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Fahrtbericht Land Rover Discovery TDV6 SE An den Grenzen des äußeren Wachstums

09.03.2005 ·  Der Land Rover Discovery ist der kleine Bruder des Range Rover - zumindest vom Preis her. Denn Gewicht und Statur lassen an der Rangfolge zweifeln.

Von Boris Schmidt
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Der Land Rover Discovery war einmal die goldene Mitte zwischen dem Urgestein Defender und dem Urahn aller SUV, dem Range Rover. Das war im Wendejahr 1989. Sechzehn Jahre später tritt nun ein komplett neu entwickelter Discovery an, der dem Oberhaupt der Familie, dem Range Rover, bedenklich nahe auf den Lack rückt. Mit seiner Statur der ebenen Flächen wirkt er noch mächtiger als der Ober-Rover, obwohl er etwas kürzer ist. Die Größe des Discovery hat beinahe schon etwas Einschüchterndes. Und mit einem Leergewicht von glatten 2,6 Tonnen ist der Discovery nun auf dem Gewichtsniveau des neuen Range Rover. Wer sich für den neuen Discovery entscheidet, sagt überdeutlich: Hoppla, hier komm' ich. In der Stadt ist er einfach unhandlich, unter anderem wegen des großen Wendekreises.

Die Größe hat freilich auch ihre positiven Seiten: Im Innenraum gibt es Platz in Hülle und Fülle - vorn, hinten und auf Wunsch ganz hinten. Zudem ist der Discovery eines der wenigen Autos, in denen ein fünfter Passagier bequem sitzen kann. Für 1400 Euro Aufpreis gibt es zwei weitere Einzelsitze (inklusive zweier Kopfairbags) in einer dritten Reihe, selbst hier kann man es über längere Strecken aushalten. Als Siebensitzer verbleiben allerdings nur noch 280 Liter Kofferraum. Ähnlich wie im Opel Zafira können die Plätze sechs und sieben im Kofferraumboden versenkt werden, dann entsteht ein quadratischer, praktischer Laderaum von rund 1,10 Meter Länge, knapp einen Meter hoch und rund 1,20 breit. Das Ladevolumen wird mit 1196 Liter angegeben, im Fünfsitzer sind es 1260. Als Zweisitzer passen bei einer Laderaumlänge von 1,90 Meter rund 2500 Liter in den Discovery. Die zweite Reihe läßt sich ebenso wie die dritte - wenn vorhanden - im Boden versenken, es entsteht eine topfebene Ladefläche. Und in einer Lücke zwischen den niedergelegten Sitzreihen kann auch noch die Gepäckraumabdeckung verschwinden. Da beim Siebensitzer die zweite Bank dreigeteilt ist (Dreiteilung beim Fünfsitzer 450 Euro Aufpreis), ergeben sich etliche Sitzvariationen, die man vielleicht irgendwann brauchen kann, um eine große Kiste und vier Personen zu transportieren. In dieser Hinsicht ist der große Land Rover ein sehr praktisches Auto, wenn auch die übernommene alte Heckklappen-Lösung mit nach hinten öffnender unterer Klappe (Fenster nach oben) nicht optimal ist. Klappe und Fenster sind asymmetrisch geteilt, rechts steht man näher am Laderaum als links, dort ist der Platz für das Nummernschild und den Türgriff. Wenigstens hängt das Reserverad nicht am Heck, sondern unter dem Wagenboden. Genau von hinten betrachtet, täuscht der Discovery eine nach rechts öffnende Hecktür vor, und er sieht zudem aus wie ein Lieferwagen für große Mengen von Kleingeld.

Das ist wahrscheinlich Absicht, denn bei aller Annäherung an den Range Rover, es mußte wohl ein gewisser Abstand bleiben. Daher ist wohl auch die Gestaltung des Armaturenbretts eher rustikal als vornehm. Von der früher bei Land Rover üblichen Wildheit der verstreuten Tasten hat man sich aber verabschiedet, alle Bedienelemente sind übersichtlich angeordnet und gut zu erreichen. In der SE-Ausstattung ist Leder nicht möglich, aber auch nicht unbedingt nötig. Die Stoffpolster bewährten sich im Winter. Sitzheizung gibt es nur im Paket für 1000 Euro, dann werden auch die Rückbank und die Frontscheibe beheizt.

Stufe im Dach als Markenzeichen

Fahrer und Beifahrer genießen eine vorzügliche, hohe Sitzposition und blicken durch ein großes Fenster, bisher mangelte es dem Discovery diesbezüglich an Höhe. Geblieben ist die Stufe im Dach, die in den Reihen zwei und drei für gute Kopffreiheit sorgt. Vom sogenannten Alpine-Sonnendach (1400 Euro) mit drei Glasflächen, wobei nur die erste zu öffnen ist, müssen wir abraten. Im Sommer heizt das nur den Innenraum unnötig auf (Klimaautomatik serienmäßig), zudem waren die labberigen Jalousien, die als Sonnenschutz dienen sollen, offenbar ein letzter Gruß an alte (und hoffentlich vergangene) Zeiten, in denen es bei Land Rover so manches Qualitätsproblem gab.

Mit der Geländetauglichkeit hatte Land Rover dagegen noch nie Probleme. Auch beim neuen Discovery brennt hier nichts an. Zwar sind Starrachsen und Leiterrahmen passe, doch dürfte der dritte Discovery kaum weniger robust als seine Vorgänger sein, trotz Einzelradaufhängung und selbsttragender Karosserie. Für den Ritt abseits der Straße verfügt der Fahrer nicht nur über ein Untersetzungsgetriebe, sondern auch über "Terrain Response" (TS), was eine Luftfederung mit sich bringt. Im Einsteigermodell "S" kostet das 1700 Euro Aufpreis. TS gibt dem Fahrer die Möglichkeit, mittels Wählhebel das Fahrzeug auf den jeweiligen Untergrund abzustimmen: Straße, Schnee, Schlamm, Sand, Steine. Dann regelt die Elektronik den Reifenschlupf entsprechend, was tatsächlich im jeweiligen Gelände Vorteile bringt. Der Allradantrieb erfolgt permanent mit einer 50:50-Verteilung, es sei denn, die Elektronik greift ein. Neben der elektronischen Schlupfregelung für jedes einzelne Rad (dazu ABS und ESP) gibt es noch eine Differentialsperre für die Hinterachse (750 Euro). Damit bleibt der Discovery einer der ganz Großen im Gelände, so oder so. Anders als früher macht er aber jetzt auch auf der Straße eine gute Figur. Zwar ist immer noch eine leichte Neigung zum Wanken vorhanden, wenn man auf der Landstraße forciert fährt, gut ist aber der Federungskomfort, und sehr gut sind die Bremsen, die mit dem Koloß überraschend spielerisch fertig werden.

Ruhiger Riese

Mehr Mühe hat der Motor, die zweieinhalb Tonnen in Fahrt zu bringen. Der 2,7-Liter-V6-Diesel entstammt einer Zusammenarbeit von Peugeot und der Land-Rover-Mutter Ford und überzeugt durch seine Laufruhe. Eine gewisse Anfahrschwäche ist jedoch nicht zu leugnen, mit Automatikgetriebe (2100 Euro) sieht das vielleicht anders aus. Ohnehin empfindet man es als ungewohnt, ein so großes und schweres Auto manuell zu schalten, die sechs Gänge sind jedoch klar definiert, da gibt es kein Vertun. Allerdings sitzt der Schalthebel ungewohnt weit hinten. Doch daran gewöhnt man sich. Auch daß die Fußpedale so eng beieinanderstehen, erfordert einen gewissen Lernprozeß. Um flott voranzukommen, muß die Schaltbox schnell durcheilt werden, superelastisch ist der Motor nicht, auch weil das Getriebe drehzahlsenkend abgestuft ist, selbst im viertenGang wird fast die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Bei 180 km/h wird sanft abgeregelt, im sechsten Gang muß die Maschine bei diesem Tempo nur mit knapp 3800 Touren laufen. Läßt man es gemütlicher angehen - Tacho 140 -, sind es gar nur 2500/min. Ein Lob gebührt dem Discovery für den niedrigen Geräuschpegel, selbst bei höherem Tempo. Tadel gibt es für das gänzliche Fehlen eines Partikelfilters (trotz Peugeot-Beteiligung), und sparsam ist der Motor ebenfalls nicht. 11,6 Liter Diesel auf 100 Kilometer im Schnitt sind natürlich auch ein Tribut an das hohe Gewicht, aber man muß damit rechnen, daß die einzige Alternative - ein 4,4-Liter-V8 von Jaguar - mindestens fünf Liter mehr braucht.

43300 Euro kostet dieser Land Rover. Das mag viel erscheinen, er ist aber beispielsweise deutlich günstiger als ein VW Touareg mit dem neuen V6-TDI. Ein Griff in die Schatzkiste (Tempomat 350, DVD-Navigation 4150, Dachreling 230, Metalliclack 770, Telefon mit Bluetooth 500, klappbare Außenspiegel 250 Euro, um ein paar weitere Beispiele zu nennen) bringt den Preis trotz guter Grundausstattung schnell über die 50000-Euro-Marke. Auch in dieser Hinsicht scheinen die Grenzen des Wachstums für den Land Rover Discovery erreicht.

Nächste Woche: Mercedes-Benz A 200 CDI Avantgarde; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 43300 Euro

Preis des Testwagens 54000 Euro

V-Sechszylinder-Turbodiesel (Common Rail), vier Ventile je Zylinder, 2720 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 140 kW (190 PS) bei 4000/min

Höchstes Drehmoment 440 Nm bei 1900/min, 90 Prozent davon ab 1400 bis 3300/min

Erfüllt Euro 3

Manuelles Sechsganggetriebe

Permanenter Allradantrieb

Länge/Breite/Höhe 4,84/1,92/1,88 Meter

Radstand 2,89, Wendekreis 11,80 Meter

Leergewicht 2420 (tatsächlich 2600), zulässiges Gesamtgewicht 3230, Anhängelast 3500 Kilogramm; Kofferraumvolumen 280 bis 2558 Liter

Reifengröße 235/70 R 17

Höchstgeschwindigkeit 180 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 12,0 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 12,5/18,5/32,3 s

Verbrauch 10,7 bis 12,4, im Durchschnitt 11,6 Liter Diesel je 100 km; Tankinhalt 82 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 24, TK 24, VK 25

Kosten je km (bei 20000 km/Jahr) 0,52 Euro

Quelle: F.A.Z., 08.03.2005, Nr. 56 / Seite T3
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