Home
http://www.faz.net/-gya-77ji8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fahrräder Nicht nur für den Fall der Reise

 ·  Nicht jede Radtour wird zur Reise, nicht jede Reise zur Expedition. Nicht jeder kann oder will sich ein Spezialrad für die Radreise leisten. Allrounder bewähren sich im Alltag daheim und in der Ferne.

Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (9)
© pd-f Allrounder

An sich und ganz sachlich betrachtet, ist der Übergang ja eher fließend: Aus jeder Radtour kann schließlich, wenn es gut rollt und keine anderen Verpflichtungen in Sicht sind, mit ein oder zwei spontanen Übernachtungen zumindest eine kurze Radreise werden. In der theoretischen Vorwegnahme aber, etwa wenn man sich im Fachhandel eingehend beraten lässt, wird jedoch meist klar abgegrenzt: Demnach ist die Radreise nicht einfach die verlängerte Form der Feierabend-Tour, sondern ein ernstes Unternehmen. Dieses erfordere, wird einem gepredigt, nicht nur eine spezielle Ausrüstung, die auf alle Eventualitäten eine Antwort parat halte, sondern vor allem auch ein zum Vorhaben passendes Rad. Besagte Ausrüstung an und auf ihm transportieren zu können ist dabei nur eine der je nach Benutzer sehr verschiedenen Anforderungen. So ist das Reiserad zu einer eigenen Gattung Fahrrad unterschiedlichster Ausprägung geworden, auf das sich etliche Hersteller und Händler spezialisiert haben.

In der alltäglichen Praxis bietet sich freilich ein etwas anderes Bild. Nicht wenige dieser dezidierten Reiseräder müssen außerhalb der Urlaubszeit als ordinäres Stadtfahrrad fronen und werden dann meistens eines Teils ihrer dabei überflüssigen oder gar hinderlichen Ausrüstung beraubt. Was soll man auch zwischen zu Hause und Uni mit dem zweiten und dritten Wasserflaschenhalter? Oder mit dem Vorderrad-Seitenständer, der nur dann von Nutzen ist, wenn an der Gabel links und rechts beladene Lowrider-Taschen hängen?

Immer beliebter werdende Radwanderrouten

Umgekehrt kommt man aus dem Kopfschütteln nicht heraus, wenn man mal betrachtet, mit welchen Fahrrädern tatsächlich ausgedehnte Touren und richtige Radreisen unternommen werden. Man stelle sich nur mal an eine der immer beliebter werdenden Radwanderrouten: Schwer beladen kommen da City- und Trekkingräder vorbei und schlenkern mit dem Gepäck, was die häufig obendrein noch ersichtlich schlecht angepasste Vollfederung hergibt. Deren Komfort ist jedem Radler sicherlich zu gönnen. Nur sind die meisten Trekkingräder mit Federgabel und Hinterradschwinge nicht daraufhin konstruiert, mit dem Gepäck für eine Mehrtagesreise belastet zu werden.

Ganz anders dieser Schwergutfrachter unter den Reiserädern, das „Delite Traveller Rohloff“ (rund 3700 Euro) von Riese und Müller. Hier gehören die Gepäckträger vorn wie hinten und damit die gesamte Zuladung zu den gefederten Massen. Die Träger für die Taschen sind mit dem besonders steifen Hauptrahmen aus Aluminium verschraubt. Sie hindern daher das Fahrwerk nicht an seiner eigentlichen Aufgabe, schlechte Wegstrecken glattzubügeln und das lenkende Rad am Boden zu halten. Der Antrieb mit der 14-Gang-Nabe von Rohloff reduziert den Pflegeaufwand, die Scheibenbremsen verzögern auch das beladene Rad zuverlässig. Das StVZO-konform mit LED-Beleuchtung von Busch und Müller ausgestattete „Delite“ ist ein Paradebeispiel für das auch unwegsames Gelände nicht fürchtende Reiserad, mit dem man sich zu Fernreisen mit viel Gepäck aufmacht. Für eine einwöchige Tour auf asphaltierten Wegen an der Donau entlang ist es eigentlich schon überdimensioniert. Im alltäglichen Einsatz gefiel die stets komfortabel bleibende Stabilität des Rades, wenn es galt, größere Einkäufe nach Hause zu schaffen.

Am entgegengesetzten Ende des Spektrums der touren- und reisetauglichen Fahrräder findet sich der „Reisetourer R500“ (rund 1800 Euro) von Wanderer. Auf den ersten Blick kein spezialisiertes Reiserad, bei näherer Nachschau aber ein Alltagsrad von klassisch anmutenden Linien, mit dem man sich unbesorgt auf Reisen begeben kann. Wäre der Begriff in früheren Jahrzehnten nicht so gründlich beschädigt worden, wäre die Einordnung als Tourenrad völlig zutreffend. Das Rohrmaterial des Rahmens ist konifizierter Chrom-Molybdän-Stahl. Für viele Reiserad-Enthusiasten ist das die erste Wahl, weil Stahl auch ohne gefedertes Fahrwerk Komfort bietet und zugleich die nötige Robustheit für die Gepäcklast mitbringt. Und noch ein Gesichtspunkt spricht für Stahl: Im Fall des Falles lässt sich Stahl auch am Ende der Welt durch Schweißen reparieren. Wanderer bietet den „Herrenrahmen“ in vier und die Variante mit erniedrigtem Durchstieg in drei Höhen an. Bei den kleineren Rahmenhöhen (S bei Frauen, S und M beim Herrenmodell) werden Laufräder der Größe 26 Zoll verbaut, die größeren Rahmen rollen auf 28 Zoll; in jedem Fall ist die Bereifung der bestens bekannte Schwalbe Marathon. Auch Antrieb und Bremsen sind überraschungslose Qualität: die 20-Gang-Kettenschaltung Shimano Deore XT, Magura HS 11 als hydraulische Felgenbremse. Über den LED-Scheinwerfer wird man sich für die Reise wohl eine Tasche an den verstellbaren Lenker (Syntace VRO) hängen; mehr braucht es nicht.

Theoretisch dreißig Übersetzungen

Ebenfalls zum Rahmenmaterial Stahl hat Hercules beim „Alassio Travel“ (rund 1500 Euro) gegriffen. Ganz abgesehen vom Namen ist dem das Reisen als Bestimmung sofort anzusehen. Die Gepäckträger von Tubus an Vorder- und Hinterrad sind Serienausstattung: vorn bis auf Höhe der Nabe abgesenkt, hinten das Laufrad überwölbend. Die Tubus-Träger dürften mit so gut wie jeder Gepäcktasche klarkommen. Hercules bietet den gestreckten Diamantrahmen mit ganz sachte erniedrigtem Oberrohr in fünf Rahmenhöhen zwischen 48 und 61 Zentimeter an. Die Ausstattung ähnelt bei Hercules der Wahl von Wanderer: Lichtanlage ebenfalls von Busch und Müller, Magura HS 11 als hydraulisch betätigte Felgenbremsen und als Kettenschaltung die Shimano Deore XT. Allerdings wird beim „Alassio Travel“ die Zehnfach-Kassette hinten mit einem dreifachen Kettenblatt vorn kombiniert, so dass sich eine Schaltung mit - zumindest theoretisch - dreißig Übersetzungen ergibt. Mit knapp 15 Kilogramm ist das Reiserad von Hercules alltagstauglich leicht.

Ein Sonderfall in jeder Hinsicht sind immer noch Radtouren (und erst recht -reisen) mit dem Tandem. Für die Wahl eines Zweisitzers kann es eher ernste Gründe geben wie etwa ein Handicap eines der beiden Partner. Aber auch die Herausforderung, sich als Team zu bewähren, während der gemeinsamen Tour müheloser miteinander kommunizieren zu können oder den nicht lenkenden Mitfahrer fotografieren zu lassen, werden häufig als Motive für die Wahl eines Tandems genannt. Das ist - wenn die zwei darauf harmonieren - ein ausgesprochen schnelles Reisefahrzeug und weder schwer noch teuer: Den Preis von rund 3300 Euro und das Gewicht von um die 22 Kilogramm beim „Tour 14“ von Zweirad muss man schließlich durch zwei teilen. Die Typenbezeichnung deutet es an: Geschaltet wird im Hinterrad die 14-Gang-Nabe von Rohloff. Der wie die Gabel für Gepäcktransport vorbereitete Aluminiumrahmen (vorn 50, hinten 42 Zentimeter hoch) wurde bei sehr dezent sportlicher Geometrie auf Steifigkeit hin optimiert. Mit den hydraulischen Scheibenbremsen Magura MT2 und der Lichtanlage (SON-Nabendynamo und Leuchten von Busch und Müller) rundet sich das Bild eines sehr gut ausgestatteten Reiserades für zwei.

Das französische Wort Randonneur bedeutet Wanderer und bezeichnet im Zusammenhang mit dem Fahrrad einen Langstreckenfahrer wie auch sein Fahrzeug. Es ist die traditionsreichste Form des Reiserades: ein Rennrad mit gestrecktem Rahmen, häufig mit Schutzblechen und Beleuchtung, in kunsthandwerklicher Manier vom Spezialisten gebaut. Ebendiesen prestigeträchtigen Typ von Reiserad stattet Velotraum in Weil der Stadt als „VK-8“ (je nach individueller Zusammenstellung von 2500 Euro an) mit hochmodernen Zutaten aus. Der wie alle Modelle von Velotraum auf 26-Zoll-Laufrädern rollende Randonneur hat einen sportlich gestreckten Aluminiumrahmen, den es in sieben Größen mit der Wunschfarbe pulverbeschichtet gibt. Ein Rennlenker muss natürlich sein, nicht einer sportlichen Optik wegen, sondern weil die Schultern auf langen Fahrten für die unterschiedlichen Griffpositionen dankbar sind. Vom Lenker aus werden die mechanischen Scheibenbremsen (Shimano BR-515) betätigt. Und von dort aus wird auch die Elf-Gang-Nabe im Hinterrad betätigt - und zwar auf Tastendruck. Das Schalten in der Alfine Di2 übernimmt ein Stellmotor, angesteuert über ein wartungsfreies Kabel.

Das Smartphone für jede Art von Radtour

Fahrradtasche? Ortlieb. - Man tut den zahlreichen Wettbewerbern, ob sie nun Abus, Basil, Haberland oder wie auch immer heißen mögen, keinen Tort an, wenn man eine derart reflexhafte Antwort auf die Nachfrage formuliert. Die wasserdichten Taschen, Pack- und Rucksäcke aus Heilsbronn, die sich auch bei Motorradfahrern oder Kanuten großer Beliebtheit erfreuen, dominieren am Reiserad. Und immer wieder lassen sich die Tüftler aus der Nähe von Nürnberg sinnvolle Nützlich- und Neuigkeiten einfallen. In diesem Frühjahr sind es die Lenkertasche Ultimate6 M Pro (rund 150 Euro) und der Seatpost-Bag (1,5 Liter oder 4 Liter, je nach Größe 60 oder 80 Euro). Dieser ist für den sportlichen Fahrer gedacht, der keinen Rucksack auf dem Rücken tragen möchte, aber doch mehr mitnehmen will oder muss, als in die Trikottaschen passt. Der Seatpost-Bag wird, wie der Name sagt, an der Sattelstütze angebracht, und zwar ohne dass dort ein Träger montiert werden muss. Bis zu 2,5 Kilogramm (1,5 Kilogramm bei der kleineren Variante) verkraftet der in die Tasche integrierte Träger. Der leicht konisch geformte Bag wird von hinten her befüllt und dort mit einem Rollverschluss wasserfest geschlossen. Bei Regen wirkt er - fast - wie ein Steckschutzblech. Dass Smartphone und Navigationsgerät munter dabei sind, die klassische Fahrradkarte auf Touren zu verdrängen, lässt sich allenthalben beobachten. Die neue, sieben Liter fassende und abschließbare Ultimate6 M Pro hat einen festen Deckel mit transparentem, wasserdichtem Sichtfenster. Der Touchscreen eines darunter geschützt liegenden Geräts lässt sich weiterhin bedienen. Wie andere Lenkertaschen von Ortlieb lässt sich auch diese rasch abnehmen und mit einem Schultergurt tragen. Einzige Einschränkung: Für Carbonlenker ist die Tasche nicht geeignet.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

Jüngste Beiträge

Seniorenbook

Von Michael Spehr

Die Jugend wendet sich von Facebook ab. Es wird ein Netz der Eltern und Alten. Wir Alten können es uns jetzt also richtig gemütlich machen, auf Facebook. Mehr 1 3