08.12.2008 · Der Alfa Romeo MiTo aus dem Hause Fiat ist der erste Alfa für alle und zugleich ein optisches Spektakel. So düst das rote Coupé mit einem agilen Motor und zupackenden, standfesten Bremsen sicher über die Straßen.
Von Wolfgang PetersDer erste Versuch ging ziemlich daneben. Dabei war das Auto beinahe der Streich zweier Genies. Der Österreicher Rudolf Hruska entwickelte, und der Italiener Giorgio Giugiaro zeichnete: der Alfasud war seiner Zeit voraus und führte dennoch (oder deshalb?) zusammen mit seinem Nachfolger Alfa 33 die Marke in die Pleite.
Fiat breitete die Arme aus, und jetzt folgt der zweite Alfa-Anlauf in dieser Klasse: Der MiTo (Kurzform für Milano und Torino) basiert im technischen Grundkonzept auf dem Fiat Punto und könnte der Alfa für alle werden. Denn die Fiat-Farben werden in ausreichender Menge überdeckt von der Alfa-Attitüde. Und die glänzt rot.
Auf dem deutschen Markt ist der kleinste Alfa in drei Motor- und mit einer Karosserieversion zu haben. Der in schöner Absicht eng an das Design des in kleiner Auflage für handverlesene Kunden produzierten Alfa 8C gelehnte MiTo-Stil erträgt nur zwei Türen und eine Heckklappe.
Lizenz zum Tröten
Die Botschaft ist klar: Wer mehr möchte, der soll sich doch den Fiat Punto kaufen, ein Alfa ist in dieser Klasse eher Coupé als Kalesche. Vom Triebwerk-Trio wird das auf den ersten Blick nicht komplett eingelöst, denn es gibt zwei 1,4-Liter-Benziner und einen Sechzehnhunderter-Diesel.
Die kleinste Otto-Maschine bietet recht zivile 58 kW (79 PS) und hat nur wegen ihres Norm-Verbrauchs von 5,9 Liter Super die Lizenz zum Tröten. Und der Diesel legt sich zwar mit 88 kW (120 PS) und einem kraftwerkähnlichen Drehmoment von 320 Nm bei 1750/min ins Zeug, aber er bleibt dennoch ein Diesel. Sein Verbrauch im Fahrzyklus liegt bei 4,8 Liter, und das ist ein schönes Wort, aber ein ähnlich durchzugsstarker und sparsamer Benziner wäre uns schon lieber.
Gut, dass es die vielfältigen Errungenschaften der Elektronik gibt: Ihnen ist die Existenz des von uns gefahrenen 1.4 TB zu verdanken, und diese Maschine ist das richtige Herz für einen Alfa, der auch als MiTo so rot ist wie das Blut der einsamen Büffel in der Campagna, denen wir die Milch für milden Mozzarella verdanken.
Von innen heraus vibrieren
D.N.A. nennt sich eine Fahrdynamikregelung, die Motor, Getriebe, Lenkung und Fahrwerk schärft oder mildert. Je nach Stellung des Schiebeschalters auf dem Mitteltunnel ist der MiTo hitzig und der Fahrer schwitzig oder das Auto ist seidiert und der Fahrer wirkt senil. Diese Wesensänderungen treffen nicht den Kern der Marke, wir waren meist mit Dynamic unterwegs. Ein Alfa muss von innen heraus vibrieren.
Ein Alfa Romeo muss auch immer ein optisches Spektakel sein. Wenn er das nicht ist – der Alfasud war leider konsequent vernünftig –, fährt er nicht auf der richtigen Spur. Der MiTo ist immer auf der Überholspur unterwegs. Schon im Stand.
Unübersichtlich wie die italienische Parteienfinanzierung
Aber bei der Bewertung seiner Eignung für den Alltag des Proleten, da wird er zum Problemfall: Die attraktive Karosserie ist unübersichtlich wie die Finanzierung der Parteien in Italien, der Kofferraum ist zu klein geraten, und die Ladekante liegt sowohl über der Straße als auch über dem Boden des Kofferraums auf einem Niveau, das wir unserem Orthopäden besser verschweigen. Immerhin bewegt sich die Heckklappe über die Stehhöhe hinaus und gibt eine ausreichend dimensionierte Öffnung frei.
Dahinter wartet klassengerechte Variabilität, Ladefläche und die Rückseite der Banklehnen sind mit Teppichboden verkleidet, das macht einen guten Eindruck. Überhaupt ist die Verarbeitung tadellos, und das Material für Armaturenträger und Verkleidungen wirkt auch dann noch sympathisch, wenn man es anfasst.
Auf der Rückbank geht es eng zu
Die Türen bewerben sich um den Preis der breitesten Exemplare ihrer Gattung, wir haben 134 Zentimeter gemessen, das führt zu unangenehmen Engpässen in schmalen Parknischen. Nach hinten einzusteigen sollte man lassen, wenn man älter ist als 32 Jahre oder eine Hochfrisur trägt oder beide Merkmale erfüllt. Auf der Rücksitzbank geht es eng zu, es kneift überall ein wenig, und wer sich in diesen MiTo verguckt hat, der definiert ihn für sich am besten gleich als Zweisitzer mit hoher Ladekapazität und der Möglichkeit zur gelegentlichen Mitnahme geschmeidiger Passagiere auf den Rücksitzen.
Es gibt viele, aber zu klein geratene Ablagen, der Autoatlas steckt ja schon im Navigationssystem. Wer das will, muss sich in eine Liste von Paketen und Extras begeben, gegen die das Labyrinth des Minotaurus wie eine britische Telefonzelle wirkt.
Zitierte Alfa-Vergangenheit
Für den Fahrer gibt es einen Aufenthaltsort mit durchschnittlichem Wohlfühlfaktor. Sehr hübsch sind die lederbezogenen und gut dimensionierten Sitze im Vantage-Design, so zitiert man schön die Alfa-Vergangenheit. In Ordnung geht die etwas aus der Längsachse herausgerückte Sitzposition, vom zu flach liegenden Volant hat sich Alfa gottlob längst verabschiedet.
Bei heftigem Beschleunigen toben sich die Antriebseinflüsse allerdings ungeachtet des guten Servosystems im Volant aus. Die Lenkung arbeitet im Prinzip sehr genau, lediglich um die Mittelposition herum reagierte sie etwas unexakt. Der Schalthebel liegt gut zur Hand, die sechs Vorwärtsgänge sortiert man auf kurzen Wegen, die zudem exakt definiert sind.
Die ausreichend groß geratenen Instrumente glühen heftig in der Nacht, der Drehzahlmesser warnt erst bei 6500/min, und das darf durchaus als Aufforderung gewertet werden.
Lästiger Lärm auf langen Strecken
Denn die 1,4-Liter-Maschine dreht mit lustvollen Geräuschen sehr rasch hoch und offenbart just jene Temperamente, die man bei den eingangs erwähnten Damen zumindest vermutete. Allerdings verliert sich die Faszination des Motors (er hockt ein wenig gedrängt unter einer Haube, die man von Hand aufstemmt und mit antiquierter Blechstange fixiert) auf langen Strecken, der Lärm macht nicht gerade krank, aber er wird sehr lästig. Wobei man bei der sehr bemerkenswerten Höchstgeschwindigkeit leiser unterwegs ist als etwa bei drei Viertel davon.
Über die Verbrauchswerte des MiTo kann man sich sehr unterschiedlich äußern: Wer ihn wirklich zügig fährt und sich den Spaßfaktoren aus Drücken, Drehen und Knallen aussetzt, wird nach unseren Erfahrungen über 10,8 Liter Super auf 100 Kilometer klagen müssen. Bei dezentem Umgang mit dem Akzelerator kamen wir auf 6,1 Liter, im Durchschnitt auf 7,3 Liter.
Kürzelwahn sorgt für Verblüffung und Verärgerung
Hinter den Kulissen des MiTo gehen nicht die Legionen des Publius Quinctilius Varus, sondern Kohorten der Elektronik ans Werk. Bei der Beschäftigung mit diesem Alfa gerät man mit einem Kürzelwahn in Berührung, der erst für Verblüffung und dann für Verärgerung sorgen kann. Dahinter verbergen sich recht vitale Eigenschaften des Antriebs und der Sicherheit, die man zwar schätzt, aber nicht jederzeit aufdringlich herbeten möchte.
Unter dem Strich ergibt sich Lob für die Agilität des Motors, für die Sicherheit der Straßenlage (etwas getrübt durch die zu weich auf Richtungsänderungen reagierenden Winterreifen) und die zupackende Art der standfesten Bremsen. In Kurven folgt der MiTo bis in den sehr hoch angesiedelten Grenzbereich ohne Zagen dem Lenkeinschlag. Dann beginnt er über die Vorderräder zu schieben und lässt sich nur mit sehr heftigen Lastwechseln zu einem kontrollierbaren Ausschwenken des Hecks überreden.
Der zweite Versuch mit dem Alfa für alle wird nicht danebengehen. Leider müssen wir eingestehen: Vor allem wegen der beiden anderen Motorversionen wird der Alfa MiTo der erste Alfa für alle. Denn es obsiegt die Vernunft. Wie schade. Im Kino lag auch Sophia L. vorn.
Empfohlener Preis 17.950 Euro
Preis des Testwagens 20.250 Euro
Vierzylinder-Vierventil-Ottomotor,Turbolader, 1368 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 114 kW (155 PS) bei 5500/min
Höchstes Drehmoment 230 Nm bei 3000/min, mindestens 90 Prozent davon ab 2200 bis 5200/min
Manuelles Sechsganggetriebe (Automatikgetriebe noch nicht lieferbar)
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,06/1,72/1,45 Meter
Radstand 2,51, Wendekreis 11 Meter
Leergewicht 1220 (tatsächlich 1254), zulässiges Gesamtgewicht 1625, Anhängelast 500 Kilogramm; Kofferraumvolumen 270 bis 950 Liter
Reifengröße 205/45 R 17 V
Höchstgeschwindigkeit 216 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 8,5 s, von 50 auf 100 km/h im 5./6. Gang in 9,5/12,8 s
Verbrauch 6,1 bis 10,8, im Durchschnitt 7,3 Liter Superbenzin je 100 km; 153 g/km CO2 bei Normverbrauch von 6,5 Liter; Tankinhalt 50 Liter
Versicherungs-Typklassen HP 17, TK 22, VK 20
Garantie Serviceintervalle alle 35.000 km, keine Jahresinspektion, Garantiezeit 4 Jahre maximal 200.000 Kilometer, europaweite Mobilitätsgarantie, 8 Jahre gegen Durchrostung und 3 Jahre Lackgarantie.