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Fahrtbericht VW Golf VI Und ewig lebe der König

07.07.2009 ·  Der VW Golf ist das Überauto der Deutschen. Sein Verkaufserfolg mag manchem unheimlich sein. Doch er kommt nicht von ungefähr, denn der Golf ist mittlerweile fast perfekt. Des deutschen liebstes Auto ist allerdings teuer geworden.

Von Boris Schmidt
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Fast 40.000 VW Golf sind in diesem Mai allein in Deutschland neu zugelassen worden. Kleinere Importeure wie Volvo oder Mitsubishi wären glücklich, wenn sich ihre gesamte Modellpalette im Jahr so gut verkaufte. Es ist schon gar nicht mehr vorstellbar, dass irgendwann ein anderes Auto als der VW Golf das meistverkaufte in Deutschland sein wird. Aber kein König lebt ewig, und keine Mauer steht für immer.

Der Erfolg des kompakten VW hat viele Facetten. Er ist ein für seine Klasse und seine Größe (jetzt schon 4,20 Meter!) ein ziemlich perfektes Auto, es gibt ihn in mannigfaltigen Motorvariationen und dazu noch als Plus (höhere Karosserie) sowie als Variant (Kombi). Gar nicht zu reden von der Stufenheckversion Jetta nebst den technisch eng verwandten Ablegern wie VW Scirocco und jenen bei Tochtermarken wie Audi, Seat oder Skoda. Und nichts macht erfolgreicher als der Erfolg. Viele kaufen den Golf, weil sie wissen, dass sie mit ihm nichts falsch machen, überall einen passenden Auftritt haben und beim späteren Wiederverkauf in der Regel nicht lange einen neuen Besitzer suchen müssen.

Golfinteressenten sollte man als Erstes raten, keinen Zweitürer zu erwerben. Wir waren 14 Tage mit einem solchen unterwegs und mussten immer wieder feststellen, wie mühsam doch der Weg in den Fond ist, auch wenn der Beifahrersitz mit nach vorn geneigter Lehne ganz nah ans Armaturenbrett geschoben wird.

Die 84 Jahre alte Freundin der Schwiegermutter kam zwar noch gut hinein in den Fond, hätte aber ohne Hilfe nicht wieder aussteigen können. Immerhin ist in der zweiten Reihe ausreichend Platz für zwei - und auf kurzen Strecken auch für drei - Personen. Kopf- und Beinfreiheit gehen in Ordnung, allerdings sind die hinteren Seitenfenster starr, deshalb und wegen der breiten C-Säule fühlt man sich dort ziemlich eingemauert.

Zwei weitere Türen lässt sich Volkswagen mit 925 Euro honorieren (ohne elektrische Fensterheber 725 Euro), so steigt der Basispreis des von der Redaktion bewegten 2.0 TDI Highline von 25.600 Euro auf 26.325 Euro.

Wir verkneifen uns den Ausruf „50.000 Mark für einen Golf!“ nicht, um zum wiederholten Male festzustellen, wie teuer der Deutschen liebstes Auto geworden ist - wenn man ein bisschen mehr will als die Basisversion (1,6-Liter-Ottomotor, 59 kW/80 PS, 16.650 Euro).

Zum Beispiel den wunderbaren, direkteinspritzenden Zweiliter-Turbodiesel in Verbindung mit der Highline-Ausstattung, die vieles mitbringt, was des Autofahrers Herz begehrt. Aber eben nicht alles: Unser Wagen war zusätzlich unter anderem mit adaptiver Fahrwerksanpassung (945 Euro), Metalliclack (490 Euro), Ledersitzen (1880 Euro) sowie einem CD-Radio mit Navigation und Rückfahrkamera (2885 Euro) ausgerüstet - also ein Golf für mehr als 60.000 Mark.

Helles Ledergestühl und kühlbares Handschuhfach

Da kann man etwas verlangen, und man bekommt auch viel. Ein Highline-Golf mit dieser Ausstattung ist von der Haptik her auf einem Niveau, das vor wenigen Jahren noch der automobilen Oberklasse vorbehalten war. Alles fasst sich sehr hochwertig an, die Türen fallen mit sattem Klang ins Schloss. Das helle Ledergestühl in unserem Wagen sah sehr gut aus und lenkte etwas vom immer noch dunkel-blöckisch und überladen wirkenden Armaturenbrett ab.

Funktional gibt es aber kaum etwas auszusetzen. Ablagen finden sich reichlich, das Handschuhfach lässt sich kühlen, und der herausnehmbare Flaschenöffner, der als „Raumteiler“ für zwei Becherhalter in der Mittelablage dient, soll nicht unerwähnt bleiben.

Was man bemängeln kann, ist die schlechte Sicht nach rechts hinten wegen der schon erwähnten C-Säule, und das Heck verschmutzt bei Regenwetter sehr schnell und sehr stark. Die Rückfahrkamera, deren Objektiv sich im VW-Emblem in der Heckklappe versteckt, macht beim Ausfahren nach dem Einlegen des Rückwärtsgangs so knarzige Geräusche, dass man zunächst glaubt, es sei etwas kaputt.

Ein fünftes Rad für 220 Euro

Der Kofferraum hat ein Fassungsvermögen von 350 Liter; für die Kompaktklasse ist das ausreichend, aber nicht mehr. Serienmäßig liegt Tirefit in der Reserveradwanne, ein Notrad kostet 49 Euro extra. Wer ein vollwertiges fünftes Rad haben will, muss 59 oder 220 Euro (für ein Alu-Rad) zahlen. Das kostet freilich 75 Liter Kofferraumvolumen, weil der Laderaumboden um zehn Zentimeter angehoben werden muss.

Durch Umklappen der asymmetrisch geteilten Rücksitzlehne lässt sich das maximale Volumen auf 1305 Liter erweitern, es bleibt aber eine Stufe in der dann gut 1,50 Meter langen Ladefläche. Wird der Golf als Kleintransporter genutzt, erweist sich die Beschränkung auf zwei Türen abermals als Nachteil.

Der Motor zieht wie ein Stier

Ein Riesenvorteil dagegen ist der erwähnte Zweiliter-Turbodiesel. Er passt exakt zu dem soliden Auftritt des Bestsellers. 103 kW (140 PS) und 320 Newtonmeter Drehmoment bei nur 1750 Umdrehungen in der Minute lassen beste Fahrleistungen erhoffen, und man wird nicht enttäuscht.

Der Motor zieht wie ein Stier, dabei bleibt er stets sowohl akustisch als auch an der Tankstelle zurückhaltend. In weniger als zehn Sekunden kann man von 0 auf 100 km/h beschleunigen, nur nicht bei Nässe, weil die angetriebenen Vorderräder dann schnell durchdrehen.

Sechs Gänge sind Standard

Wichtiger als diese Spurtqualitäten ist jedoch der souveräne Auftritt in nahezu allen Lebenslagen. Das Triebwerk ist sehr elastisch - die guten Werte für den Beschleunigungstest von 50 bis 100 km/h sind der beste Beweis dafür. Dass der sechste Gang kaum zum Beschleunigen taugt (25,3 Sekunden von 50 auf 100), ist kein Nachteil.

Er ist fürs Rollen auf der Autobahn ausgelegt, und das kann der Golf nicht nur wegen des tadellosen Geradeauslaufs vorzüglich: Bei Tacho 140 km/h liegen nur 2200/min an, die Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h wird im fünften Gang erreicht (bei 4600/min).

Sechs Gänge sind in diesem Golf Standard, für 1800 Euro Aufpreis gibt es ein Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe, mit dem es sich wie mit einer Automatik fahren lässt. Wir würden das Geld aber lieber in zwei weitere Türen investieren, denn das Schalten und Kuppeln fällt leicht mit dem Golf, und schaltfaul fahren kann man mit dem elastischen Diesel ohnehin.

Guter Praxiswert beim Verbrauch

Als Norm-Verbrauchswert gibt Volkswagen für den 2.0 TDI 4,9 Liter auf 100 Kilometer an. Wie immer erreichten wir diesen Wert nicht. Allerdings sind 5,7 Liter (erzielt bei einer gemütlichen Fahrt in die noch gemütlichere Schweiz) ein sehr guter Praxiswert.

Auch der Gesamtschnitt von 6,2 Liter ist gut. Nur wenn man den Wagen stark fordert, steigt der Kraftstoffbedarf auf mehr als sieben Liter. 55 Liter im Tank sichern bei diesem mäßigen Durst eine sehr hohe Reichweite.

Deutliche Härte bei „Sport“

Bleibt noch anzumerken, dass sich der Golf dank der elektromechanischen Servolenkung sicher und präzise dirigieren lässt, die Bremsen über jeden Zweifel erhaben sind und das Fahrverhalten traumhaft sicher ist. Überflüssig ist das adaptive Fahrwerk. Otto Normalfahrer spürt in den verschiedenen Stellungen kaum einen Unterschied („Sport“ macht den Wagen allerdings deutlich härter), das ist gewiss kein „Must have“.

Dagegen bleibt der Golf auch in seiner sechsten Auflage ein Muss. Daran, dass dies auch in Zukunft so bleibt, arbeitet man in Wolfsburg fieberhaft. In diesen Tagen debütiert eine Bifuel-Variante (fährt auch mit Autogas), einen Elektroantrieb und ein Hybridmodell wird es in absehbarer Zeit ebenfalls geben. Vielleicht hat dieser König doch das ewige Leben.

Daten und Messwerte

Empfohlener Preis 25.600 Euro
Preis des Testwagens 31.025 Euro

Vierzylinder-Turbodieselmotor (Common Rail), vier Ventile je Zylinder, 1968 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 103 kW (140 PS) bei 4200/min

Höchstes Drehmoment 320 Nm bei 1750/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1400 bis 3200/min

Manuelles Sechsganggetriebe (DSG-Getriebe für 1880 Euro Aufpreis)

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,20/1,78/1,51 Meter

Radstand 2,58, Wendekreis 10,90 Meter

Leergewicht 1300 (tatsächlich 1360), zulässiges Gesamtgewicht 1910, Anhängelast 1500 Kilogramm; Kofferraumvolumen 350 Liter

Reifengröße 225/45 R 17

Höchstgeschwindigkeit 210 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 9,5 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 9,9/15,9/25,3 s

Verbrauch 5,7 bis 7,3 im Durchschnitt 6,2 Liter Diesel je 100 km; 129 g/km CO2 bei Normverbrauch von 4,9 Liter; Tankinhalt 55 Liter

Versicherungs-Typklassen HP 15, TK 21, VK 28

Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, 3 Jahre auf Lack, 12 gegen Durchrostung, Wartung alle 30.000 Kilometer

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