10.03.2010 · Der große Discovery hat jetzt das Zeug, mit dem neuen Diesel endlich aus dem Schatten des Range herauszufahren. Dabei kämpft er sich gerne durch unwegsames Gelände, schüttelt die Passagiere aber in der Kurve kräftig durch.
Von Wolfgang PetersIn den Zeiten der wankenden Banken greifen Finanz-Menschen zum Gold. Verunsicherte Fahr-Menschen halten sich an Land Rover: Gib mir was, irgendwas, das bleibt, bittet die gutsituierte Ehefrau und erhält den jüngst entscheidend renovierten Discovery. Oder kauft ihn sich einfach selbst.
Sie war zwar froh, den Land Rover Freelander vermieden zu haben, hatte jedoch auf den Range Rover gehofft und weiß nach kurzer Fahrt: Mit dem Discovery ist sie auf der sicheren Seite ihrer fahrerischen und gesellschaftlichen Empfindungen, denn dieser ist so unhandlich wie der Range und viel teurer als der Freelander. Nach längerer Bekanntschaft allerdings kehrt der Discovery mit britischer Zurückhaltung seine wahren und wahrlich nicht unfeinen Werte hervor.
Doch reden wir zunächst ein wenig über Geld. Schon für knapp 26.000 Euro gibt es den kleineren Freelander mit einem Vierzylinder-Diesel, der ausreichende, aber nicht üppig dimensionierte 112 kW (152 PS) bietet. Der Range Rover 3.6 TDV8 ist da mit seinen 200 kW (272 PS) schon ein anderes Kaliber, und das gilt auch für den Preis: Der dieselnde Riese kostet 85.900 Euro, in der einfachsten Ausstattung. Die goldene Mitte wird vom Discovery besetzt, der mit dem neuen Dreiliter-Diesel in der sehr gut ausstaffierten TDV6-SE-Version auf 52.700 Euro kommt. Für den Unterschied zum Range Rover mit dem V8-Diesel führt man den Freelander heim. Den kann ja dann der Göttergatte fahren.
Wer gerne jene TV-Serien konsumiert, die sich mit schönen Menschen bei schönem Wetter im idyllischen Britannien oder im langweilig grünen Irland ereignen, der weiß: Mit einem Discovery ist er bestens angezogen. Denn der Range könnte unter den Blicken der neuen Bescheidenheit womöglich als Spekulationsgewinn interpretiert werden, und der Freelander, na ja, da könnte man sich auch gleich einen Japaner kaufen. Aber der Discovery ist ausreichend schrullig, wirkt praktisch und gleichzeitig distanziert wie diese Wachstuchjacken, und man könnte sich vorstellen, ihn mit in die Pensionierung zu nehmen.
Das hat vor allem mit der jüngsten Überarbeitung des nun seit sechs Jahren in seiner dritten Generation gebauten und jetzt als Discovery 4 fortgeführten Geländewagens zu tun. An der Karosserie hat man mit kleineren Operationen die Familienähnlichkeit verstärkt, den Innenraum einer moderneren Kanzlei angenähert und vor allem unter der knuffigen Haube für mehr Durchzug gesorgt.
Unverändert erhalten blieben die knochige Struktur von Unter- und Aufbau, die durchaus segensreiche Anwesenheit der Luftfederung (SE-Version) sowie die Möglichkeit, unter Hingabe von 1570 Euro ein sogenanntes Sieben-Sitzer-Paket zu erwerben, das eine hohe Flexibilität für die Bestückung mit Passagieren gestattet. Wenn man sich noch in der Ausstattungsliste ein wenig (zum Beispiel Navi für 2230 Euro, Leder für 2190 und Standheizung für 1540 Euro) umtut, kommt man doch auf standesgemäße 61.000 Euro. Dann hat man aber auch dieses satte Gefühl auf der Zunge, wie man es sonst nur bei sehr altem Single Malt fühlt.
Der bequeme Fahrer-Hochsitz
Zur Luftfederungseinheit gehört das vom Fahrer konfigurierbare, sogenannte Terrain-Response-System. Es macht aus dem allradgetriebenen Discovery beinahe einen Allesüberwinder, mit dem man sich weder vor den schlammigen Wegen der Städte oder dem Schnee in Kitzbühel noch vor den hohen Bordsteinkanten des Boulevards oder dem Anfahren auf der steilen Rampe des Parkhauses fürchten muss.
Dort gilt die Vorsicht eher den seitlichen Begrenzungen der 1,92 Meter breiten, aber vom bequemen Fahrer-Hochsitz aus gut zu überblickenden Karosserie. Mitunter muss man dann zentimetergenau reversieren, was aber eine schöne Tätigkeit mit der auf Geheiß des Fahrers sanft kriechenden und selbst unter Volllast mild schaltenden ZF-Sechsgangautomatik ist.
Mit der Behäbigkeit anfreunden
Die Automatik geht mit dem ebenso starken wie flüsterleise laufenden Dreiliter-Diesel (gemeinsame Entwicklung mit den Spezialisten von PSA bei Peugeot) eine recht harmonische Verbindung ein. Man kann sie frühzeitig hochschalten lassen, weil der mit Doppelturbo aufgeladene Diesel (ein Lader für das muskulöse Ziehen bei niedrigen Drehzahlen, der andere für das muntere Zischen bei hohen Touren) ein Kraftkerl mit Manieren ist.
Er baut den größten Teil seines erstaunlichen Drehmoments von maximal 600 Nm in wenigen Millisekunden auf. Das hat zur Folge, dass der Fahrer wirklich jederzeit mit beiden Händen das reinste Motorschmalz aus einem riesigen Tiegel schöpfen kann. Das ist auch nötig. Denn der Discovery 4 brachte bei unserem Routinewiegevorgang tatsächlich 2,605 Tonnen auf die ächzende Waage. Doch das hat wenig Einfluss auf die Beweglichkeit des großen Wagens. Die immense Dieselkraft wird eher beiläufig und ohne hörbaren akustischen Aufwand aus dem Maschinenraum geliefert.
Die Fahrleistungen sind durchweg anständig, auf der Autobahn ergibt sich eine angenehme Marschgeschwindigkeit von 160 km/h, wenn es sein muss, dann rennt der schrankwandähnliche Discovery gut 180 km/h, und man kann ihn unter Vollgas in weniger als zehn Sekunden auf 100 km/h wuchten. Das wird man nur selten tun. Viel feiner ist es, sich mit der vornehmen Behäbigkeit des Autos anzufreunden, selbst in kitzligen Situationen im Stadtverkehr mit souveräner Gelassenheit zu rangieren und ein wenig von oben herab die Aussicht auf das wieselnde Fußvolk zu genießen.
Fahren als Frischekur
Leider lässt sich der angenehme Diesel seine Leistung mehr als angemessen honorieren. Spar-Rekorde fährt man mit dem Discovery nicht ein, aber man hat auch keinen Säufer unter dem Gasfuß: Minimal kamen wir auf 9,5 Liter für 100 Kilometer und waren schon insgeheim beim Basteln von Zeilen des Lobes. Aber über die gesamte Prüfdistanz ergaben sich dann doch 12,1 Liter im Durchschnitt. Maximal errechneten wir für eine Etappe der unangemessenen Zügigkeit 15,3 Liter, immerhin fasst der Tank 88 Liter.
Während unserer Fahrten hat sich die Methode des sanften, aber entschlossenen Gleitens als vorzügliche Art der Fortbewegung ergeben. Wir brachten den Discovery ohne Umschweife auf erlaubte oder nötige Geschwindigkeiten und ließen ihn dann mit wenig Gas dahinrollen. Allzu brutales Abbremsen vor Kurven (für kräftigeres und ausdauernderes Ansprechen der Verzögerungsanlage wäre man gewiss dankbar) mit anschließendem heftigen Akzelerieren sind unziemliche Formen des Umgangs mit dem Discovery.
Er neigt auf Bodenwellen zwar niemals zu Karosseriegeräuschen, aber trotz eines Verhinderungssystems zu spürbarem Wanken, und in engen Kurven wird deutlich, dass er am liebsten geradeaus auf Kurs bleibt. Lobenswert sind der gute Federungskomfort, der stabile Geradeauslauf, und die Abwesenheit von Wind-, Abroll- und Motorgeräuschen wird gerne zur Kenntnis genommen. Daraus resultiert eine hohe Tauglichkeit für lange Strecken. Beinahe steigt man am Ziel frischer aus, als man an Bord gegangen ist.
Fein tapeziertes Abteil
Das liegt auch an der wohltuenden Unaufdringlichkeit des großzügig dimensionierten Innenraums. Überall ist man wie in Clubatmosphäre untergebracht. Sessel vorne und Sitzplätze hinten sind von bequemem Wesen, die Qualität der verbauten Materialien entspricht jenen Vorstellungen, die man mit einem Land Rover verbindet. Das gilt auch für den Umfang der Ausstattung, und an den Sicherheitsvorkehrungen (zusätzliche Kopfairbags) kann nicht gemäkelt werden. Der Stauraum ist ein fein tapeziertes Abteil, wir haben uns auf Verlagskosten eigens neue Lederkoffer gekauft. Aber nur beinahe.
So steht der Land Rover Discovery für eine feinere Art der Fortbewegung, der es mit dem Diesel auch nicht an schöner Ökonomie mangelt. Wer mit ihm vernünftig umgeht, hat in diesen unsicheren Zeiten etwas, das bleibt.
Daten und Messwerte
Empfohlener Preis 52.700 Euro
Preis des Testwagens 61.100 Euro
V6-Zylinder-Dieselmotor, Common-Rail-Einspritzung, Twin-Turbolader, vier Ventile je Zylinder, 2993 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 180 kW (245 PS) bei 4000/min
Höchstes Drehmoment 600 Nm bei 2000/min, 90 Prozent davon ab 1500 bis 3300/min
Sechsstufiges Automatik-Getriebe
Permanenter Allradantrieb mit Differentialsperren und Fahrprogrammen
Länge/Breite/Höhe 4,83/1,92/1,89 Meter
Radstand 2,89, Wendekreis 11,45 Meter
Leergewicht 2508 (tatsächlich 2605), zulässiges Gesamtgewicht 3240, Anhängelast 3500 Kilogramm, Kofferraumvolumen 1260 bis 2558 Liter
Reifengröße 255/60 R 18
Höchstgeschwindigkeit 181 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 9,6 s
Verbrauch 9,5 bis 15,3, im Durchschnitt 12,1 Liter Diesel je 100 km; 243 g/km CO2 bei Normverbrauch von 9,3 Liter; Tankinhalt 88 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 23, TK 24, VK 20
Garantie 3 Jahre oder 100.000 Kilometer, drei Jahre auf den Lack, sechs Jahre gegen Durchrostung