12.08.2009 · Der bayerische Mensch wird nicht mit Ideen, sondern mit Klapsen auf den Hinterkopf überzeugt. Diese sorgten für den neuen Siebener von BMW. Was für ein schönes Ergebnis.
Von Wolfgang PetersDie Lebenslust des Barock kommt in 5,4 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, läuft bei Tacho 258 in die Watte des Abregelns, und der Fahrer muss dabei nur den Gasfuß gedrückt und die Straße sowie die Tankanzeige im Auge behalten: Der 750i ist meist nicht nur schneller, als man fühlt, sondern man glaubt fast immer, langsamer zu sein, als es ginge. Aber dem ist nicht so.
Nach unserem ersten Fahrtbericht über den neuen 730d mit formidabler Knauserleistung beim Verbrauch hat uns ein gütiges Schicksal nun mit dem 750i versehen. Natürlich redet der prachtvolle Diesel im 730d dem Zeitgeist nach dem Mund, und unser jüngerer Kollege, der oft argumentiert „mehr Auto braucht kein Mensch“, der wäre mit der Selbstzündervariante sehr zufrieden. Aber der ältere Mensch gönnt sich gern noch ein Schäufelchen vom Luxus, weil er zu einer Generation gehört, die diesen einmal vermissen musste. Und da kommt der 750i gerade recht.
Denn ein Siebener-Modellprogramm ohne Otto-V8, das ist wie Weißbiertrinken ohne den Kaiser. Oder ohne Waldi, den wir noch aus der Zeit kennen, als er Biergutscheine einsammelte.
Und jetzt fahren wir im 750i und hören mit den alten Geschichten auf: Der V8 ist die standesgemäße Art der Fortbewegung im Siebener, zumal dieser nun als 760i einen neuen Zwölfzylinder erhalten hat und wir stolz Verzicht üben können und Bescheidenheit mit dem V8 demonstrieren. Aber die ist auch relativ.
Denn dieser V8 ist der beste Siebener, nicht aller Zeiten, wie gern superlativig getönt wird, sondern einer Gegenwart, die durchaus eine Zukunft hat. Denn die Wandlung des aktuellen Siebeners zum muskulösen Designobjekt im Vergleich zu seinem kolossalen Vorgänger demonstriert nicht nur Luxus und Leistung und die Liebe zur Technik, sondern jene Eigenschaft des bayerischen Menschen, die zu seinen liebenswürdigeren gehört: Er liebt den frechen Kerl, der den drallen Jungfrauen das Busentücherl aus dem Balkon am Dirndl zaubert.
So frech kommt der neue Siebener daher und gleichzeitig so respektabel, dass er auch den wenigen zur Sturheit neigenden BMW-Kerlen ohne Gesichtsverlust die Zustimmung zur neuen Körperlichkeit abringen konnte. Das ist nicht unwichtig, denn der Bayern-Mann ist stolz wie der Adler, der bekanntlich in großen Höhen einsam fliegt.
Fast ein Schluckspecht
So ist der neue Siebener auch ein Ausweis für Leistung und Leistungsbewusstsein der deutschen Autoindustrie. Hybrid hin oder her, der Benzin-V8 mag mehr verbrauchen und im Vergleich zum Knauserdiesel im 730d fast ein Schluckspecht sein, aber wenn man weniger damit fährt?
Oder man bewegt den Siebener mit jener Zartheit, die sonst für das Schneiden eines Radis (Rettich) aufgewendet wird: Bei einer unserer Sparfahrten begnügte sich der 750i laut Bordrechner mit 9,8 Liter Super für 100 Kilometer, dann gleitet die Limousine mit etwa 130 km/h dahin und ist noch längst kein Verkehrshindernis.
Schnelles Fahren fordert - nicht unerwartet - den Expresszuschlag: 16,5 Liter sind auf langen Sprintstrecken zu entrichten, meist kommt man auch bei zügiger Fahrweise mit weniger aus, unser Durchschnitt über 2077 Kilometer lag bei 14,2 Liter.
Zornige Trompeten eines gestörten Elefanten
Damit wird eine Limousine entlohnt, die in allen ihren Eigenschaften dazu geeignet ist, Maßstäbe zu setzen. Vor allem aber beim Antrieb. Der mit Biturbo gekräftigte V8 kann nur im Rahmen des technisch Machbaren zur Sparsamkeit angehalten werden.
Aber gleichzeitig verbindet er Kraft und Komfort in bester BMW-Tradition: Laufkultur und Leistungsentwicklung gehören zum Besten, was man sich in der dünnen Luft der absoluten Oberklasse kaufen kann. 600 Newtonmeter an Durchzugskraft, die von 1800 bis 4800/min komplett anwesend und wachsam sind, verbünden sich bei Bedarf mit der Leistung von 300 kW (407 PS) zu einem Muskelpaket, das den einstigen Stier von Kochel zum Erbleichen gebracht hätte: exzellente Fahrleistungen, eine auf sehr rasch zu realisierende 250 km/h begrenzte Höchstgeschwindigkeit und unter Volllast das zornige Trompeten eines im Zeugungsakt gestörten Elefanten emittierend, das sind nur einige Eindrücke von diesem Triebwerk.
Zu rasch und zu knusprig
Die Automatik verteilt bei ruhiger Fahrt völlig unaufgeregt die Schaltstufen (der Wählhebel wohnt wieder auf der Mittelkonsole) und ist gleichzeitig sehr rasch mit einem niedrigeren Gang zur Hand, wenn es noch zügiger werden muss.
Dazu gibt es ein Fahr-Menü mit unterschiedlichen Programmen für Motor, Getriebe und Fahrwerk: Sport war uns mitunter zu rasch und zu knusprig, und mit Normal möchte man sich andererseits auch nicht abfinden, aber wenn man sich dann für Comfort entscheidet, wird es schaukelig - also doch wieder auf Sport setzen?
Der große „blind spot“
Dennoch kann jeder Kilometer zum Genuss werden, auch wenn der Siebener natürlich nicht das perfekte Auto ist: Die Karosserie ist von einer dramatischen Unübersichtlichkeit, längere Eingewöhnung tut not, die Anwesenheit des Parksystems mit Piepen und Kamerabild nimmt man gern zur Kenntnis; ungern akzeptierten wir die Breite des Autos, in Baustellen bleibt man meistens rechts, die deutsche Normgarage mieden wir, und Parkhäuser darf man als Prüfung einschätzen.
Alle Ablagen vom Handschuhfach bis zu Türfächern und Taschen sind zu klein geraten; man steigt zwar vorn und hinten ohne Verrenkungen ein, aber wenn man sitzt, ist die voll aufgeschlagene Tür zum Zuziehen außer Reichweite; an den Flanken der Karosserie ist kein besonderer Schutz vorgesehen; der Platz in der Mitte auf der eigentlich üppig geschnittenen Sitzbank ist hart gepolstert und unbequem, man sitzt auch höher, und irgendwie fühlt man sich ungelitten; ein Reserverad ist nicht an Bord, wir können uns an dessen Abwesenheit nicht gewöhnen; die Rückbank ist nicht variabel, es gibt eine Durchreiche in der Rückbanklehne; die Klimatisierung erreicht einen ungewöhnlich hohen Standard, vorn und hinten kann man die Temperatur unabhängig wählen; bei entsprechender Sonneneinstrahlung treten in der Windschutzscheibe starke Reflexe auf, und der Fahrer klagt über einen viel zu großen „blind spot“.
Fensterrahmen und Seitenspiegel mitsamt kräftiger Halterung verdecken in Kurven große Abschnitte der seitlichen Straßenfläche und mitunter entgegenkommende Verkehrsteilnehmer; die Ladekante für den kubisch gestalteten und nur ausreichend dimensionierten Kofferraum liegt nach außen kaum erträgliche 70 Zentimeter über dem Straßenniveau und nach innen 19 Zentimeter, das erschwert das Verstauen größerer Gepäckstücke; der Deckel des Kofferraums räumt sich auf Knopfdruck aus dem Weg und schwingt weit nach oben; neugierige Buben haben beim Blick durch das Seitenfenster keine Chance auf 300-km/h-Faszination: im Ruhezustand sind die Armaturen, natürlich einschließlich Tachometer, eine schwarze Fläche.
Lächeln des Entrücktseins
Ein Auto dieses Formats bietet reichlich Raum für seine Passagiere, und BMW hat es verstanden, wieder jene Kultur der Fahrzeugbeherrschung zu kreieren, die nicht von Computerkenntnissen abhängig ist. Das gilt vor allem für die Bedien-Menüs, denen man sich hingeben kann, aber nicht ausliefern muss. So ist der 750i relativ einfach zu beherrschen, allerdings nur dann, wenn man vermeidet, in die Tiefen der Komfort- und Sicherheitssysteme (Assistenten und Kontrollfunktionen in großer Menge) einzutauchen.
Man lässt sich am besten diese Dinge mal konfigurieren und versucht, das Lächeln des Entrücktseins von den Regionen der Abwrackprämienautos nicht permanent zu zeigen. Mit Bescheidenheit hätte es den Barock nicht gegeben.
Empfohlener Preis 91.000 Euro
Preis des Testwagens 101.000 Euro
V-Achtzylinder-Ottomotor mit Twin Turbo, Direkteinspritzung, vier Ventile je Zylinder, 4395 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 300 kW (407 PS) bei 5500/min
Höchstes Drehmoment 600 Nm von 1750 bis 4500/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1500 bis 5500/min
Sechsstufiges Automatikgetriebe
Antrieb auf die Hinterräder
Länge/Breite/Höhe 5,70/1,90/1,48 Meter
Radstand 3,07, Wendekreis 12,2 Meter
Leergewicht 1945 (tatsächlich 1995), zulässiges Gesamtgewicht 2575, Anhängelast 2100 Kilo; Kofferraumvolumen 500 Liter
Reifengröße 245/50 R 18
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 5,4 s
Verbrauch 9,8 bis 16,5, im Durchschnitt 14,2 Liter Superbenzin je 100 km; 266 g/km CO2 bei Normverbrauch von 11,4 Liter; Tankinhalt 82 Liter
Versicherungs-Typklassen HP 23, TK 28, VK 30
Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, drei auf Lack, 12 auf Durchrostung, unbegrenzt auf Mobilität bei autorisiertem Service, Wartung nach Anzeige
Mittelsitz hinten
Moritz Lingens (MoritzLingens)
- 12.08.2009, 14:45 Uhr
Der einstige Stier von Kochel?
Hendrik Sehlbach (Sehlbach)
- 12.08.2009, 17:02 Uhr
Interruptus im Siebener
Claus Ernst (V_Brevis)
- 12.08.2009, 18:38 Uhr
Weil der Diesel eigentlich nie wirklich...
Alfons Crocusé (ALCR)
- 12.08.2009, 18:41 Uhr
angemessener Verbrauch
Peter Pagel (Lindisfarne)
- 16.08.2009, 14:50 Uhr