Wie wohl so ein Arbeitstag in der oberen Etage von Audi aussieht? Da müssen ein paar ManagerInnen sitzen, die gewöhnlich hinten rechts Platz nehmen, ab und an gerne selbst zugreifen, dann aber was richtig scharfes in der Hand haben wollen.
Also entscheiden sie: Lasst uns von unserem großen A 8 nicht nur eine Langversion, einen Zwölfzylinder und einen mit Hybridantrieb machen, sondern auch einen, dem der Dampf zu den Kotflügeln rauskommt. Nur saufen darf er nicht. Den nennen wir S 8, das Marketing macht daraus „luxuriöse Sportlichkeit und intelligente Kraft“, und an die Technik ergeht der Auftrag, das Oberhaupt der S-Modelle auf die Räder zu stellen.
Wie wohl so ein Arbeitstag in der Entwicklungsabteilung von Audi aussieht? Da müssen ein paar Jungs und Mädels monatelang an Kleinigkeiten tüfteln, um dann eines Tages mit einer genialen Idee wie Q aus der Kiste zu springen. Achtzylinder mit 520 PS und 650 Nm Drehmoment, geht klar, aber das kann nicht alles sein.
Liebe zum Detail
Während der Fahrt aus Versehen den Hebel für die Motorhaubenentriegelung ziehen? Im Audi S 8 unmöglich, weil eine elegant eingearbeitete Ausbuchtung der Fahrertür den Hebel blockiert, solange die Tür geschlossen ist. Eine Randbemerkung unter Konzernbrüdern: Das gleiche System findet sich im neuen VW Golf.
Die elektrischen Heber lassen die Fenster nie genau an der Stelle stehen, die sich der Kommandant wünscht? Dann baut Audi eben welche ein, die in zwei Geschwindigkeiten laufen, langsamer, solange die Taste sanft gedrückt gehalten wird, schnell, sobald die Taste kurz komplett gedrückt wird.
Solcherlei Firlefanz braucht kein Mensch? Da wären wir nicht so sicher. Derlei Liebe zum Detail macht aus einem guten ein begehrenswertes Auto. Wer mindestens 112.000 Euro ausgibt, verlangt das gewisse Etwas über die fulminanten Fahrleistungen und die gekonnte Einrichtung hinaus, die dieser Audi ohnehin wie selbstverständlich mitbringt.
Motor
Der größte Coup steckt im Motorraum. Innen ist er auf zweierlei Art sichtbar: Eine Anzeige im Kombiinstrument mit der von Weiß auf Grün wechselnden Aufschrift „4-Zylinder-Modus“ sowie vier dezent in den Dachhimmel eingelassene Mikrofone jeweils im Format eines Ein-Cent-Stücks.
„Cylinder on demand“ (Zylinder auf Anfrage) nennt sich die Technik in offenbar unvermeidlichem Englisch, und sie macht aus dem 4.0TFSI mit seinen acht Zylindern in bestimmten Fahrsituationen einen (sparsameren) Vierzylinder.
Das System wird bei geringer bis mittlerer Motorlast tätig. Und das Kühlmittel muss warm sein, im Getriebe muss der dritte oder ein höherer Gang eingelegt sein, die Drehzahl muss zwischen 960 und 3500/min liegen. Sodann werden die Ein- und Auslassventile der Zylinder 2, 3, 5 und 8 geschlossen. Der V8 arbeitet als V4. Umschalten dauert zwischen einer Hundertstel- und vier Hundertstelsekunden, es funktioniert auch bei Geschwindigkeiten, die man nicht erwartet. Wir lasen einmal bei 180km/h den Hinweis „4-Zylinder-Modus“.
Verbrauch
Der Fahrer bekommt von dem Eingriff nur etwas mit, wenn er darauf achtet. Der Abschaltvorgang vollzieht sich gar vollends unmerklich, beim Zuschalten lässt sich kurz vor der Wiederinbetriebnahme der Teilzeitkräfte ein etwas rauher Lauf erkennen. Einmal dachten wir, ha, jetzt haben wir die Schlafmützen erwischt, doch da fiel ein Schaltvorgang des formidabel arbeitenden Achtgangautomaten genau in den Moment, als die halbe Zylinderreihe in den vorübergehenden Ruhestand geschickt wurde.
Interessanterweise wird nicht immer dann umgeschaltet, wenn man es erwartet, was Audi damit erklärt, dass nur längere Ruhezeiten den gewünschten Sparerfolg bringen. Ob und wie signifikant der Kraftstoffkonsum durch den technischen Kniff sinkt, vermochten wir im Alltag nicht herauszufahren. Audi spricht von durchschnittlich fünf Prozent, in der Spitze bis zu zehn Prozent.
Nötig wäre es jedenfalls, denn der scharfe Ingolstädter hat Durst. Auf Etappen durch die Stadt stehen schon mal den Blutdruck gefährdende Verbrauchswerte jenseits von 20 Liter auf dem Bordcomputer. Dank längerer Autobahnstrecken, für die der S 8 mit seiner sportlichen, aber nicht übertrieben harten Abstimmung wie gemacht ist, sinkt der Konsum auf einen erträglicheren Durchschnittswert von 13,9 Liter Super. Andererseits schafft eine gewisse Genugtuung, dass sich der Asphalt in Wellen legen lässt - zumal das (bis auf die LED-Schlange vorne) vergleichsweise unaufgeregte äußere Erscheinungsbild Raketenstarts kaum vermuten lässt. Traktionsverlust ist dank des vorzüglichen Allradantriebs ein Fremdwort, 100 km/h sind aus dem Stand in 4,2 Sekunden erreicht, und, das ist noch beeindruckender, in jeder Lebenslage steht Durchzug schier ohne Ende parat.
Leistung
Die Leistung in Hülle und Fülle braucht natürlich niemand, noch mehr schon gar nicht. Aber wenn sie schon mal das ist, dann wird der hübsche Getriebewählhebel (mit der Raste für den Rückwärtsgang vertut man sich ab und zu) gerne in Stellung S geschoben, und Spontaneität und Biss packen noch eine Schippe drauf. Ihren Wert entfaltet die scharfe Stellung indes diesseits von Beschleunigungsorgien.
Auch im Alltag entpuppt sie sich als der angenehmere Antreiber, weil die Normalstellung beim Anfahren zunächst mit leichter Trägheit aufwartet und mit weiter durchgetretenem Pedal giftig zubeißt, was bisweilen ruppigen Verlauf und böse Blicke der Beifahrerin zur Folge hat. So wählt man S statt D, dann hat man es mit einer Herde nervöser Rennpferde zu tun, die sich gut am Zügel führen lässt.
Lautstärke
Damit es innen leise bleibt und nichts vibriert, greifen die Techniker neben aktiven Motorlagern zu einem weiteren technischen Kniff, der unter anderem der Karosseriebauweise aus Aluminium geschuldet ist. Vierzylinder laufen nicht so ruhig wie Achtzylinder, was auch hier gilt, sofern die halbe Reihe ruht.
Drehschwingungen vom Kurbeltrieb und Brummgeräusche vom Auspuff drängen in den Innenraum. Audi nennt sein Gegenmittel Active Noise Control (ANC). Die aktive Geräuschkontrolle bekämpft unwillkommenen Schall mit Gegenschall. Die Mikrofone im Dachhimmel nehmen die Geräuschkulisse auf und melden Störenfriede an ein Steuergerät, das daraufhin Gegenschall aus den Lautsprechern des Radiogeräts sendet. Es funktioniert.
Der Klang, mit dem der Motor seine Lust an der Arbeit nach draußen brüllt, ist eine Freude. Sonor und satt, aber nie effektheischend, einfach herrlich. Einmal in Fahrt, übt er sich in Zurückhaltung und verlegt sich auf seine Rolle als Gentleman. Bei Autobahnrichtgeschwindigkeit lümmelt er um 2000/min nahezu unhörbar dahin, allzeit bereit.
Fazit
Wie wohl so ein Tag eines Audi S8-Besitzers aussieht? Er gibt einfach Gas, erfreut sich an der souveränen Art der Fortbewegung und fragt sich, ob die Kerle im Design nicht noch ein paar Ideen hätten. Die irgendwie hängenden Flächen, die schön hellen, aber übermäßig aggressiv geschlängelten LED-Scheinwerfer, Jungs, da geht noch was.
Nächste Woche: Fiat 500 L Easy 1.3 Multijet
Empfohlener Preis 111.900 Euro
Preis des Testwagens 142.419 Euro
V8-Zylindermotor, zwei Turbolader, Hubraum 3993 Kubikzentimeter
Leistung 382 kW (520 PS) bei 5800/min
Höchstes Drehmoment 650 Nm von 1700 bis 5500/min, 90 Prozent davon von 1600 bis 6250 /min
Automatikgetriebe Achtstufen-Tiptronic
Allradantrieb permanent
Länge/Breite/Höhe 5,14/1,94/1,45 Meter
Radstand 2,99, Wendekreis 12,3 Meter
Leergewicht 2050, zulässiges Gesamtgewicht 2575, Anhängelast 750 Kilogramm, Kofferraumvolumen 510 Liter
Reifengröße 265/40 R 20
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 4,2 s
Verbrauch 12,4 bis 17,2, im Durchschnitt 13,9 Liter Super je 100 km; 235 g/km CO2 bei Normverbrauch von 10,2 Liter, Tankinhalt 90 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 21/VK 31/TK 30
Garantie zwei Jahre, drei auf Lack, zwölf Jahre gegen Durchrostung, Wartung nach Anzeige
Sperre für die Kunden? Mitnichten, ist garantiert nur für
US-Abzocker Anwälte--Stichwort Haftpflicht
Anton Seidel (ase)
- 04.02.2013, 09:42 Uhr
Automatische Zylinderabschaltung
Gottfried Huhn (GOHUHN)
- 01.02.2013, 15:26 Uhr
Versenkbare Motorhaubenverriegelung, wer das braucht
Matthias Unger (ungermat)
- 01.02.2013, 09:29 Uhr
Motorhaubenentriegelung
Henrik Heinze (HenrikP)
- 31.01.2013, 15:59 Uhr
Für die Autobahn, aber nicht für die Rennstrecke!
S. Schäfer (humhum)
- 31.01.2013, 14:34 Uhr