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Fahrräder unter tausend Euro Auf dem Preisschild steht nicht alles, was dazugehört

15.05.2009 ·  Die Frage ist nicht, ob, sondern was. Wer fähig und willens ist, den doppelten Durchschnittspreis des Marktes für ein Fahrrad zu bezahlen, wird auf alle Fälle etwas finden. Aber wie viel Fahrrad und welcher Art gibt es für dieses Budget?

Von Hans-Heinrich Pardey
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Sie können sich das ja vielleicht leisten: 1800 Euro für ein Fahrrad. Aber es muss doch welche geben, die preisgünstiger sind und trotzdem was taugen, oder? Können Sie nicht mal normale Fahrräder beschreiben?“ Diese mit leicht mokantem Unterton vorgetragene Bitte trifft uns ins Herz. Denn tatsächlich schauen wir bei der persönlich-privaten wie bei der beruflichen Betrachtung eines Fahrrads auf alles Mögliche, aber erst zuletzt auf den Preis. Der Erwerb eines Fahrrads ist in unseren Augen keine von einer Kosten-Nutzen-Berechnung oder dem Schnäppchenjäger-Trieb gelenkte Entscheidung. Und so haben wir tiefes Verständnis dafür, wenn jemand bereit ist, für Markenwerte wie Image, materielle Qualität und Werterhalt, für Eleganz des Designs, technische Finesse und letztlich für den kleinen Hopser des Herzens, den einem auch ein Fahrrad verschaffen kann, einen vierstelligen Betrag zu erlegen, selbst wenn die erste Ziffer keine Eins ist.

Der wirkliche deutsche Fahrradmarkt ereignet sich allerdings tatsächlich in ganz anderen Preisregionen: Durchschnittlich 386 Euro haben deutsche Käufer im Jahr 2008 für ein neues Rad ausgegeben. Diese Zahl wie die folgenden statistischen Angaben stammen vom Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) in Bad Soden. Bei dessen Durchschnittswert – 19 Euro mehr als 2007 – sind sämtliche Vertriebswege, auch die notorischen Billigheimer wie Baumärkte und Discounter, mitberücksichtigt.

Anteil des Fachhandels steigt seit Jahren

Der Fahrradfachhandel im engeren Sinne erzielt durchschnittlich einen um etwas mehr als hundert Euro höheren Preis: 490 Euro. Dabei ist bemerkenswert, dass seit Jahren der Anteil des Fachhandels – unter Einschluss der sich ausbreitenden großen Fahrradfachmärkte – steigt: Während der Versandhandel einschließlich des Vertriebswegs Internet genauso kontinuierlich bei sechs Prozent Anteil stagniert, hat der Fachhandel von 2006 bis 2008 seinen Anteil von 56 auf 63 Prozent steigern können – auf Kosten von Lebensmittel-Discounthandel, SB-Warenhäusern und Baumärkten, deren Anteil im gleichen Zeitraum von 36 auf 30 Prozent sank.

Diese Zahlen berücksichtigen die abgesetzten Stückzahlen; betrachtet man den Wert, dann erzielt der Fachhandel rund 80 Prozent des Umsatzes in einem Markt von etwa 1,7 Milliarden Euro (nur Fahrradverkäufe). Annähernd noch einmal so viel wird mit Teilen, Zubehör und Werkstattservice umgesetzt, so dass der nicht leicht abgrenzbare Fahrradmarkt nach den ZIV-Berechnungen auf 3 bis 3,5 Milliarden Euro geschätzt wird. Noch eine Konstante: Bei einer „Inlandsanlieferung“ (deutsche Fertigung minus Ausfuhren plus Einfuhren) von rund 4,3 Millionen Fahrrädern – 1,8 Millionen aus heimischer Fertigung und 2,5 Millionen aus Taiwan, Thailand, Polen, Litauen, Indonesien (in der Reihenfolge der Mengen) – blieb der Bestand in Deutschland 2008 bei 68 Millionen Einheiten gleich.

Und schon sind wir bei tausend Euro

Der vom ZIV ermittelte Durchschnittspreis von unter 500 Euro im Fachgeschäft soll nicht unkommentiert bleiben: 2005 wurde unter Läden, die zum Verbund selbstverwalteter Fahrradbetriebe (VSF) gehören und sich von daher besonders hohen Qualitätsstandards verpflichtet fühlen, ein Durchschnittspreis von 734 Euro für ein Erwachsenenrad ermittelt. Die weniger kostenden Kinderfahrräder waren nicht in die Berechnung eingegangen. Folgen wir dem Rat, zehn Prozent vom Preis eines guten Fahrrads für dessen Sicherung auszugeben, leisten wir uns einen Helm, noch ein vernünftiges Taschenwerkzeug oder Taschen – schon sind wir locker bei tausend Euro. Da hat man noch nicht in eine schicke Brille, Schuhwerk oder spezielle Fahrradkleidung investiert, aber mehr als der doppelte Durchschnittspreis des Marktes steht auf der Rechnung.

Dieses Rechenexempel, konkret umgesetzt, könnte so aussehen: ein Trekkingrad von Hercules, das „Pasero“ für 799 Euro, dazu ein starkes Falt- oder Bügelschloss von Abus oder Trelock für knapp 80 Euro, ein auch in der City kleidsamer Helm wie der Abus Urban zu knapp 60 Euro. Wenn wir jetzt noch eine klassische Ortlieb-Lenkertasche (etwa 70 Euro) wollen, müssen wir schon ein wenig handeln. Das ausgesuchte 28-Zoll-Rad (Gewicht: rund 17 Kilogramm), in drei aus Aluminium 6061 gefügten Rahmenvarianten und jeweils vier -höhen zwischen 43 und 61 Zentimeter zu haben, taugt für alles: für den Bummel bis in den Biergarten genauso wie mit seinem Pletscher Genius für eine richtige Fahrradtour. Die Neigung des Vorbaus ist einstellbar, die Sattelstütze gefedert, vorn ist eine RST Neon als Federgabel montiert. Die 27-Gang-Kettenschaltung mischt Shimano-Komponenten der Serien Deore und Deore LX; die hydraulischen Bremsen kommen von Magura (HS 11), die Lichtanlage kombiniert einen Shimano-Nabendynamo mit Leuchten von Busch und Müller samt Standlichtfunktion.

Gerade das Volksrad wird wegen seiner Geschichte gekauft

Hinunter auf Aktionspreis-Niveau: Das „Volksrad“ von Strike Bike kommt nach der Online-Bestellung aus dem thüringischen Nordhausen für 299 Euro im Karton, weitestgehend vor-, aber nicht fertig montiert. Es ist entweder schwarz oder rot und ein traditionelles deutsches Fahrrad einfachsten Zuschnitts: Rahmen aus einfachem Hi-Ten-Stahl, Dreigang-Nabenschaltung mit Rücktrittbremse, Seitenläufer-Dynamo und Lichtanlage mit Standlicht vorn und hinten. Ungewöhnlich in dieser Preislage: Die Reifen haben Reflexstreifen, die Speichen und sämtliche Schrauben sind aus Nirosta. Das ist die materielle Seite des Rades.

Gerade das Volksrad wird aber auch wegen seiner Geschichte gekauft: Im Sommer 2007 besetzen vom Neueigentümer gekündigte Mitarbeiter der Bike-Systems-Fahrradproduktion ihren noch aus DDR-Zeiten stammenden Betrieb und produzieren im Herbst 2000 „Strike Bike“ genannte Räder, die, begleitet von internationalen Solidaritätsbekundungen, reißenden Absatz finden. Aus der Protestaktion wird eine GmbH, die sich zum Ziel gesetzt hat, in Deutschland gefertigte Qualitätsfahrräder dauerhaft zu einem günstigen Preis anzubieten. Unser Fahreindruck: ein stabiles Kurzstreckenrad für den Gelegenheitsradler, das sein überaltertes Gesamtkonzept nicht verleugnen kann. Bleiben wir dabei: ein Rad, das eher wenig bewegt wird, das nicht technisch oder als Sportgerät besonders brillieren muss.

Gehen wir nun mehr in Richtung Komfort

Kurz überschlagen: Wer von März bis Oktober jeden Sonntag eine Zwölf-Kilometer-Tour macht, bringt es auf die knapp vierhundert Kilometer, die der deutsche Durchschnittsradler jährlich zurücklegt. Aber gehen wir nun mehr in Richtung Komfort, und schöpfen wir unser Preislimit voll aus. Mit einem Startpreis von 999 Euro landen wir beim „San Francisco“ von Sinus, einer Marke von Winora-Staiger. Knapp ein Viertel (23,5 Prozent) der in Deutschland verkauften Räder gehören in die Kategorie „Cityrad“, zu der wie das Volksrad auch das San Francisco gehört. Hier haben wir aber nun die Moderne vor uns: einen Unisex-Rahmen aus 6061-Aluminium mit tiefem Durchstieg, dessen stabilisierende Verbindung über dem Tretlager zugleich den perfekten Tragegriff abgibt.

Man kann das Rad mit 26- oder 28-Zoll-Laufrädern und in vier verschiedenen Rahmenhöhen zwischen 42 und 54 Zentimeter bekommen, wobei die durch Pulverbeschichtung schlagfeste Lackierung unter neun Farben – samt zweifarbigen Kombinationen mit Weiß oder Silber – gewählt werden kann. Auch der Antrieb fällt unter die Wahlfreiheit der „Custom-made-Fahrräder“: Von der Achtgang-Nabe mit oder ohne Rücktritt (Shimano Nexus) über Srams Neungang-Naben und die 27 Übersetzungen des Dual Drive (plus 100 Euro) reichen die Konfigurationsmöglichkeiten bis zur Rohloff- 14-Gang-Nabe. Mit der allerdings überschreitet der Preis des San Francisco unser Budget um mehr als hundert Prozent.

Das Mundo im Einsatz in der dritten Welt

Also immer schön auf dem Boden der Tatsachen bleiben: Zu denen gehört, dass man manchmal mehr mit dem Fahrrad transportieren würde, wenn es denn ginge. Ein Rad, mit dem das geht, ist das „Mundo“, ein ungewöhnliches Lastenrad von Klaus Schröder, das mit insgesamt 300 Kilogramm belastet werden kann. Der stark gestreckte Hinterbau des nur 44 Zentimeter hohen, geschweißten Stahlrahmens trägt an sechs flächigen Verbindungen einen langen Gepäck- und Taschenträger. Das Mundo wurde an sich für den Einsatz in der Dritten Welt entwickelt, wird viel an Hilfsorganisationen verkauft und hat bei Hersteller Yuba eine Optionsliste hinsichtlich Vertriebsvarianten und Ausstattung, die einen deutschen Autohersteller neidisch machen könnte. Beim Antrieb des Hinterrads mit 48 Speichen und extra starker BMX-Achse ist von Single-Speed bis Elektromotor alles möglich. Das Fahrzeuggewicht umspielt 25 Kilogramm, die Preise beginnen bei rund 600 Euro.

Ja, aber ein Rennrad oder ein Mountainbike für genau einen Euro weniger als tausend? Die beiden Sportgeräte - beide sehr ansehnlich als optisch wie technisch etwas hergebende 999-Euro-Eckpreis-Besetzer gestaltet - sind die eigentliche Überraschung der Auswahl gewesen, die der Fahrrad-Lobbyist Gunnar Fehlau in der Preisklasse bis tausend Euro traf.

Ein ganz knapp gehaltener Fahreindruck

Statt beim Haibike „Edition RX“ (etwas über 12 Kilogramm) von der verriegelbaren Federgabel (Rock Shox Recon SL Air) über den Antrieb (Shimano SLX) bis zu den hydraulischen Scheibenbremsen (Magura Julie) oder beim „F-85“ von Felt (knapp zehn Kilogramm) von den Carbon-Gabelscheiden über die Brems- und Schaltungskomponenten von Shimanos schwarzer Serie 105 bis zur FSA-Omega-Kurbelgarnitur und den schwarzen Mavic-Felgen CXP-22N alle technischen Positionen abzuhaken, ein ganz knapp gehaltener Fahreindruck: Diese zwei Räder sind selbstverständlich unter ihresgleichen die Einsteiger-Klasse. Aber beide sind keine Blender, sondern sie vermitteln authentisch den speziellen Fahrspaß des Mountainbikes und des Straßenrennrads, und zwar ohne dass man ständig daran denken muss, dass sie gerade einen Tausender gekostet haben.

Bezugsquellenhinweise: „Pasero“: Hercules Fahrrad, Telefon 0 97 21/6 75 16-0, www.hercules-bikes.de; „Volksrad“: Strike Bike, Telefon 0 36 31/65 89 10, www.strike-bike.de; „San Francisco“: Winora-Staiger, Telefon 0 97 21/6 59 40, www.sinus-fahrrad.de; „Mundo“: Yuba Sarrazin & Schröder, Telefon 02 28/9 67 61 92, www.yubaride.com; „F85“: Sport Import, Telefon 0 44 05/9 28 00, www.sportimport.de; „Edition RX“: Haibike, Telefon 0 97 21/6 59 40, www.haibike.de

Quelle: F.A.Z.
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