Home
http://www.faz.net/-gya-yu6a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fahrtbericht Opel Astra Sports Tourer Gewachsen, aber nicht erwachsen

 ·  Sports Tourer statt Caravan - das ist auch beim Astra-Kombi mehr als nur ein Namenswechsel. Lifestyle schlägt die guten alten Werte: wenig Platz auf der Rückbank und schlechte Sicht nach draußen.

Artikel Bilder (1) Video (1) Lesermeinungen (5)

Caravan: Das war ja schon ein Anglizismus im Jahr 1953, als der Opel Olympia Rekord CarAVan als Erster mit diesem Beinamen erschien. Die Deutschen verstehen darunter eigentlich einen Wohnanhänger, für die Amis bedeutete das Wort die Verbindung von Car (= Personenwagen) und Van (damals noch = Lieferwagen). Dem Amerika-Ableger Opel verzieh man notgedrungen, dass er das hierzulande gebräuchliche Wort Kombi nicht verwendete - für Autos, die Kombis waren.

Und seither hat man sich an Caravan schon so gewöhnt, dass man jetzt bei Sports Tourer doppelt schlucken muss, einmal wegen der Umbenennung schlechthin, zum anderen wegen des neuen Anglizismus, der erkennbar nur den einzigen Zweck hat, mehr herzumachen. Also dann, Sports Tourer. Zumal ein Rest Ehrlichkeit dabei ist: Von den Werten eines klassischen Kombis hat sich Opel, wie schon beim Insignia Sports Tourer, weit entfernt.

Länge und Nutzraum
Der erste Astra Caravan von 1991 war 4,28 Meter lang. Der Astra Sports Tourer von heute misst 4,70 Meter und ist damit bis auf 20 Zentimeter an den Insignia Sports Tourer herangerückt. Aber: Der Veteran hatte 500 Liter Kofferraum, sein aktueller Nachfolger bietet ohne Reserverad ebenfalls 500 Liter - ein toller Fortschritt. Und wenn es ans Umklappen der Rücksitze geht, wenn ein Kombi also seine Stärken als Lademeister zeigen kann, schlägt der Alte den Neuen glatt: 1650 gegen 1550 Liter.

Immerhin schafft es der Sports Tourer, seine wichtigsten, aber rund 15 Zentimeter kürzeren Konkurrenten VW Golf Variant und Ford Focus Turnier im Gepäckraum-Wettbewerb zu schlagen. Trotzdem: Opel, inzwischen Weltmeister im Verschenken von Nutzraum, hat auch hier die Grundfläche des Autos nicht optimal verwertet. Man will halt lieber mit den großen Hunden bellen, blickt nach München und Ingolstadt statt nach Wolfsburg und Köln und hat als Zielgruppe eher die freizeitorientierten Kleinfamilien als die Flottenmanager der Wirtschaft im Visier.

Kofferraum und Sitze
Manches am Auto scheint aber auch das Gegenteil zu beweisen. Die Aufteilung in Passagier- und Kofferraum folgt nämlich eher den Bedürfnissen des reisenden Handelsvertreters: viel Ladevolumen (wenn auch zu wenig für die Länge), bequeme Sitzverhältnisse am Lenkrad und daneben, aber arge Platznöte auf der Rückbank. Die ist leicht und in zwei ungleichen Teilen zu klappen, die so entstehende fast ebene Fläche ist ohne Niveauunterschied zu erreichen - allerdings gestört von einem weit auskragenden Stoßfänger, ähnlich wie beim Insignia. Zur Ladungssicherung und zum Verzurren im Kofferraum gibt es ein Cargo-Paket nebst Trennnetz (220 Euro), das auch professionellen Ansprüchen genügt. Opels pfiffiges ausziehbares Fahrradträger-System FlexFix ist hier auch zu haben, es kostet 590 Euro, 54 Liter Gepäckraum und die hintere Parkhilfe. Die aufpreispflichtigen (685 Euro), dafür äußerst bequemen Ergonomiesitze vorn haben einen sehr weiten Verstellbereich für Langbeinige, der aber bei geklappter Rückbank nicht voll ausgenutzt werden kann.

Und soll hinten ein normaler Erwachsener Platz nehmen, muss die erste Reihe ebenfalls kompromissbereit sein - nicht gerade typisch für ein 4,70-Meter-Auto. Kopfhöhe gibt es im Fond genug, doch der dritte Platz macht keine Freude, die dortige Kopfstütze ist denn auch ein Aufpreis-Extra. Eine Durchladeöffnung für Ski ist serienmäßig.

Sicht
Dass Design zum Feind der Ergonomie wird, ist bei Opel nichts Neues. Auch beim Astra Sports Tourer: Die Seitenfenster und die Heckscheibe sind eher klein, die langgestreckten vorderen Dachsäulen stören den Blick, der üppige hintere Überhang (der Kombi hat denselben Radstand wie die 28 Zentimeter kürzere Astra-Limousine) macht die Übersicht auch nicht einfacher.

Instrumente
Innen findet man zwar gut ablesbare Instrumente, doch allein auf der Mittelkonsole waren im Testwagen nicht weniger als 49 Bedienungselemente versammelt (plus weitere auf den Lenkradspeichen). Der universell tätige Farbbildschirm ist hoch genug angebracht. Lästig ist, dass die beiden Tageskilometerzähler tief im Bordcomputer-Menü versteckt sind.

Ausstattung
Die Türen öffnen sehr weit, doch der Fußraum hinten ist eng und der Einstieg dort trotz des günstigen Türausschnitts beschwerlich. Teuer (1250 Euro, im Design-Paket Style für 1300 Euro enthalten), aber empfehlenswert ist Opels Adaptives Fahrlicht AFL+, das zusätzlich zu den Bi-Xenon-Hauptscheinwerfern für praktisch jede Situation die passende Beleuchtung bereithält. Eine Klimaanlage ist in der Basisausstattung Selection noch nicht enthalten, doch in der Version Design Edition, der unser Wagen angehörte. Die Zwei-Zonen-Klimaautomatik kostet hier 350 Euro Aufpreis (sie überraschte uns im Betrieb mit merkwürdigen Temperaturschwankungen) und ist in den zwei noch teureren Ausstattungen Sport und Innovation serienmäßig.

Fahrwerk
Ein weiteres Extra verdient Beachtung: Opels adaptive Fahrdynamikregelung FlexRide gehört zu den Besten dieses Fachs, weil zwischen den drei Modi Normal, Tour und Sport gut abgestufte Unterschiede bestehen und keiner davon sich als ärgerlich unnötig erweist. Sport erfordert allerdings schon einige Opferbereitschaft der Insassen, das Fahrwerk und die Lenkung verhärten sich sehr deutlich, das Gaspedal reagiert empfindlicher, und die Instrumentenbeleuchtung wechselt von Weiß auf Rot - das ist allerdings ein überflüssiger Gag.

Die Normal-Stellung bietet straffen, aber voll akzeptablen Komfort, und bei Tour federt der Astra noch ein wenig verbindlicher, ohne ins Schaukeln zu verfallen. Mit Opels Fahrwerken hat man auch sonst keine Probleme, der Sports Tourer untersteuert in Kurven nur leicht und im Grenzbereich schon gar nicht mehr, reagiert kaum auf Lastwechsel und läuft auch bei hohem Tempo tadellos geradeaus. Die Lenkung ist angenehm, der Wendekreis dürfte durchaus kleiner sein. Ringsherum gut sind die Bremsen, vor allem die Spursicherheit beim vollen Verzögern beeindruckt.

Motor
Für den Astra Sports Tourer steht eine Fülle von Motorisierungen zur Auswahl, neben fünf Benzin-Triebwerken auch vier Diesel. Wir wählten den stärksten davon, und das ist auch ratsam: Denn schon leer wog unser 2.0 CDTi stolze 1620 Kilogramm, voll beladen dürfen es 2140 Kilo werden. Da ist jedes zusätzliche PS willkommen, und da der Zweiliter-Motor auch ansehnliche 350 Newtonmeter Drehmoment aufbietet, ist er hier die erste Wahl.

Getriebe
Zu den Leisetretern gehört er nicht, vor allem nach dem Kaltstart meldet er sich mit deutlichem Nageln. Das prima zu schaltende Sechsganggetriebe hat eine sehr lang übersetzte oberste Stufe, die den Autobahnverbrauch zügelt, aber auf der Landstraße nicht immer zu brauchen ist. Die unteren Gänge sind durchaus leistungsfördernd ausgelegt, im 4. beschleunigt der 2.0 CDTi in nur 8,7 Sekunden von 50 auf 100 km/h. Der Spurt von 0 auf 100 km/h wird in 9,8 Sekunden absolviert, 208 km/h beträgt die Höchstgeschwindigkeit.

Verbrauch
Seinem Beinamen Ecotec macht der Motor ausreichend Ehre: Unser Verbrauchsdurchschnitt betrug genau 7 Liter je 100 Kilometer, und unsere Sparrunde mit Stadt-, Landstraßen- und Autobahnanteil brachte der Opel sogar mit vorbildlichen 5,4 Liter hinter sich. Da schadet es auch nicht, dass der Tank mit 56 Liter nicht allzu groß geraten ist.

Preis
Der Sports Tourer 2.0 CDTi kostet als Design Edition 25.865 Euro - der Sport ist 1680, der Innovation 2390 Euro teurer -, lässt aber noch einige Ausstattungswünsche offen. Nimmt man die bereits mit Preisen erwähnten Extras, das DVD-Navigationssystem und einiges andere dazu, kommt man in die Gegend von 33.000 Euro - für die untere Mittelklasse eine ganze Menge. Doch wer bei keiner der Premium-Marken einkaufen will und Opels Design mag, ist mit diesem Astra gut bedient.

Daten und Messwerte

Preis 25.865 Euro
Preis des Testwagens 32.885 Euro

Vierzylinder-Turbodieselmotor, vier Ventile je Zylinder, Common-Rail-Einspritzung, 1956 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 118 kW (160 PS) bei 4000/min

Höchstes Drehmoment 350 Nm bei 1750-2500/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1400 bis 3700/min

Manuelles Sechsganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,70/1,81/1,54 Meter

Radstand 2,69, Wendekreis 11,4 Meter

Leergewicht 1589 (tatsächlich 1620), zulässiges Gesamtgewicht 2140, Anhängelast 1400 kg; Kofferraumvolumen 500-1550 Liter

Reifengröße 215/60 R 16 95 V

Höchstgeschwindigkeit 208 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 9,8 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 8,7/13,8/23,8 s

Verbrauch 6,4 bis 9,1, im Durchschnitt 7,0 Liter Diesel je 100 km; 134 g/km CO2 bei Normverbrauch von 5,1 Liter, Euro 5; Tankinhalt 56 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 15, TK 20, VK 17

Garantie 2 Jahre ohne Kilometerbegrenzung, dann für den Erstbesitzer bis 160.000 km gegen Materialkostenbeteiligung, 12 Jahre gegen Durchrostung, Mobilitätsgarantie für jeweils ein Jahr nach autorisierter Inspektion, Wartung nach Anzeige

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Offene Stilfragen

Von Wolfgang Peters

Das Öffnen eines geschlossenen Cabrios ist heute eine Frage des Stils, der Sekunden und des Tempos. Nicht für die Bewegung des Dachs, sondern des Autos. Mehr 1