Das schafft gute Voraussetzungen für reichlich Nutzraum, und den bietet dieser Fiat in der Tat. So ist man im Fond - abgesehen von den zu niedrigen Lehnen und der nur gerade so eben ausreichenden Kopfhöhe - mit einer gewissen Großzügigkeit untergebracht, die Knie haben genug Freiraum, und die Breite taugt sogar einigermaßen für drei Personen, auf dem Mittelplatz freilich mit den üblichen Einschränkungen wegen des Tunnels am Boden.

Erfreulich bequem gestaltet sich hier das Einsteigen. Auch vorn sitzt man kommod, die Sessel sind üppig dimensioniert und recht weich gepolstert. An heißen Sommertagen sind die Veloursbezüge jedoch nicht das Wahre. Es gibt ausreichend Ablagen, und das zweifarbige Armaturenbrett - unten hell, oben dunkel - bringt eine fast fröhliche Stimmung in den Innenraum.

Beklagenswerte Sichtverhältnisse

Die verfliegt, sobald der Fahrer auf die Instrumente schaut: Hier haben sich Designer ausgetobt, die man besser mit weniger wichtigen Dingen beschäftigen sollte. So beschreiben die Skalen von Tachometer und Drehzahlmesser nur wenig mehr als einen Halbkreis, sind also viel zu eng, und da sie zudem noch weißgrundig sind, ist es bei bestimmten Lichtverhältnissen unmöglich, sie abzulesen.

An Hebeln und Schaltern ist dagegen nichts zu bemängeln. Eine separate Einheit an der Lenksäule ist für den - mit 100 Euro Aufpreis günstigen - Tempomat zuständig, Radio- und Telefonfunktionen können mit Tasten am Lenkrad bedient werden. Eine Klimaautomatik schafft bei Hitze, zeitweise mit nervtötenden Gebläsegeräuschen, im Nu Massen von Kaltluft heran.

Die Sichtverhältnisse sind, vor allem für den Fahrer, so beklagenswert wie bei den meisten Autos von heute, die Spiegel sind nicht einmal asphärisch. Dass die Windschutzscheibe viel höher ansetzt als die Seitenfenster, hat auch ästhetische Konsequenzen: Diese Partie des Linea wirkt unharmonisch, während die Karosserie sonst kaum Anstoß bietet, aber auch wenig gestalterische Ambition verrät. Mit ihrer Verarbeitungsqualität kann zufrieden sein, wer sich den Blick in die weniger zugänglichen Ecken verkneift.

Keine Lizenz zur Familienkutsche

Die Stärke von Stufenheckautos liegt im Kofferraumvolumen, und da weist der Linea mit 500 Litern ein Oberklasse-Maß auf. Rückbank und Lehne lassen sich geteilt klappen: Dann kommen zwar eine kleine Stufe und eine leicht ansteigende Ladefläche, aber auch bis zu 870 Liter Stauraum zustande. Sperriges muss freilich draußen bleiben, und die hohe Bordkante (76, nach innen 26 Zentimeter) verlangt kräftige Muskeln beim Beladen.

Im Untergeschoss findet man, wenn man 50 Euro lockermacht, ein vollwertiges Ersatzrad statt des Reparatur-Sets. Dass die Urlaubsreise in Gefahr sein kann, verrät ein Blick auf die erlaubte Zuladung: Bei unserem leer 1310 Kilogramm wiegenden Linea verblieben ganze 390 Kilo Nutzlast - viel zu wenig für die Lizenz zur Familienkutsche.

Kleiner Hubraum - viel Leistung

An mangelnder Motorleistung hingegen muss das Ferienreise-Vergnügen nicht scheitern. Drei von acht im Grande Punto erhältlichen Triebwerken stehen auch für den Linea bereit, ein Diesel und zwei Benziner. Deren kräftigerer folgt einem auch bei anderen Herstellern verwendeten Rezept: mit Aufladung aus verbrauchsgünstig kleinem Hubraum viel Leistung zu holen.

Dieses bei Fiat T-Jet genannte Konzept führt beim stärksten Linea aus nur 1,4 Liter Hubraum zu ansehnlichen 88 kW (120 PS) und zu 206 Newtonmeter Drehmoment schon bei 2500 Umdrehungen je Minute. 200 km/h Höchstgeschwindigkeit erreicht der Fiat ebenso frischweg wie 10,5 Sekunden für die Beschleunigung aus dem Stand auf 100 km/h.

Auch die Durchzugskraft enttäuscht nicht und erspart manchen Griff zur wenig präzisen Schaltung. Im obersten, dem fünften Gang reichen knapp 16 Sekunden für den Spurt von 50 auf 100 km/h. Zu den angenehmen Seiten auch dieses Turbomotors gehört die gute Geräuschdämpfung selbst bei hohen Drehzahlen - vielleicht um das zu demonstrieren, fehlt am einschlägigen Instrument ein rot markierter Bereich, abgeregelt wird der Motor bei 6300/min.

Hoher Verbrauch - Kleiner Tank

Was beim T-Jet leider nicht so ganz aufgeht (das gilt auch für seine Pendants bei anderen Fabrikaten), ist das Versprechen fühlbarer Sparsamkeit. Bei schneller Autobahnfahrt, aber auch bei forciertem Tempo auf der Landstraße ist der Verbrauch kaum unter zehn Liter Super je 100 Kilometer zu halten.

Unser Durchschnitt von 8,8 Liter ist denn auch für den Hubraum undiskutabel und allenfalls mit den Fahrleistungen zu rechtfertigen. Einen habhaften Vorteil gegenüber größervolumigen nicht aufgeladenen Motoren vermögen wir aber nicht zu sehen. Im Fall des Linea stört zudem der häufige Zwang zum Nachfüllen - 45 Liter Tankinhalt sind zu wenig.

Vertikalbewegungen der Karosserie

Das vom Grande Punto entlehnte Fahrwerk ist nicht besonders aufwendig, macht seine Sache aber tadellos. Nur sollte man sich die 200 Euro Aufpreis für die 17-Zoll-Räder mit 45er-Breitreifen (statt 16 und 55) sparen: Sie machten unseren Linea unnötig bockig, provozierten stuckeriges Anfedern und deutliche Vertikalbewegungen der Karosserie auf schlechter Fahrbahn.

Der Abrollkomfort blieb aber akzeptabel, und beim Bremsen mögen die flachen Pneus noch das Tüpfelchen aufs i gesetzt haben: Hier glänzte der Linea mit sehr kurzen Anhaltewegen, makelloser Spurhaltung und uneingeschränkter Standfestigkeit.

In Kurven ist der Fiat kein drastischer Untersteuerer. Im Gegenteil verhält er sich fast neutral, denkt nicht ans Überschieben der Vorderräder und braucht nur im Extremfall die Hilfe des ESP, das es beim Linea bedauerlicherweise nur mit dem T-Jet-Motor aufpreisfrei gibt (sonst für 500 Euro und mit der Basisausstattung Active gar nicht zu haben).

Sympathien für den türkischen Italiener

Im Übrigen ist der Active schon annehmbar bestückt (die Kopf-Airbags kosten allerdings 280 Euro zusätzlich), doch den T-Jet bekommt man ohnehin nur in den höheren Ausstattungsstufen Dynamic und Emotion. Deren Preisdifferenz - 1600 Euro - ist nicht unerheblich, und so ist durchaus für den Dynamic zu plädieren, der mit 16.490 Euro angesichts der 120 PS ein faires Angebot ist.

Gegenüber dem von uns gefahrenen Emotion fehlt ihm nichts wirklich Wichtiges, vermissen könnte man allenfalls dessen Klimaautomatik (der Dynamic hat eine manuelle Klimaanlage), die man aber - wie praktisch alle zusätzlichen Details des Emotion - auch einzeln bestellen kann. Bedenkt man, dass schon der Grundpreis eines VW Jetta über 20.000 Euro liegt, kann man dem türkischen Italiener sehr wohl Sympathien entgegenbringen.

Daten und Messwerte

Empfohlener Preis 18.090 Euro
Preis des Testwagens 19.190 Euro

Vierzylinder-Ottomotor, Abgasturbolader, vier Ventile je Zylinder, 1368 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 88 kW (120PS) bei 5000/min

Höchstes Drehmoment 206 Nm bei 2500/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1800/min bis 4500/min

Manuelles Fünfganggetriebe (Automatikgetriebe nicht lieferbar)

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,56/1,73/1,49 Meter

Radstand 2,60, Wendekreis 11,0 Meter

Leergewicht 1200 (tatsächlich 1310), zulässiges Gesamtgewicht 1700, Anhängelast 1200 Kilogramm; Kofferraumvolumen 500 bis 870 Liter

Reifengröße 205/45 R 17 88 V

Höchstgeschwindigkeit 200 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 10,5 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 11,4/15,9 s

Verbrauch 8,2 bis 9,9, im Durchschnitt 8,8 Liter Super je 100 km; 157 g/km CO2 bei Normverbrauch von 6,7, Tankinhalt 45 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 15, TK 18, VK 13

Garantie 2 Jahre ohne Kilometerbeschränkung, 3 Jahre auf Lack, 8 Jahre auf Durchrostung, Mobilitätsgarantie 2 Jahre, Wartung alle 30.000 Kilometer oder jährlich

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