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Fahrtbericht BMW M3 Coupé Zwischen Wonne und Wahn

23.10.2007 ·  Mehr BMW war in jüngerer Vergangenheit kaum zu kaufen. Der neue Coupé ist dramatisch übermotorisiert und verbraucht viel zu viel Benzin. Dafür liegt er sicher auf der Straße und kann sowohl sanft bollern als auch stark beißen. Wolfgang Peters und der BMW M3 Coupé.

Von Wolfgang Peters
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Wenn T. C. Boyle mit einem Auto fahren muss, dann tut er es am liebsten mit einem BMW M3. Dafür hatten wir schon immer Verständnis und haben jetzt noch mehr: Der erste M3 mit V8 führt nicht nur Leistung im Überfluss heran. Er zeigt auch den direkten Weg zur eigentlichen Bestimmung des Automobils.

Und ganz nebenbei erzählt er romantische Geschichten von einem Leben zwischen Wonne und Wahnsinn. So wie Thomas Coraghessan Boyle.

Irrweg Leergewicht

Bisher musste sich der M3 mit sechs Zylindern begnügen. Das war nicht die schlechteste Form einer weißblauen Motorisierung auf des Messers Schneide. Und besonders deren letzte Ausgabe setzte Maßstäbe, die mit einem Saug-Sechszylinder in Alltagsform nicht mehr zu übertreffen waren.

77,6 kW je Liter Hubraum waren zu überbieten, und je kW fielen nur 5,9 Kilogramm an. Das kann der neue M3 zwar besser, aber – und das ist ein Vorgang, den man auch als Irrweg bezeichnen kann – mit welchem Aufwand: Der Vorgänger brachte 1495 Kilo Leergewicht auf die Waage, der neue wiegt 1580.

Und bei der vielleicht mittlerweile wichtigsten Kenngröße – zumindest in Europa – punktet die abgelöste Version klar: Im Normverbrauch liegt sie bei 11,9 Liter Super auf 100 Kilometer, beim neuen M3 sind da 12,4 Liter verzeichnet. Das relativiert den technischen Fortschritt durchaus. Zumindest bis der BMW gestartet wird.

Pure Kraft und Muskeln

Zuvor wandert der M3-Novize freilich ein wenig um das Auto herum. Das Auge isst ja schließlich mit. Sensible Schöngeister werfen den BMW-Designern vor, der M sei hässlich.

Nun wirkt jeder M (vom 3er über den 5er bis zum 6er) sehr unterschiedlich, der M6 folgt dem Schönheitsideal des Dichters unter dem Dach am wenigsten, und der neue M3 ist nicht nur die jüngste, sondern auch die beste Interpretation der dahinter wirkenden Gedanken- und Technikwelt: Mit dünnem Maschendrahtkaro verkleidete Nüstern in der Frontpartie, knappe Kiemen in den Seiten, ein bescheiden wirkender Spoiler auf der Kofferraumklappe, eher eine Abrisskante, und die wuchtige Beule auf der Haube sind eher dezente als drastische Hinweise auf seine Andersartigkeit.

Dabei wird klar: Ein M-Mobil hat nicht die Aufgabe, schön zu sein. Es ist pure Kraft und hat Muskeln, und es darf einen Hang zum Spektakel haben. Schönheit führt immer auch etwas Verletzliches heran. Damit ist es vorbei, wenn der V8 erwacht. Für den empfindsamen Menschen brechen alle Dämme, und er ist bereit zum Äußersten: Durch den Verzicht auf jede dritte Fahrt mit seinem M3 und den Umstieg auf das Fahrrad wird ihm die Absolution der Kohlendioxid-Kanzlerin erteilt.

Die Limousine wird folgen

Die Basis für diesen M3 liefert das noch relativ junge 3er-Coupé, und es macht seine Sache gut. Es ist nicht zu schmal dimensioniert, es hat breite Schultern, und es bietet eine steife Struktur.

Für das Frühjahr 2008 hat BMW eine M3-Limousine angekündigt, und wie wir die Bayern mit ihrem professionellen Hang zur profitablen Nische kennen, wird es dabei nicht bleiben, auch der neue V8 wird sich bis zur Z-Baureihe hin breit- machen, das aktuelle Z4 M Coupé wird noch von dem einstigen M-Reihensechser befeuert. Aber wohl nicht mehr lang.

Der höfliche Gurtbringer

Den Zugang zum neuen M3 geben zwei sehr breite Türen frei. Das ist nur angenehm, wenn man nicht gerade in einer schmalen Parknische steckt. Auf dem Weg nach hinten ist Demut gefragt, Kinder schlüpfen dort flugs hinein, Opa schimpft darüber. Er hockt auch wie eingemauert, die flache Seitenscheibe lässt sich nicht öffnen, und die hohe Gürtellinie verwehrt ihm den Blick zur Seite.

Da hat man es vorn besser: Schmale, hart gepolsterte, aber nicht unangenehm konzipierte Sitze bieten guten Halt, und BMW hat auch im M3 Coupé dafür gesorgt, dass der Fahrer alles dort findet, wo er es erwartet. Die Verarbeitung ist exzellent, der Kunststoff ist es nicht immer, die Rücksitzbank ist nicht variabel.

Es gibt viele Schalterchen und den iDrive-Knubbel, man kann sich auch daran gewöhnen. So wie an den höflichen Gurtbringer, der beim Start nach vorn fährt und sich mit einem lauten Geräusch wieder zurück- zieht. Aber da läuft die Maschine schon.

Elektronischer Overkill

Der V8 mit Vierventiltechnik erwacht auf den ersten Druck des separat angeordneten Startknopfs, seine Stimme berichtet schon im Leerlauf mit der Heiserkeit des Athleten von den Verlockungen der Kraft. Zu den BMW-Eigenheiten der M-Manie gehört seit dem aktuellen M5 ein gewisser elektronischer Overkill.

Auch im neuen M3 lassen sich unterschiedliche Programme für Motor- und Getriebesteuerung und für das Fahrwerk abrufen. Wir machen es uns da immer recht einfach und entscheiden wie bei der Wahl des Rettichs: Die schärfste Auslegung ist uns gerade sanft genug. Beim Rettich tränen dann die Augen, im M3 flattern deren Lider. Doch nur bei vollem Beschleunigen.

Achillesferse Sechsganggetriebe

Historie und Aura des M3 führen womöglich auf die falsche Fährte: Das Einlegen des ersten Gangs und das Anfahren mit der klar greifenden Kupplung und der gut definierten Gaspedalbewegung ist eine Übung der Höflichkeit.

Dann wieder schalten, der M3 setzt sich geschmeidig in Bewegung, es gibt kein Höllenfeuer und keine lautmalerischen Orgien aus der Abgasanlage, nicht einmal ein Ast bricht aus unserer Eiche. Dennoch klingt der V8 immer nach Sport und Spaß, und er dreht mit diesem Rennsport-Schnarren frei hoch, das den wirklich scharfen Motoren vorbehalten bleibt.

Im Wirken von Kuppeln, Schalten und Gasgeben ist das manuell zu bedienende Sechsganggetriebe eine kleine Achillesferse: Es arbeitet mit kurzen Wegen, aber nicht ohne Knorpel, jeder Gang fordert die nachdrückliche Überwindung eines unangenehmen Widerstands kurz vor dem Einrasten.

Genuss - auch ohne 250 km/h

Natürlich erlaubt der V8 jene außergewöhnlichen Fahrleistungen, die das BMW Coupé zu einem M machen. Weil der Motor nicht nur sanft bollern, sondern auch stark beißen kann, wunderbar elastisch ist (schon bei 2000 Umdrehungen in der Minute schieben 320 Newtonmeter an) und zudem mit den frei klingenden Tönen eines Alphorns hochdreht, wird hier jene Faszination geboren, die nicht zum Rasen führen muss.

Der Motor ist eine überaus wache Maschine, und so kommt es mit der Präzision seiner Funktion und mit der Exaktheit und sicheren Ausgewogenheit von Lenken und Fahrverhalten zu jener Freude am Fahren, die früher sprichwörtlich war. Dass es dabei nicht in erster Linie ums Tempo geht, versteht sich bei den aktuellen Verhältnissen auf den Straßen von selbst. So lebt man im M3 zwischen Wahn und Wirklichkeit: Es ist ein Genuss, auch ohne 250 km/h.

Er klingt wie Wassermusik

Der Verbrauch des hochdrehenden V8 hängt in hohem Maße vom Fahrer ab. Wir fuhren den M3 mit 9 Liter auf 100 Kilometer Super Plus auf der Landstraße, mit maximal 120 km/h auf der Autobahn. Aber wir kamen auch auf 14 bis 18 Liter, im Durchschnitt waren es 12,3, auch angesichts der Leistung zu viel. Der Tank fasst 63 Liter und ist für lange Distanzen zu klein.

Im alltäglichen Umgang mit dem M3 wird klar: Es gibt nicht viele Sportwagen auf seinem Niveau, die ähnliche Mengen an Platz, an Kofferraumvolumen und an Fahrkomfort bieten. Gleichzeitig führt der M3 auf seiner emotionalen Seite zur Freude am Fahren, wie es keiner weißblauer hält als BMW. T. C. Boyle weiß, weshalb er am liebsten M3 fährt. Denn der klingt wie Wassermusik.

Daten und Messwerte

Empfohlener Preis 66.650 Euro
Preis des Testwagens 80 880 Euro

Achtzylinder-Motor, vier Ventile je Zylinder, zwei obenliegende Nockenwellen je Zylinderreihe, 3999 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 309 kW (420 PS) bei 8300/min
Höchstes Drehmoment 400 Nm bei 3900/min, mindestens 90 Prozent davon ab 2800 bis 8000/min

Manuelles Sechsganggetriebe (noch kein automatisches Getriebe erhältlich)
Antrieb auf die Hinterräder, Fahrstabilitätssysteme

Länge/Breite/Höhe 4,62/1,80/1,42 Meter
Radstand 2,76, Wendekreis 11,7 Meter

Leergewicht 1580 (tatsächlich 1635), zulässiges Gesamtgewicht 2080, Anhängelast nicht angegeben; Kofferraumvolumen 430 Liter
Reifengröße 245/40 ZR 18 Y vorn, 265/40 ZR 18 Y hinten

Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 4,9 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 6,3/7,8/9,8 s

Verbrauch 9 bis 18, im Durchschnitt 12,3 Liter Super Plus je 100 km; 295 g/km CO2 bei Normverbrauch von 12,4 Liter; Tankinhalt 63 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 18, TK 30, VK 29
Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, zwölf Jahre gegen Durchrostung

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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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