Ratzenried - nie gehört? Seit vier Jahren ist dieses Dorf im Württemberger Allgäu nahe Wangen an einem Tag im Jahr der Nabel der Fahrradwelt. Schlagartig verzehnfacht sich - zumindest gefühlt - die Bevölkerungsdichte in dem ländlichen Ortsteil von Argenbühl. Und im Schatten des Ratzenrieder Schlösschens schafft der Zweiradverkehr, was man ehedem Pekinger Verhältnisse nannte, einen Tag, bevor in Friedrichshafen der Welt größte Fahrradmesse öffnet. Eurobike Demo Day heisst das internationale Ereignis in Ratzenried. Und es könnte kaum einen Ort geben, der zugleich so idyllisch wie topographisch bestens geeignet wäre, die Entwicklungen auszuprobieren, die augenblicklich die Fahrradwelt prägen.
In einer Gegend, wo es auf das anmutigste fortwährend rauf- oder runtergeht, wo auf grünen Hügeln Kühe muhen und mit ihren Glocken bimmeln, da kann ein Elektroantrieb zeigen, was in ihm steckt. Und wo auf Waldwegen der Schotter spritzt, Wurzelwerk und Schlammlöcher lauern, da wird praktisch erfahrbar, dass es manches Mal doch auf die Größe ankommt: Die Twentyniner, also Bikes auf Laufrädern, deren Höhe mit 700C-Felgen und dicken Schlappen 29 Zoll erreicht, rollen in breiter Front in die Saison 2012.
Was für größere Fahrer vor allem auf langen Mountainbike-Extremtouren richtig war und ist, kann für die Radreise nicht ganz und gar falsch sein, sagt man sich zum Beispiel bei Koga. Folgerichtig wird das bekannte „WorldTraveller“, ein in gerader Linie vom Mountainbike abstammendes 26-Zoll-Reiserad mit (bis auf die Taschen) beinahe mehr als vollständiger Ausstattung, auf größere Räder gestellt. Und ein Triumph des Farb-Designs, worauf bei Koga wie eh und je großer Wert gelegt wird: Bereits fabrikneu sieht der Rahmen aus, als habe das rund 17 Kilogramm wiegende Rad (rund 2000 Euro) bereits mit dem Fernradler Tilmann Waldthaler ein Schlammbad genommen.
Als einzige gurken ein wenig verloren in Ratzenried die modischen Neuheiten herum, die eigentlich nicht besonders oder sogar überhaupt nicht neu sind: im weitesten Sinne nostalgische Räder und solche, die politisch korrekte Mobilität zum urbanen Lebensgefühl beisteuern wollen. Beide Stilrichtungen sind längst nicht mehr die Sache von kleinen spezialisierten Herstellern, sondern praktisch alle großen haben wenigstens das eine oder andere Modell im Katalog: Sattel und Lenkergriffe aus Leder; Holz, Holzimitat oder gehämmertes Blech als Schutzblechmaterial, ganz entspannt durchs Hier und Jetzt auf Ballonreifen rollende Geometrien, das kennzeichnet die Nostalgischen.
Ein besonders typischer Vertreter: Rabeneick Fancy Classic Deluxe (rund 800 Euro). Mattschwarze Sportlichkeit, lieber nicht mit dem starren Gang der Fahrradkuriere, aber wie sie durchaus auf die Straßenverkehrszulassungsordnung pfeifend, dafür aber mit Gimmicks wie dem verschlüsselten Web-Zugang via Smartphone und QR-Code am Rahmenrohr auf den Lifestyler zielend, so sehen die jüngsten Weiterungen des Urban Biking aus: Hauptsache, schick. Die modischen Stile können - gerade bei den Mainstream-Herstellern - Amalgame mit durchaus praktischem Nährwert bilden: Ein gutes Beispiel ist etwa das „Berlin Cargo“ von Kettler (rund 700 Euro). Es kommt aus der Nostalgie-Ecke, ist ein Cruiser, der aber nicht vor lauter Coolness unhandlich wird - und der sich praktischerweise auch einen Wochenendeinkauf aufpacken lässt.
Sie brauchen ein gutes Fahrwerk
Vielfältiger als bei Radsport und Mode, wo einige Leithammel das Gesamtbild stark beeinflussen und schlecht verhohlene Uniformität den Blick verstellt, bietet sich das Thema Elektrofahrrad dar. Da scheint - momentan noch - so gut wie alles zu gehen. Und es wird versucht, nach wie vor ist die Zahl der wie aus dem Nichts auftauchenden Quereinsteiger groß. Dementsprechend gewaltig sind die Unterschiede zwischen Elektrorad und Elektrorad: Die Produktreife eines Flyer-Modells der X-Serie vom führenden Schweizer Anbieter Biketec ist Lichtjahre entfernt von anderen Offerten. Der X-Flyer wird mit 250- und 350-Watt-Mittelmotor von Panasonic vollgefedert für rund 5000 Euro auf 29-Zoll-Laufräder gestellt und ist dann eins der umstrittenen Mountainbikes mit Motorhilfe. Für nicht wenige Bergradler gehört so etwas verboten, downhill soll nur flitzen dürfen, wer es aus eigener Kraft hinauf schafft. Das ist ein wunderbares Thema für lange Diskussionen. Die aber werden nicht verhindern, dass diese von verschiedenen Mountainbike-Herstellern gezeigten Pedelecs für den Geländeeinsatz ihren Markt finden werden.
Aus seinem X-Flyer macht Biketec für einen Einstandspreis von rund 4000 Euro auch ein sehr schönes Trekkingbike, das flott und beispielhaft fahrstabil mit dem kräftigeren Motor, Straßenverkehrs-Ausstattung und Versicherungskennzeichen richtig Laune macht. Das lässt sich genauso vom 45 km/h schnellen Homage des Darmstädter Herstellers Riese und Müller sagen. Der steht für Vollfederung, und das über Jahre hinweg erworbene Knowhow auf diesem Gebiet kommt nun vor allem den schnelleren Versionen der Hybrid-Modelle zugute. Die brauchen ein gutes Fahrwerk: Reisegeschwindigkeiten zwischen 35 und 45 km/h machen ungefedert einfach keinen rechten Spaß, ganz abgesehen davon, dass sie ohne ein vernünftiges Fahrwerk zum Sicherheitsrisiko werden. Riese und Müller verbaut in seinen neuen Hybrid-Modellen den vor einem Jahr in Friedrichshafen präsentierten Bosch-Antrieb, der dieses Jahr in der bis 45 km/h unterstützenden Version gezeigt wurde und ausprobiert werden konnte. Auch - man darf ruhig zugeben: und gerade - in der schnelleren Version macht er eine überzeugende Figur.
Das Smartphone als Cockpit auf dem Lenker
Das höhere erreichbare Tempo und der mehr Gewicht bringende Aufwand, den verantwortungsvolle Hersteller treiben, lässt nicht nur die äußeren Linien unterschiedlicher Elektroräder auseinander driften. Die einen wollen Fahrrad bleiben oder motorisieren tatsächlich vorhandene Fahrräder, die anderen werden äußerlich und technisch mehr und mehr zu Mofas - eine typische Erscheinung dafür ist etwa das E-Bike von Smart, das auf der Eurobike sein öffentliches Debüt hatte. Ob es das Rennrad mit E-Motor geben muss, wie es Haibike mit dem eQ Race - vorerst nur als eine Studie, die allerdings zielsicher Begehrlichkeiten zu wecken verstand - präsentierte, bleibe mal dahingestellt. Es ist aber schon ein Erlebnis, über die Allgäuer Hügel einem Peloton von Rennradlern davonzufahren mit der Kraft, die aus dem Akku kommt. Und diese Möglichkeit, Anschluss zu behalten, wird über den Elektromotor in sportlichen Rädern entscheiden - ganz egal, wie Sportverbände über die Räder entscheiden.
Bei so vielen parallelen Entwicklungen auf begrenztem Feld lässt sich nicht allem und jedem ein so großes Zukunftspotential wie der Automatik-Schaltung am E-Bike attestieren. Der im Rahmenrohr gut versteckte Antrieb von Gruber zum Beispiel wirkt auf dem Papier ausgesprochen pfiffig. Schon eine vergleichsweise kurze Probefahrt in Ratzenried enttäuschte maßlos: Eine Geräuschentwicklung wie eine Küchenmaschine beim Kneten von schwerem Hefeteig und ein Pedalgefühl wie auf einem wild gewordenen Fixie - ja nicht versuchen, die Pedale rückwärts zu bewegen! Und selbst wenn die Schwäbische Zeitung in ihrem Wirtschaftsteil wähnte, es sei eine besonders ökonomische Art zu einem innovativen E-Bike zu kommen: So einfach wie Butch Gaudy von MTB Cycletech es hinstellte ist es natürlich nicht - Hinterrad aus dem vorhandenen Fahrrad raus, das Greenwheel hinein und gut. Die unförmige und schwere Hinterradnabe mag ja tatsächlich Motor, Akku und Steuerung beherbergen, und es soll das Greenwheel auch mittels Smartphone mit dem Benutzer des e-Jalopy kommunizieren können - den dicken Motor stellen wir uns lieber nicht in Tante Hertas altem Fahrrad vor. Die Kommunikation, mehr noch die Steuerung des Motors mittels Smartphone ist allerdings der Punkt, in dem Butch Gaudy schon richtigliegt: Das wird kommen, und es läuft bereits bei Trelock. Die Münsteraner, die E-Bike-Cockpits für OEM-Kunden bauen, zeigten eine App, die ein Smartphone nicht nur zum Fahrradcomputer mit GPS mutieren ließ, sondern auf dem Bildschirm auch eine Taste zum Lichteinschalten anbot. Das Handy mit Freisprechanlage auf dem Lenker, das Zündschlüssel, Diebstahlssicherung, Navi, Akkuüberwachung und Motorsteurung in einem ist - das ist die Zukunft, die sich auf der am Samstag mit dem Publikumstag zu Ende gegangenen zwanzigsten Eurobike (in 21 Jahren) deutlich erkennen ließ.
Achtung, ich bremse!
Leistungsfähige Nabendynamos haben die Fahrradelektrik verändert: LED-Scheinwerfer, Tagfahrlicht, Akku-Zwischenspeicher für Smartphone und Navi. Nun bringt Busch und Müller - bereits zum zweiten Mal - eine Bremsleuchte im Rücklicht des Fahrrads. Wie bei dem „Distanz-Warnsystem“ Diwa werden elektronisch die bei einem langsamer werdenden Fahrrad vom Dynamo verzögert eintreffenden Impulse ausgewertet. Bei Überschreiten eines - offenbar nicht ganz trivial - zu bestimmenden Grenzwerts liefert ein Kondensator Energie für ein deutlich helleres Aufleuchten des „BrakeTec“. Die Elektronik sitzt nun im Rücklicht, nicht im Scheinwerfer.
@ Herrn Gömöry
Ralf Finger (R.Finger)
- 06.09.2011, 15:13 Uhr
Herr Braun, Herr Braun, über Ihren Beitrag...
Ralf Finger (R.Finger)
- 06.09.2011, 14:50 Uhr
20 Jahre Garantie auf den Rahmen
Ivo Gömöry (heymanheyman)
- 06.09.2011, 11:44 Uhr
Also ihr guten Deutschen man kann es auch anders machen ...
Harald HEINZ (willer3)
- 05.09.2011, 23:16 Uhr
Herr Braun ich muss Herr Delmen recht geben
Occam Razor (Occams_Razor)
- 05.09.2011, 17:44 Uhr
