26.11.2008 · Der Sandero 1.6 MPI der Renault-Tochter Dacia bietet solide Eigenschaften für Basismobilität. Viele Komfortdetails weist der nicht unschicke Viertürer allerdings nicht auf. Heißere Emotionen weckt der Dacia allerdings nur beim Blick auf den Kontostand.
Von Michael KirchbergerFrère Jacques singen die Franzosen bei Renault vergnügt. Und Bruder Jakob läutet da nicht nur die Glocken der schlichten Glückseligkeit, sondern in Zeiten von Finanz- und Autoabsatzkrise auch noch mit durchaus wohlklingendem Ton. Der Bruder ist dabei weder heilig noch eilig, sondern gehört in die Riege der billigen Jakobs und ist nach der ehemaligen römischen Provinz Dakien benannt.
Dacia lautet der Name der rumänischen Tochtergesellschaft von Renault, die in kurzer Zeit drei verschiedene Modelle auf den Markt gebracht hat. Jüngstes Kind ist der Sandero, ein Auto der Kompaktklasse mit einem ebensolchen Preis. Genau 10.000 Euro kostet das Spitzenmodell mit einem 1,6-Liter-Benziner. Ein Diesel ist nicht im Angebot, der würde vermutlich den straff gespannten Preisrahmen sprengen.
Tendenz zu ausladenden Verglasungen
Der Sandero, um eine Fingerbreite länger als vier Meter, schaut mit einem aller Welt gefälligen Lächeln auf die Straße. Die großen Scheinwerfer rahmen einen sachlich gezeichneten Kühlergrill ein und folgen der Design-Tendenz zu ausladenden Verglasungen.
Die sachten Ausformungen geben den Radhäusern einen kräftigen Charakter, ein kecker Kniff an den Flanken der Rückleuchten schiebt den Viertürer optisch an. Das Heck will nichts weiter sein als das hintere Ende eines Kompaktwagens und fällt deshalb weder unangenehm noch durch markante Linienführung auf.
1,75 Meter breit ist der jüngste Dacia, bei einer Höhe von 1,53 Meter. Dieser Wert sticht aus den üblichen Formaten der Klasse heraus. Um rund fünf Zentimeter übertrifft er die Höhe eines VW Polo oder des bisherigen Golf. Das führt zu Raumgewinn im Innern, vor allem aber erlaubt es eine erhabene Sitzposition.
Guter Ausblick auf Karosserie
Am Volant des Sandero genießt der Chauffeur einen überdurchschnittlich guten Ausblick auf die Ecken der Karosserie, in Ermangelung eines Parkpiloten eine sehr willkommene Tugend. Um den Sitzkomfort selbst steht es nicht so gut. Die Sessel bieten nur wenig Seitenhalt, auf langen Strecken beginnt es irgendwann am Ende des Rückens zu schmerzen, überhaupt braucht es Geduld und Kompromissbereitschaft, um eine pässliche Position am Lenkrad einzustellen.
Das Interieur macht zunächst einen sehr appetitlichen Eindruck. Matt silbern glänzen Einlagen in den Türverkleidungen und an der Mittelkonsole, lockern die sonst eher düstere Atmosphäre des Innenraums auf.
Bezüge kalt und hart
Große Erwartungen an die Haptik, also die Berührungssympathie, dürfen die Mitfahrer im Sandero allerdings nicht stellen. Kalt und hart fassen sich Bezüge und Verkleidungen an. Besonders die beiden recht unglücklich in der Mittelkonsole positionierten Taster für die elektrischen Fensterheber wirken wie in tristen Gewölben der Karpaten-Schlösser aus dem Vollen geschnitzt. Schnell wird deutlich: Immer wenn der kompakte Dacia versucht, einen Hauch von Luxus zu beschwören, geht das Engagement gründlich in die Hose.
Einfach, aber funktional ist die übrige Ausstattung, die Bedienung stellt keine besonderen Ansprüche an den Fahrer. Einzig die Steuereinheit der Belüftung mit der aufpreispflichtigen manuellen Klimaanlage (1200 Euro) ist weit unten in der Mittelkonsole untergebracht, man muss jedes Mal nach unten schauen, wenn man die Einstellung ändern will.
Ablagemöglichkeiten bietet der Sandero in gerade noch akzeptabler Zahl, immerhin ist die Größe des Handschuhfachs wohlbemessen, die Türtaschen müssen selbst bei antiquierten Straßenatlanten nicht kapitulieren (heute sucht wohl eher die CD-Sammlung für unterwegs eine Unterkunft), der Becherhalter auf dem Mitteltunnel verspricht viel und hält nichts.
Kräftezehrende Ladekante, anständiger Stauraum
Anständig ist das Stauraumangebot im Gepäckabteil. 320 Liter passen dort bei Beladung bis Oberkante Rückenlehnen hinein. Hinderlich bis kräftezehrend ist die hohe Ladekante. Die Verkleidung des Gepäckraums ist jedoch ordentlich, selbst seine obere Abdeckung, in der sich oft die Bemühungen zur Kostendämpfung manifestieren, macht einen äußerst soliden Eindruck. Das Umklappen der Rückbanklehnen zwecks Volumensteigerung auf maximal 1200 Liter gelingt mühelos.
Mit rauhem Lauf und nicht ohne Vibrationen tritt der Vierzylinder-Benziner des Dacia zum Arbeitsbeginn an. Kaltstarts stören ihn nicht, von Beginn an reagiert er willig auf den Gasbefehl. So zeigt der Sandero keine Anfahrschwächen, sondern beschleunigt halbwegs munter, wenngleich mit erheblicher Geräuschentwicklung in 11,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h.
Mit Geduld zur Höchstgeschwindigkeit
Hohe Drehzahlen schrecken ihn nicht, erhöhen aber, sollte der Fahrer sie öfter bemühen, den Treibstoffverbrauch deutlich. Um die Höchstgeschwindigkeit zu erreichen, verlangt der 1,6-Liter-Motor Geduld und Anlaufstrecke. 174 km/h schafft der 1140 Kilogramm schwere, frontgetriebene Wagen als Spitzentempo.
Das Getriebe arbeitet mit hinreichender Genauigkeit, seine fünf Gänge lassen sich zügig und präzise wechseln, die Schaltkulisse für den kurzen Hebel mit vergleichsweise langen Wegen ist fein definiert. Die Abstufung der Übersetzungen passen ebenfalls, bei Höchstgeschwindigkeit dreht die Maschine nicht ganz aus, bei Tempo 50 liegt die Drehzahl nur etwas über dem Leerlaufniveau, was sparsames Fahren ermöglicht.
Günstiger Minimalverbrauch
Das Ergebnis ist ein überraschend günstiger Minimalverbrauch von nur 5,2 Liter Superbenzin für 100 Kilometer. Daher ist die Reichweite mit maximal 50 Liter im Tank für einen Benziner außergewöhnlich groß. Ein weniger gezügelter Gasfuß führt freilich zu anderen Werten: Ein schneller Trip über die freie Autobahn wird mit 8,9 Liter je 100 Kilometer quittiert.
Das macht aber keine Freude, denn zum kräftigen Motordröhnen gesellen sich dann starke Windgeräusche, die eine Unterhaltung an Bord erschweren. Wer den Dacia für die Langstrecke nutzen möchte, wird sich gern beim Tempo mäßigen.
Der Fahrspaß im Billigauto ist dem Preis angemessen. Der Lenkung fehlt es an Direktheit, schwammig wirkt sie um die Mittellage, gibt nur wenig Rückmeldung von dynamischen Dingen, die sich zwischen Rädern und Straße ereignen. Erfreulich leichtgängig ist sie hingegen beim Rangieren in der Stadt.
Eingeschränkter Federungskomfort
Die Bremsen sprechen angenehm feinfühlig an, allein beim Verzögern aus hohen Geschwindigkeiten stellt sich bald leises Rubbeln ein. An der Standfestigkeit der Anlage ändert dieser Umstand nichts. Weit störender wirkt der eingeschränkte Federungskomfort des Sandero. Während die Grobheiten der Straße noch manierlich bewältigt werden, kann das Fahrwerk feine Fugen und Rillen, leichte Verwerfungen und Wellen nicht sonderlich gut verarbeiten. Die Folge sind ständige Karosseriebewegungen, die sich ermüdend auf die Passagiere auswirken.
In Kurven neigt sich der Wagen deutlich zur Außenseite, die Lust an der sportlichen Fortbewegung verliert sich bald zugunsten einer gemütlicheren Gangart – auch eine Möglichkeit, den Spritverbrauch zu dämpfen.
Mit der Spitzenausstattung Lauréate will der viertürige Sandero gefallen, für den der 1,6-Liter-Benziner die stärkste mögliche Motorvariante ist. Den Preis von 10.000 Euro kann man mit einer Metallic-Lackierung um 450 Euro und mit einem Paket aus Klimaanlage und CD-Radio um 1250 Euro erhöhen. Das Attribut billig trifft zu, im positiven Sinn von preisgünstig. Heißere Emotionen weckt der Dacia allerdings nur beim Blick auf den Kontostand.
Empfohlener Preis 10.000 Euro
Preis des Testwagens 11.700 Euro
Vierzylinder-Benzinmotor, zwei Ventile je Zylinder, 1598 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 64 kW (87 PS) bei 5500/min
Höchstes Drehmoment 128 Nm bei 3000/min, 90 Prozent davon ab 1500 bis 5100/min
Manuelles Fünfganggetriebe (Automatik nicht erhältlich)
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,02/1,75/1,53 Meter
Radstand 2,59, Wendekreis 10,5 Meter
Leergewicht 1036 (tatsächlich 1140), zulässiges Gesamtgewicht 1536, Anhängelast 1100
Kilogramm, Kofferraumvolumen 320 bis 1200 Liter
Reifengröße 185/65 R 15 89 T
Höchstgeschwindigkeit 174 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 11,5 s; von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 14,3/19,2 s
Verbrauch 5,2 bis 8,9, im Durchschnitt 7,2 Liter Superbenzin je 100 km; 170 g/km CO2 bei Normverbrauch von 7,2 Liter; Tankinhalt 50 Liter
Versicherungs-Typklassen HP 17, TK 17, VK 18
Garantie: zwei Jahre auf Lack, drei Jahre/sechs Jahre gegen Durchrostung, Wartungsintervall 30.000 Kilometer
Es fehlt ein ESP
Karsten Krug (kkrug)
- 26.11.2008, 16:51 Uhr