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Fahrradkleidung Unter einem Radponcho im Regen

13.11.2009 ·  Auch für Radfahrer gibt es kein schlechtes Wetter - bloß falsche Kleidung. Die Frage „Was ziehe ich an?“ vor einer Regenfahrt ist schon eine Überlegung wert. Angesichts des breiten Angebots muss einem um den Radler im Herbst und Winter nicht bange sein.

Von Hans-Heinrich Pardey
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Auf eine Frage wie „Warum benutzen Sie Ihr Rad nicht für die Fahrt zur Arbeitsstätte?“ wurde in einer Repräsentativ- befragung für den „ADFC-Monitor“, einen Bericht zur Lage des Radfahrens in Deutschland, geantwortet: Der Weg ist zu weit, es dauert zu lange, das Auto ist beruflich nötig. Regen, Kälte, Wind, alles, womit das Wetter Radfahren zu einer Mobilitätsform mit deutlich jahreszeitenabhängiger Saison macht, kam in den Antworten gar nicht vor.

Prinzipiell geht natürlich nichts über den Wetterschutz durch eine Karosserie. Dass sie ihre stärkste Verbreitung in der Liegeradszene und da wiederum bei den Dreirädern - die dann Velomobil heißen - gefunden hat, kommt nicht von ungefähr: Erstens ist man halb sitzend, halb liegend den Unbilden des Wetters besonders stark ausgesetzt, zweitens bietet ein vollverkleidetes „Normalrad“ dem Seitenwind enorme Angriffsflächen, und drittens lässt sich eine geschlossen-starre Hülle über einem Mehrspurfahrzeug konstruktiv überzeugender lösen. Also beschränkt man sich darauf, das Fahrrad nass werden zu lassen, aber das Gepäck und den Radler selbst wetterfest zu machen.

„Was ziehe ich an?“

Im Gegensatz zum Motorradfahrer, der auf Schlechtwetterfahrt nur darauf achten muss, dass seine Regenkombi rundherum schön dicht schließt, ist der Radfahrer beim Fahren in - manchmal sogar anstrengender - körperlicher Bewegung. Es ist keine Schwierigkeit, ihn mit leichten Kunststoffmaterialien gegen Wasser von außen abzudichten. Je besser das gelingt, desto ärger schwitzt der Arme aber unter seiner Kunststoffpelle. Alle Regenbekleidung für Radfahrer muss deshalb Dichtigkeit gegen das Wasser vom Himmel mit möglichst guter Belüftung und Feuchtigkeitstransport von der Haut nach außen kombinieren. Da dies nicht nur abhängig von Material und Schnitt der Kleidung, sondern auch bei hohen und niedrigen Temperaturen sowie je nach körperlicher Leistung unterschiedlich gut funktioniert, ist die Frage „Was ziehe ich an?“ vor einer Regenfahrt schon eine Überlegung wert.

Der einfachste Fall zuerst: ein Gewitterregen im Sommer. Man radelt in leichter Sportbekleidung (Trikot, Radhose) aus Kunstfaser, die einen, nass geworden, nicht frieren lässt und am Körper schnell wieder trocknet. Für den Fall, dass man sich in diesem Aufzug am Ziel nicht blicken lassen kann, ist trockene Wechselkleidung im wasserdichten Gepäck. Falls es nicht warm genug ist, wird man vor allem am wenig bewegten Oberkörper frösteln. Dagegen hilft eine ganz dünne Membranjacke, zum Beispiel aus Goretex Pacshell. Ihre Hauptfunktion ist nicht, das darunterliegende Trikot trocken zu halten, sondern den kalten Luftzug zu stoppen.

Naturfaser muss nicht unbedingt mit Naturfaser kombiniert werden

Einfach eine solche windstoppende Regenjacke - oder noch schlimmer: billig beim Lebensmitteldiscounter angebotene Kunststoffanzüge mit Klettleisten und Gummibündchen an Handgelenken und Knöcheln - über Jeans und Sweatshirt aus Baumwolle anzuziehen verkennt das Zwiebelschalen-Prinzip von sogenannter Funktionswäsche völlig. Die mehrschichtige Bekleidung kann nur funktionieren, wenn jede Schicht das tut, was sie soll. Das heißt bei der innersten Textillage: Feuchtigkeitstransport von der Haut nach außen. Das können nicht nur Synthetikfaser-Schlingen, sondern auch die besonders feinen Fasern von Merinowolle. Der kanadische Sportbekleidungshersteller Sugoi hat etwa mit dem Wallaroo 170 Jersey ein (durch die Gewichtsangabe 170 angezeigt) warmes Naturfaser-Shirt aus hundert Prozent Merino im Programm, das schnell trocknet, natürlich antibakteriell schlechtem Riechen vorbeugt und sich schmuseweich trägt. Merino hat nur einen Nachteil: Es ist nicht billig.

Naturfaser muss nicht unbedingt mit Naturfaser kombiniert werden: Bleibt man der Marke treu, findet man bei Sugoi mit dem H.O.V. Jacket (wie Human Operated Vehicle) Oberbekleidung in bürotauglichem Schwarz. Jacke wie Hose in einem jeansähnlichen Stil (fürs Rad kombinierbar mit einer gepolsterten Innenhose) sind aus dehnfähigem Kunstfasergewebe, das schnell trocknet und sich angenehm anfühlt. Die Taschen sind reißverschluss-gesichert. Apropos: Die sich immer wieder festfahrenden Zipper sind es, wodurch sich Billigware nachhaltig unbeliebt machen kann.

Zum Schluss soll eine traditionelle Lösung nicht unerwähnt bleiben

Das Schwarz der H.O.V.-Linie von Sugoi hat fraglos Schick, in die dunkle Jahreszeit passt aber doch besser Grellfarbiges mit Reflektorelementen vorn und hinten wie die Radjacke Escape von Vaude in Rot: Sie ist doppellagig mit Netzfutter vollständig aus Kunstfaser, rund 600 Gramm leicht, einerseits atmungsaktiv, andererseits wind- und wasserdicht und steckt voller durchdachter Einzellösungen: Die Kapuze ist größenverstellbar und verschwindet im Kragen, der mit Fleece gefüttert ist. Der Zweiwege-Reißverschluss ist unterlegt und abgedeckt wie die Zipper der Taschen und der Belüftungsschlitze unter den Achseln. Um die Hüften kann man sich die Jacke, die nicht nur bei Regen taugt, eng ziehen. Aber ach, sie bleibt eben nur eine Jacke - untenherum also eine Überhose anziehen? Oder sich mit dem - nur kurzfristig tauglichen - Oberschenkelschutz „Rainlegs“ behelfen?

Ganz im Gegensatz zu den Füßen, wo Kunststoffgaloschen sogar bei Temperaturen angezeigt sein können, bei denen die lange Hose im Schrank bleibt, hält die Bewegung Radlerbeine auch bei Kühle warm. Das bringt den guten alten Fahrradponcho ins Spiel - aber die sehr praktische Kombination aus Jacke und Poncho namens Jancho ist kaum mehr aufzutreiben. Der übliche Fahrradumhang ist vorn weiter als hinten, reicht also über den Lenker und hält damit auch die Oberschenkel trocken. Wer groß ist und stets mit Rucksack radelt, mag mit einem - eigentlich fürs Wandern gedachten - Poncho wie dem vielfach verstellbaren Gotthard von Jeantex liebäugeln. Unser Favorit ist allerdings der grellfarbig reflektierende „SuperPraktiko“ von Poncho-Spezialist Hock. Nicht ganz billig, aber aus reißfestem Material (5000 Millimeter Wassersäule), mit doppelt genähten und verklebten Nähten, Rückenbelüftung Handhalteschlaufen, die auch über breite Lenker passen, Hüftband gegen Flattern, Brusttasche und Durchgriffen; und die verstellbare, seitlich durchsichtige Kapuze passt sogar über den voluminösen Helm.

Zum Schluss soll eine traditionelle Lösung nicht unerwähnt bleiben: Für manchen Geschmack passt nur gewachste Baumwolle zu einem Ledersattel. Das trifft zu, wenn man von einem Pferd getragen durch den Regen reitet. Auf dem Fahrrad sind Wachsjacken oder -mäntel nicht wirklich konkurrenzfähig.

Wenn Ortlieb auf der Tasche steht...

Es gibt viel Schlimmeres, als auf einer Radtour selbst von Kopf bis Fuß nass zu werden. Wenn das vermeintlich geschützte Gepäck leise und unbemerkt vollläuft, wenn das Regenwasser die Wechselwäsche zusammen mit dem Frühstücksmüsli einweicht und elektronische Ausrüstung kurzschließt, steht die ganze Reise auf der Kippe. Ein solches Erlebnis hatte in Schottland ein deutscher Radreisender, dessen Name 25 Jahre später das Synonym für trockenes Gepäck (nicht nur auf dem Fahrrad) ist: Hartmut Ortlieb. Gepäcktaschen fürs Fahrrad gibt es in unterschiedlichster Ausführung, auch solche mit - irgendwann dann doch versagenden - Überzügen. Aber kein anderer Anbieter steht so konsequent mit einem weitgefächerten Sortiment von Taschen, Beuteln und Koffern für eine einzige Eigenschaft: wasserfeste Robustheit. Ortlieb bietet von der Hülle für eine Klopapier-Rolle - über den Nutzen des T-Pack (rund 24 Euro) diskutiert man nach einer Kanu-Kenterung nicht mehr - über den dichten Aktenkoffer am Cityrad so ziemlich alles bis hin zum flexiblen Wasserbeutel, der mit einem Vorsatz zur Outdoor-Dusche wird: Was nach außen dicht gegen Wasser ist - das Material von Ortliebs ersten Taschen war Lkw-Plane -, ist es eben auch umgekehrt als Behältnis. Während Ortliebs Klassiker mit einem Rollverschluss fallweise auch schwimmfähig gemacht werden können, dichten den an den Radgepäckträger und über die Schulter zu hängenden Bike Shopper (Bild, rund 70 Euro, Volumen 20 Liter, Gewicht knapp 1000 Gramm) kräftige Lippen mit einem Schieber wie einen Frischhaltebeutel ab. Mit einem herausnehmbaren Wertsachenfach für Portemonnaie und Handy ist die Fahrradtasche an einem Regentag auch für den fußläufigen Einkauf ideal, weil wasserfest. - Wasserdurchlässig ist nur ein Produkt im Ortlieb-Programm: ein faltbarer Kaffeefiltertütenhalter für die Outdoorküche.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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