30.04.2007 · Als „unglaublich alltagstauglich“ wird der neue Honda Civic 2.2i-CTDi Sport angepriesen. Das gilt allerdings bestenfalls für den flexiblen Nutzraum. Für Dieselmotor und eine Vollausstattung muss man schon Mittelklasse-Preise berappen.
Von Gerold Lingnau„Atemberaubend sportlich und unglaublich alltagstauglich“ lasen wir in einer Werbung für den Honda Civic. Zur Erinnerung: Dieses Auto der Golf-Klasse war der unbestrittene Hingucker des Jahres 2006, und er ist es auch heute noch mit seinem provozierend ungewöhnlichen Design, das glücklicherweise nicht - wie von einigen Wettbewerbern erprobt - Hässlichkeit, sondern Andersartigkeit zum Prinzip macht. Werbesprüche sollte man zwar besser nicht hinterfragen. Wenn sie aber so vollmundig artikuliert werden, juckt es doch in den Fingern. Zugleich ergibt sich die Gelegenheit, die Diesel-Version des aktuellen Civic kennenzulernen.
Die unglaubliche Alltagstauglichkeit kann man in der Tat entdecken, nämlich am Nutzraum-Management. Honda hat es mit Erfolg bereits an seinem Kleinwagen Jazz erprobt. Der Trick ist, den Kraftstofftank von seinem traditionellen Platz vor der Hinterachse weg unter die Vordersitze zu verbannen, also in ein sonst ungenutztes Areal. Der Gewinn ist gleich mehrfach: Der Kofferrauminhalt des Civic erreicht 456 Liter, für eine nur 4,25 Meter lange Schrägheck-Limousine ein Spitzenwert; die Rücksitzlehnen tauchen beim Klappen tief hinab und ermöglichen so eine Erweiterung auf rund 1350 Liter; unter der Fondbank gibt es zusätzlichen Ablageraum; und da ihre Sitzfläche ganz oder geteilt gegen die stehen bleibende Lehne hochgeschwenkt werden kann, entsteht ein alternatives Ladevolumen für sperrige Gegenstände, das durch die hinteren Türen, die sich bis zum rechten Winkel öffnen, leicht zugänglich ist. Die Nachteile der ungewöhnlichen Konfiguration sind eher geringfügig. So muss man das Gepäck hinter der - an sich niedrigen - Ladekante des Kofferraums weit hinabsenken, erst recht, wenn dessen höhenverstellbarer Boden in unterer Position ist (dann erreicht die lichte Höhe bis zur Abdeckung rekordverdächtige 72 Zentimeter). Und dass die Großzügigkeit des Volumens auch aus der Abwesenheit eines Reserverads resultiert, sollte nicht verschwiegen werden. Doch diesen Tribut zahlt man auch in weniger gescheit eingerichteten Autos.
Katastrophale Sichtverhältnisse
Der Civic wartet aber auch mit unglaublicher Alltags-Untauglichkeit auf, vor allem der katastrophalen Sichtverhältnisse wegen. Das beginnt mit der hochliegenden Gürtellinie und den niedrigen Seitenfenstern, die dem Fondraum viel Licht nehmen. Weit schlimmer indes der törichte Spoiler, der wie ein verrutschter Dachbalken quer über der Heckscheibe liegt und aerodynamisch gar nicht so viel gut- machen kann, wie er an Sichtbehinderung und damit Gefährdung mit sich bringt. Er verhindert zudem den dringend notwendigen Wischer, und da die Glasfläche unterhalb von ihm keine Heizfäden hat, bleibt sie bei schlechtem Wetter undurchsichtig. Die nach Minivan-Art extrem schrägen vorderen sowie die sehr breiten und weit vorgerückten hinteren Dachsäulen verlangen dem Fahrer ebenfalls zusätzliche Aufmerksamkeit und manchen zweiten und dritten Blick ab, damit er nichts Verdecktes übersieht. Eine Parkhilfe gibt es im ganzen Civic-Programm nicht, dafür eine Rückfahrkamera, aber nur bei vorhandenem Navigationssystem und für zusätzliche 706 Euro plus Montage.
Über andere Design-Details am Civic kann man zumindest geteilter Meinung sein. Wir vermuten zum Beispiel, dass das auffällige Leuchtenband am Bug einen Frontschaden eher verteuert. Das Armaturenbrett-Styling ist Geschmackssache: so etwa die digitale Tachoanzeige, die immerhin im besten Blickfeld liegt und an die man sich gewöhnen kann. Attraktiv ist die zusätzliche Projektionsebene vor dem Drehzahlmesser, gedacht für die Mitteilungen des Bordcomputers. Schön hoch angebracht ist der Bildschirm des optionalen Navigationssystems, dessen Bedienungselemente (wie auch alle anderen) gut zur Hand liegen. Ein separater Startknopf ist aber allein mit einem schlüssellosen System sinnvoll, im Civic mit seinem ganz normalen Zündschlüssel ist er ein Ärgernis. Auch die bunten Diodenreihen, mit denen wenig Gasgeben belobigt und hohe Drehzahl getadelt werden, sind nur ein optischer Gag. Mit Schaltern überladen ist das Lenkrad, selbst nach Einübung erwischt man immer wieder einmal den falschen. Der Schick des Civic ist also nicht ohne Nebenwirkungen, und die bereiten dauerhafteren Ärger als konstruktive Fehlgriffe an entlegeneren Stellen. Gewiss keine falsche Wahl trifft man mit der Diesel-Version.
Konkurrenz hat aufgeholt
Der 2,2-Liter-Vierzylinder, der auch in der Limousine Accord, im Van FR-V und im SUV CR-V angeboten wird, war bei seinem Start 2003 einer der besten seiner Art. Inzwischen hat die Konkurrenz aufgeholt, und Hondas Motor, jetzt mit Partikelfilter, nimmt in Leistung und Laufruhe keinen Spitzenplatz mehr ein. Trotzdem kann man mit ihm sehr zufrieden sein. Im Leerlauf nagelt er zwar auch betriebswarm vernehmlich, doch insgesamt ist sein Geräusch hinreichend gedämmt. Ein lästiges Turbo-Loch beim Anfahren kann man ihm nicht ankreiden, er beschleunigt den Civic schon aus 900 Umdrehungen je Minute willig, doch zunächst auch brummig, und wird erst bei 4900/min abgeregelt. So spurtete unser immerhin 1420 Kilogramm schwerer Wagen in 9,4 Sekunden auf 100 km/h, erreichte 207 km/h Höchstgeschwindigkeit und erfreute vor allem mit seinem muskulösen Antritt. Selbst im 6. Gang des kurz übersetzten und knackig-präzis zu schaltenden Getriebes war die Spanne von 50 bis 100 km/h in nur 15,8 Sekunden überbrückt, im 4. Gang genügen dafür 8,2 Sekunden. Zivil ist der Civic in seinen Konsumgewohnheiten: 7,2 Liter Diesel je 100 Kilometer waren es bei uns im Schnitt, auf der Autobahn auch über 8, bei ruhiger Fahrt um 6,5. Der 50-Liter-Tank, für die Benziner-Versionen zu knapp, ist dafür groß genug.
Bliebe noch die Werbeaussage „atemberaubend sportlich“ zu überprüfen. Geradezu wörtlich trifft sie auf den Federungskomfort - oder besser: Nicht-Komfort - zu. Der Civic ist unangenehm hart abgestimmt, teilt den Insassen schon mittlere Fahrbahnstöße ungeschminkt mit, beantwortet grobe mit krachenden Durchschlägen und sammelt nur beim Abrollen auf rauhem Grund kleine Pluspunkte. Und dieses Verhalten beruht nicht etwa auf einem speziellen Fahrwerk der Ausstattungsversion Sport, die unser Wagen repräsentierte - nein, es ist die ganz normale Härte, hier allenfalls noch verstärkt durch die 45er-Breitreifen. Auf der Habenseite steht ein echt sportliches Kurvenverhalten, das im Grenzbereich, wenn das Heck plötzlich leichter wird, eine gewisse Aufmerksamkeit erfordert, vor allem auf Nässe und beim Lastwechsel. Viel passieren kann nicht, denn das ESP (bei Honda VSA) greift nötigenfalls früh und rüde ein. Nichts Nachteiliges lassen sich die Bremsen nachsagen.
Mehr als 24.000 Euro sind fällig
Schon für 16.557 Euro kann man einen Basis-Civic mit 1,4-Liter-Benzinmotor bekommen, mit bequemem Platz für fünf Personen und ordentlicher Verarbeitung, wenn man auch der Materialwahl vielerorts den Drang zum Sparen ansieht. Der billigste Diesel kostet fast 6200 Euro mehr, und für den „Sport“ sind gar 24.174 Euro fällig. Dafür gibt es jedoch eine so vollzählige Serienausstattung - unter anderem Klimaautomatik, sechs Airbags, Alarmanlage, vier elektrische Fensterheber, Geschwindigkeitsregler, CD-Radio, Leichtmetallräder, Licht- und Regensensor -, dass als Extras nur noch das DVD-Navigationssystem mit Farbbildschirm (2719 Euro), der Metallic-Lack (441 Euro), das Xenon-Abblendlicht (769 Euro) und einige Pakete überwiegend für optisches Tuning und Klangverbesserung übrigbleiben.
Hondas oft seltsame Aufpreispolitik greift aber auch hier: Für die Diesel-Einsteigerversion Comfort sind weder Navi noch Xenon erhältlich, sondern erst beim Sport; für den gibt es weder heizbare Sitze noch das (feste) Glasdach, die bei der teuersten Version Executive serienmäßig sind. Auch so kann man Rendite machen - oder Kunden verärgern.
Japan ist auch nicht mehr, was es 'mal war!
hartmut stroth (hartmut_stroth)
- 30.04.2007, 23:39 Uhr
Honda Civic Benziner, die richtige Wahl
Henning Müller (w_klaus)
- 02.05.2007, 08:38 Uhr