17.12.2011 · Mit dem kräftigsten Diesel unter der Haube gibt der A6 in Kombiversion einen selbstbewussten Heldentenor. Dafür sorgt aktives Klang-Tuning. Die übrigen Qualitäten des geräumigen Kombis sind von handfester Natur.
Von Michael KirchbergerErster Akt: Auftritt A6 Avant. Das Kostüm lässt viel erwarten, die Proportionen stimmen, und manch eine wohlplazierte Verkleidung deutet Muskeln an. Der Kombi lebt von der Harmonie zwischen Breite und Höhe, die Überhänge geben ihm optischen Schwung, und weil ein Held niemals ins Wanken geraten sollte, steht er sicher auf dicken Leichtmetallrädern im 19-Zoll-Format.
Vorne kündigen die geschwungenen LED-Bänder des Tagfahrlichts allen, von welchem Blut der Recke ist. Am Heck - oder besser darunter - blitzen links und rechts die Chromblenden der beiden Auspuffendrohre. Vorbei sind offensichtlich jene Tage, an denen Abgasanlagen verschämt unter dem Blech endeten, selbstbewusst streckt der A6 Avant die Auslassöffnungen ins Freie.
Zweiter Akt: Heldenarie, der V6-TDI erhebt die Stimme, nachdem er per Startknopf zum Leben erweckt wurde. Der TDI meldet sich mit einem kurzen Hochdrehen zur Stelle, raunt heiser und tourt dann im Leerlauf vibrationsarm weiter. Den Tenor gibt ein Motor vor, der über ein wahrlich wagnerianisches Drehmoment verfügt: 650 Newtonmeter Drehmoment liegen an, eine doppelte Turbo-Anlage ist ein Garant für diese famose Kraft. 230 kW (313 PS) Nennleistung sollten auch noch erwähnt werden. Das sind Werte, die bislang nur in der Oberklasse zu finden waren.
Dritter Akt: Wahlhebel der achtstufigen S-Tronic auf Fahrtstellung, Lenkrad festhalten, Gas geben. Der Motor brüllt auf, 1970 Kilogramm werden mit nahezu unglaublichem Nachdruck nach vorne geschoben. Die sechs Zylinder klingen wie acht, und an Hubraum würde das Doppelte nicht überraschen. Nach 5,4 Sekunden wird die 100-Kilometer-Marke passiert, flugs eilt die Nadel weiter über die fein gezeichnete Skala. Tempo 200 ist nach nicht viel mehr als vier Atemzügen später erreicht. Bei 250 km/h gebietet der Dirigent dem Tempo Einhalt, der Tacho zeigt dann 262 km/h an.
Der Spitzendiesel im Avant ist mit seiner Doppelturboaufladung ein Hansdampf in allen Gassen. Die unterschiedlichen Durchmesser der Turbinengeometrie sorgen dafür, dass er aus dem Stand mit Vehemenz antritt und gleichzeitig bei höheren Drehzahlen nicht die Lust an der Leistung verliert. Für das fortgesetzte Klangerlebnis mit großem Orchester aber sorgt ein Trick, der die Athleten-Akustik des A6 fast entzaubert. Ein Lautsprecher im Auspuff erzeugt das Brabbeln und Bellen, das an eine V8-Maschine erinnert. Über die elektronischen Bedienmenüs des Fahrzeugmanagements lässt sich der Klang verändern. Wem der Audi gar zu sportlich oder penetrant klingt, der bekommt in der Stellung "comfort" eine wesentlich zartere Komposition geboten.
Vierter Akt: Verstellbar ist auch der Schaltcharakter des automatischen Getriebes. Oder der Komfort der Aktiv-Lenkung, die in der sportlichen Wahl "dynamic" eine kräftig führende Hand verlangt und in Spurrillen das Fahren zur anspruchsvollen Aufgabe macht. Das Fahrwerk lässt sich mit den adaptiven Stoßdämpfern, die Audi Magnetic Ride nennt, zusätzlich unterschiedlichen Ansprüchen an Komfort und Agilität anpassen. Wobei der stärkste Diesel-A6 niemals die große Leichtigkeit erfährt. Der V6 liegt satt auf der Vorderachse, der Allradantrieb stabilisiert den TDI-Avant in Kurven und wenn es geradeaus geht. Beides steigert die Sicherheit, nicht die leichtfüßige Fortbewegung.
Fünfter Akt: So bleibt der A6 Avant auf Kurs, egal, ob man ihn leer oder vollbeladen chauffiert. Wer sein Heck zum Ausbrechen bringt, muss schon ein übler Schurke oder völlig unerfahren sein. Die Fahrt in den Grenzbereich kündigt der 4,93-Meter-Kombi mit sachtem Untersteuern und dem abschließenden Einsatz der Stabilisierungsprogramme an. Immer wohlkontrolliert und zuverlässig. Die Bremsen passen vorzüglich zum Temperament des A6 Avant. Genauso, wie er spontan vorwärts zu stieben vermag, so wirkungsvoll hält ihn die präzise dosierbare Verzögerungsanlage in Zaum.
Sechster Akt: Überraschung. Trotz der Bärenkräfte des Triebwerks lässt sich der von Audi versprochene Verbrauch, oft ein kaum nachvollziehbarer Wert, ohne große Anstrengung erreichen, die breite Spreizung der acht Stufen zeigt offenbar Wirkung: Bei Richtgeschwindigkeit von 130 km/h dreht die Maschine gemütliche 1500/min. Dass wir am Ende doch um einen halben Liter über den mittleren Normwert hinausgeschossen sind, mag an einer gewissen Zügellosigkeit liegen.
Finale: Bei allem Pathos beweist der große Audi-Kombi Sinn fürs Praktische. Die Lehnen der Rückbank lassen sich vom Kofferraum aus entriegeln, dann steigt die Ladekapazität von üppigen 565 auf stolze 1680 Liter. Der solide Boden ist fast eben, ein hilfreiches Traversen-System hält das Gepäck sicher am Platz. Zu schwer darf es nicht sein, 400 Kilogramm erlaubte Zuladung sind wirklich nicht viel.
Auf dem Parkplatz des Supermarktes jedoch kommt es zu einer netten Slapstick-Einlage, die einen kleinen Buben seine Mutter laut und unüberhörbar fragen lässt: "Was macht der Mann denn da, tut dem was weh?" In der Tat mag es merkwürdig anmuten, wenn ein Mann in den besten Jahren mit zwei Einkaufstüten in den Händen hinter dem Heck eines Kombis unbeholfen das Bein schwingt wie ein Anfänger im Tangokurs.
Der Sensor, der die Heckklappe elektrisch öffnen lässt, wenn der Fuß eine imaginäre Linie unter dem Stoßfänger zeichnet, reagiert nicht immer auf Anhieb. Was an unserer mangelnden Gelenkigkeit liegen mag. Die Kinderaugen leuchten jedoch schnell, wenn der Kofferraumdeckel nach oben schwingt und ein weiteres Servomotörchen die Gepäckraum-Abdeckung gleich mit nach vorne schiebt. Autos werden wohl in Zukunft verstärkt mit Gesten bedient werden können. Wir geloben, an unserer Motorik zu arbeiten.
Vorhang: Unterwegs vermittelt der A6 Avant jene komfortable Gelassenheit, die der Premiumklasse ihren Erfolg sichert. Feines Leder, stilvolles Holz in Bootsdeck-Optik, intuitive Bedienung. Der Schalter des Spurhalteassistenten sitzt dort, wo wir ihn uns wünschen: am Blinkerhebel. Die übrige, vielköpfige Schar der Regieassistenten lässt sich nicht minder zielsicher ein- und ausschalten. Wenngleich der Weg durch die Menüs im Kontrollsystem meist nicht mit einem Schritt zu bewältigen ist. Eine hochwertige Audioanlage von Bang & Olufsen findet stets den richtigen Ton, den kaum ein Rauschen des Fahrtwinds stört, derweil kann man sich von den beheiz- und belüftbaren Sitzen sanft massieren lassen.
Nachspiel: All diese feinen Extras sind höchst angenehm, aber nicht umsonst. So steigt der Preis des Testwagens, der zugegebenermaßen nahezu voll ausgestattet war, von 58.520 Euro für den A6 Avant 3.0 TDI Quattro um unglaubliche 40.130 Euro (oder vier VW Up oder einen netten Audi A4) fast ins Sechsstellige. In Euro, nicht in D-Mark. Das mag den Beifall für ein zweifelsohne sehr gutes Auto gehörig dämpfen.
Empfohlener Preis 58.250 Euro Preis des Testwagens 98 380 Euro Sechszylinder-Dieselmotor, Abgas-Turbolader, vier Ventile je Zylinder, 2967 Kubikzentimeter Hubraum Leistung 230 kW (313 PS) bei 4000/min Höchstes Drehmoment 650 Nm bei 1400/min, davon 90 Prozent von 1200 bis 4100/min Automatikgetriebe mit acht Stufen Permanenter Allradantrieb Länge/Breite/Höhe 4,93/1,87/1,46 Meter Radstand 2,91, Wendekreis 11,40 Meter Leergewicht 1855, tatsächlich 1970, zulässiges Gesamtgewicht 2370, Anhängelast 2000 Kilogramm, Kofferraumvolumen 565 bis 1680 Liter Reifengröße 225/40 R 19 100Y Höchstgeschwindigkeit 250 km/h Von 0 auf 100 km/h in 5,3 s Verbrauch 6,1 bis 8,8, im Durchschnitt 6,9 Liter Diesel je 100 km; 169 g/km CO2 bei Normverbrauch von 6,4 Liter; Tankinhalt 75 Liter Versicherungs-Typkl. HP 22, TK 29, VK 28 Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, zwölf Jahre gegen Durchrostung, Wartung nach Intervallanzeige
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