22.01.2008 · Chrysler will sich mit der Marke Dodge ein weiteres Standbein in Deutschland schaffen. Mit Fahrzeugen wie dem Avenger wird das allerdings kaum gelingen. Die Limousine ist zu grob und einfach gestrickt.
Von Boris SchmidtDie Marke Dodge ist in Amerika eine große Nummer. Mehr als 1,3 Millionen Autos mit dem Widder-Emblem werden dort Jahr für Jahr an den Kunden gebracht. Nur wenige Marken sind größer.
Aus dem europäischen Markt hatte man sich vor langer Zeit zurückgezogen (bis 1972 gab es in der Schweiz eine Dodge-Montage), nun versucht Mama Chrysler seit zwei Jahren, mit Sohn Dodge in Europa Fuß zu fassen. Man tritt mit dem Minivan-Verschnitt Caliber und dem SUV Nitro aggressiv-sportlich auf, bald kommt der Minivan Journey, und über allem schwebt der Supersportwagen und Beinahe-Klassiker Viper.
Mit den Europäern messen
Der neue Avenger, der sich seine technische Basis mit dem Chrysler Sebring teilt, gehört vom Format her (Außenlänge 4,85 Meter) in die obere Mittelklasse. Dodge sagt aber, man möchte sich mit den Volumenherstellern messen; also mit Ford, Opel, VW, Peugeot oder Toyota.
Deren entsprechende Angebote zählen zur Mittelklasse (Mondeo, Vectra, Passat, 407, Avensis). Macht nichts, der Dodge will ja ein Amerikaner sein und trägt bewusst dick auf. Aber die mächtige Front (à la Caliber oder Nitro) wird nicht jeder mögen, die „muskulösen hinteren Schultern“ auch nicht. Allerdings hat der nach oben gezogene Abschluss der hinteren Türen durchaus seinen Reiz.
Jede Menge Blech fürs Geld
Reizvoll ist auf den ersten Blick aber vor allem der Preis: In der Liste stehen 24.290 Euro, vier Jahre Wartung inklusive (bis 50.000 Kilometer). Für das Geld bekommt man jede Menge Blech und einen Zweiliter-Dieselmotor von VW (103 kW/140 PS).
Noch 2000 Euro günstiger wird der Avenger mit einem amerikanischen Zweiliter-Benziner (115 kW/156 PS), der aber beim Drehmoment natürlich nicht mithalten kann: Diesen Vergleich verliert er mit 190 zu 310 Newtonmeter. Entgegen ursprünglichen Ankündigungen wird es einen 2,7-Liter-V6 für den deutschen Markt nicht geben.
Luschig-leichter amerikanischer Plastik-Look
Ebenso wenig gibt es Extras wie Lederausstattung oder Schiebedach. Freunde des kleinen Luxus müssen auf die SXT-Modelle warten, die für dieses Frühjahr avisiert sind.
Die SE-Varianten kommen zwar nicht kärglich daher, die Gestaltung des Innenraums ist aber eine ziemliche Enttäuschung. Es dominiert der luschig-leichte amerikanische Plastik-Look, jede der fünf oben genannten Marken zeichnet schönere Innenräume.
Viel Platz für Personen und wenig für die Koffer
Aber man kann sich mit dem Stil mit etwas gutem Willen anfreunden, zumal es funktional nichts zu bemängeln gibt – außer den zu vielen Intervall-Optionen beim Scheibenwischer. Ein Tempomat ist selbstverständlich, man fährt ja schließlich ein amerikanisches Auto. Ein netter Gag ist das gekühlte (Extra-)Handschuhfach, in das vier Getränkedosen passen. Ein Sonderlob gibt es für die Heizung, die dank eines Zuheizers sofort für wohlige Wärme sorgt.
Leider muss man für ein CD-Radio Aufpreis bezahlen (540 Euro), in vielen Autos dieser Klasse gehört das inzwischen wie die Klimaanlage zur Serienausstattung. Sitzen kann man vorn wie hinten gut bis sehr gut, das ist eine der Stärken des großen Wagens. 2,77 Meter Radstand lassen grüßen. Hinten hat man nicht nur ausreichend Platz für die Beine, auch die Kopffreiheit ist gut. Der Beifahrer vermisst allerdings einen Haltegriff.
Eine weitere kleine Enttäuschung birgt der Kofferraum: 440 Liter Volumen sind in Anbetracht der Länge wenig, außerdem liegt nur ein Notrad im Fahrzeugboden. Dass die Innenseite des Kofferraumdeckels unverkleidet ist, unterstreicht den Billig-Charakter des Fahrzeugs, trotz der Fernbedienung für den Deckel. Wenigstens lässt sich das Ladeabteil nach innen erweitern. Es entsteht aber keine ebene Fläche
Ein kräftiger Bursche
Zum Motor: Der kann nicht verleugnen, dass er noch nach dem Pumpe-Düse-Prinzip den Kraftstoff direkt einspritzt, es geht somit kernig zu, wobei Dodge offenbar nicht an Dämmmaterial gespart hat. Was für Außenstehende noch ein kräftiges Nageln ist, wird für die Passagiere zu einem sonoren Brummen, das man durchaus gern hört. Zartbesaitete mögen den Motor als zu laut empfinden.
Auf jeden Fall ist er ein kräftiger Bursche, der den Dodge hurtig vorantreibt. In glatt elf Sekunden sind aus dem Stand 100 km/h erreicht, gut 200 km/h sind möglich. Dass zur Kraftverteilung sechs Gänge bereitstehen, gereicht dem Dodge nicht zum Nachteil, denn die sechste Stufe sorgt für kommodes Gleiten mit nur knapp 3000/min bei Richtgeschwindigkeit.
Wenig Platz für die Füße des Fahrers
Doch nicht nur beim Ausdrehen der Gänge steht das Triebwerk seinen Mann, auch die Elastizität ist nicht von schlechten Eltern: In 13,5 Sekunden gelingt der Spurt von 50 auf 100 km/h im fünften Gang. Das Getriebe lässt sich leicht und flüssig schalten, nur muss man aufpassen, dass man auf dem Weg vom fünften in den obersten nicht in der Gasse für den vierten landet.
Außerdem ist der Fußraum etwas eng. Wer ausladendere Schuhe anhat, bleibt beim Tritt auf die Kupplung gern links an der Seitenverkleidung hängen. Der Platz da unten ist wohl für den Betrieb mit nur zwei Pedalen ausgelegt, aber eine Automatik ist nicht in Sicht.
Auch einen Partikelfilter gibt es nicht ab Werk. Diesen kann man aber nachrüsten, ebenso wie Leichtmetallräder, Anhängerkupplung oder Parkpilot für hinten. Das gibt es alles beim Dodge-Händler, außerdem ein Navigationssystem (2499 Euro), eine DVD-Entertainmentanlage für die Rückbank (1349 Euro, Monitor an der Mittelkonsole zwischen den Sitzen).
Geringer Verbrauch
Wirklich erstklassig schlägt sich der Motor beim Verbrauch. 7,2 Liter Diesel auf 100 Kilometer im Schnitt bei kalter Witterung sind ein sehr guter Wert, bei einer Etappe durch die tempolimitierte Schweiz kamen wir sogar mit 6,4 Liter aus.
Der Tank fasst 63 Liter und garantiert große Reichweiten. Ärgerlich ist das Gefummel mit dem Zündschlüssel am Tankdeckel.
Durchschnittliches Fahrverhalten
Guten Durchschnitt, nicht mehr, nicht weniger, bietet der Avenger in Sachen Fahrverhalten. Die angetriebenen Vorderräder ziehen ihn sicher durch die Kurven. Wer es zu gut meint, muss sich mit starker Seitenneigung und kräftigem Untersteuern auseinandersetzen, das ESP greift gern regelnd ein.
Federungskomfort ist vorhanden, der Wagen ist wie erwartet weich abgestimmt, wobei die Lenkung recht unamerikanisch direkt zur Sache geht. Da kann man nicht meckern, und auch bei der passiven Sicherheit ist Dodge auf der Höhe der Zeit.
Isofix hinten ist Standard, ebenso Front- und Seitenairbags für vorn und Windowbags für vorn und hinten. Das Reifendruck-Kontrollsystem ärgerte zunächst bei der Fahrt in die Schweiz mit dauernden Fehlalarmen, aber als es eine Woche später wieder warnte, war tatsächlich deutlich zu wenig Luft im rechten hinteren Pneu.
Der Avenger wird ein Ladenhüter
„Amerika, du hast es besser“, wusste schon Goethe (die oft zitierte Zeile stammt aus der Gedichtsammlung „Zahme Xenien“ von 1827), doch beim Thema Auto für Europa haben GM, Ford und Chrysler schon seit langem nichts zu melden. Es scheint, als wüssten die amerikanischen Hersteller nicht, was sie tun sollen.
Ihre Produkte treffen trotz guter Ansätze nicht das hiesige Geschmacksmuster. Zu grob und einfach ist die Limousine gestrickt, zu plump das Styling. Und nach einem praktischen Kombi oder einem schrägen Heck darf man gar nicht fragen. Ganz abgesehen davon, dass die Motoren nicht das halten können, was die sportliche Hülle verspricht.
Aber: Würde der Avenger in Deutschland für 15.000 Euro angeboten (bei umgerechnet 13.700 Euro beginnt in Amerika die Preisliste), wäre er ein Knüller und würde als große Alternative zum Dacia Logan gehandelt. So aber wird er ein Ladenhüter bleiben. Der deutsche Markt verlangt andere Autos.
Daten und Messwerte
Empfohlener Preis 24.290 Euro
Preis des Testwagens 25.410 Euro
Vierzylinder-Turbodieselmotor, vier Ventile je Zylinder, 1968 Kubik Hubraum
Leistung 103 kW (140 PS) bei 4000/min
Höchstes Drehmoment 310 Nm bei 1750/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1500 bis 3800/min
Sechsgang-Schaltgetriebe (Automatik nicht vorgesehen)
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,85/1,84/1,50 Meter
Radstand 2,77, Wendekreis 11,10 Meter
Leergewicht 1560 (tatsächlich 1620), zulässiges Gesamtgewicht 2040, Anhängelast 1500 Kilogramm; Kofferraum 440 Liter
Reifengröße 215/60 R17
Höchstgeschwindigkeit 203 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 11,0 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 9,3/13,6/18,4 s
Verbrauch 6,4 bis 7,5, im Durchschnitt 7,2 Liter Diesel je 100 km; 170 g/km CO2 bei Normverbrauch von 6,2 Liter; Tankinhalt 63 Liter
Versicherungs-Typklassen HP 19, TK 21, VK 24
Garantie und Wartung Zwei Jahre Garantie ohne Kilometerbegrenzung, sieben Jahre gegen Durchrostung, vier Jahre Mobilitätsgarantie , vier Jahre keine Kosten für Wartung, inklusive Ölwechsel (bis 50.000 km)