30.04.2010 · Seit rund 35 Jahren gibt es ihn - den Fahrradhelm im Alltag. Der lederne Sturzring der Radsportler ist freilich älter. Aber immer noch nicht ist der Kopfschutz zur Selbstverständlichkeit für Radfahrer geworden. Ein Überblick.
Von Hans-Heinrich PardeyNichts lesen deutsche Sparbrötchen lieber als die Versicherung der Stiftung Warentest, dass die Würstchen des Discounters aus der gleichen Maschine wie die eines teureren Markenartiklers kommen. Im Fall von Fahrradhelmen haben die Tester schon vor fünf Jahren verkündet: „Mit einem billigen Fahrradhelm riskiert man keineswegs Kopf und Kragen. Radler können so eine ganze Stange Geld sparen.“
Ganz genau so sieht es aus: Für einen Kinderhelm kann man im Falle des „Mini Pro“ von Casco (“Helme in Premium-Qualität“) beispielsweise rund 49,95 Euro anlegen oder aber im Discount-Baumarkt den eher noch bunteren Kinder-Fahrradhelm von Filmer für 4,99 Euro mitnehmen. Ähnlich enorm sind die Preisunterschiede bei Fahrradhelmen für Erwachsene. Um abermals zu einem Monocoque-Helm von Casco zu greifen: Rund 130 Euro kostet der „E.Motion“, ein Helm, der speziell für die Fahrer von Elektro-Hybridrädern entworfen wurde: Anders als ein Sporthelm sorgt er nicht mit starkem Durchzug vor allem für Kühlung, sondern wegen „Passivklimatisierung“ wird es unter ihm im Sommer nicht arg heiß und im Winter nicht lausig kalt. Außerdem gibt es für den Ganzjahresbetrieb Ohrpolster zum Anklipsen als Zubehör. Der Helm mit hochwertiger Innenpolsterung lässt sich mit seinen Ringen gegen Diebstahl sichern und ist in zwei Größen für Kopfumfänge von 52 bis 57 und 58 bis 62 Zentimeter zu haben.
Den Fahrradhelm „Sportivo Pro“, baugleich mit dem Cratoni „Heli“ und geschmückt mit einem „Gut“ (2,2) der Stiftung Warentest aus dem Test 2005, hat Aldi Süd unter der Marke Bikemate im April 2008 als „sportlich-leichten Helm mit Größenschnellanpassung, Sicherheit durch Safety-Reflektoren, robuste Helmschale durch Inmold-Verbundbauweise, Insektenschutz, besonders leicht, Einheitsgröße: 53-59 cm“ unters Volk gebracht - für 9,99 Euro.
Prüfung nach der Europäischen Norm EN 1078
Wer nun glaubt, die Entscheidung, mehr Geld für das gute Gefühl von mehr Sicherheit auszugeben, werde ihm von Normen und Prüfsiegeln (einschließlich des sogar beim Weiterverkauf gebrauchter Helme in Ebay stets hervorgehobenen, jedoch reichlich vergebenen „Gut“ der Test-Stiftung) erleichtert, sieht sich getäuscht. Es gibt von CE und Snell B95 über EN 1078, CPSC 16 CFR Part 1203, ASTM F1447 oder Ansi Z 90.4 alles mögliche Zertifizierende in Helmen und auf ihren Verpackungen zu lesen. Aber alles, was als Fahrradhelm bei uns verkauft werden soll, muss eine Prüfung nach der Europäischen Norm EN 1078 bestanden haben. Dabei werden Prüfköpfe mit einer Masse zwischen 3,1 und 6,1 Kilogramm und einem Umfang von 50 bis 62 Zentimeter mit aufgesetztem Helm (Spoiler entfernt) aus einer Höhe von rund 1,5 Meter auf einen flachen Amboss und aus einer Höhe von grob 1,1 Meter auf ein stählernes Dachkantprofil fallen gelassen. Im ersten Fall beträgt die Aufschlaggeschwindigkeit dabei 19,5 km/h, im zweiten 16,5 km/h. Ein im Prüfkopf eingebauter Sensor misst die beim Stoß des Aufschlags auftretende Beschleunigung; sie darf nicht mehr als 250g betragen. Zum Vergleich: In einer Waschmaschine wirken beim hochtourigen Schleudern mehr als 300g auf den Trommelinhalt.
Ein Fahrradhelm, der diesen Anforderungen genügt, ist nach dem Stand der Prüftechnik ein ausreichend sicherer Kopfschutz. Man kann, wie es die Stiftung Warentest schon vor fünf Jahren getan hat, testen, wie hitzebeständig der Helm ist und ob er - fraglos wichtiger - obwohl korrekt aufgesetzt, beim Aufprall vom Kopf geschoben werden kann, die Reißfestigkeit des Kinnriemens lässt sich messen, und man kann bemängeln, wenn die Luftschlitze kein Fliegengitter haben. Aber so richtig kann all das nicht erklären, warum ein Helm zehn- oder fünfzehnmal so viel wie ein anderer kostet und ein guter Markenhelm immer noch sechsmal so viel wie einer vom Discounter.
„Little Nutty-Hula Lounge“ ist ein echter Hingucker
Dass ein Aero-Helm wie der Giro „Advantage“, der eher ein Ohren und Hals verkleidendes Karosserieteil für Triathleten ist, knapp 200 Euro kostet, nimmt man hin. Und glaubt vielleicht noch, dass schickes Design teuer sein dürfe. Aber nicht einmal das trifft immer zu: Ein echter Hingucker wie der „Little Nutty-Hula Lounge“ von Nutcase ist für rund 60 Euro zu haben, genauso wie ein Abus „Urban“ in schlichtem Anthrazit, den Hochwürden sehr gut zum Radausflug der Kolpingfamilie tragen kann. Aber je mehr man sich umsieht, um beispielsweise zu erkennen, dass ein Fahrradhelm keineswegs wie ein Fahrradhelm aussehen muss, sondern auch dem Erscheinungsbild nach wie ein Hut, eine Pelzmütze oder eine Reiterkappe wirken kann -, solche innerlich steife Camouflage bietet etwa die dänische Marke Yakkay - desto weniger überzeugt die Schlussfolgerung der Stiftung Warentest, es rücke bei messtechnisch ähnlicher Güte der verschiedenen Produkte vor allem der Preis ins Blickfeld.
Tatsächlich wünscht man sich angesichts vieler kleiner Unterschiede zwischen den Helmen mehr praktische Erfahrung. Die lässt sich natürlich nicht so objektivieren wie der Aufschlag im Prüfstand. Ob der Kinnriemen-Verschluss blind bedienbar ist oder auch nach vier Wochen immer noch zu einer Fummelei wird, wie sich die Weitenverstellung bei Wärme lockern lässt, ob sich nach ein paar Wochen die „Pads“ der Innenpolsterung aufgerieben haben, ob sie austauschbar und nachzukaufen sind, wie sie sich reinigen lassen (oder eben nicht), wie der Helm bei Gegenwind reagiert - mancher wird dem Träger, vom Frontspoiler plötzlich angehoben, brutal ins Genick gehauen -, all das sind von Person zu Person unterschiedlich erlebte Kleinigkeiten, deren Summe darüber entscheidet, ob ein Helm gern getragen wird. Und nur ein Helm, der gern getragen wird, wird regelmäßig als selbstverständlich aufgesetzt.
Stolz mit Helm und reflektierenden Aufklebern
Am besten funktioniert das bei Sportlern und bei den Jüngsten. Bei den einen gehört der Helm zum Outfit, das sie von gewöhnlichen Feierabendradlern unterscheidet. Da geht es nicht nur um Sicherheit, sondern auch um Psychologie und damit erst recht wiederum um Sicherheit: Wer erlebt hat, wie anders, nämlich deutlich respektvoller, das Verhalten von Autofahrern gegenüber Radfahrern ist, die sie als Sportler im Straßenraum einordnen, der überlegt sich, was er anzieht und auf den Kopf setzt.
Für die jüngeren Kinder ist der Helm fast ein Statussymbol. Wer gerade seinen Fahrradführerschein gemacht hat, fährt stolz mit Helm und reflektierenden Aufklebern, als könne es gar nichts anderes geben. Das ändert sich dann erkennbar mit Einsetzen der Pubertät, die offenbar mit einer weitverbreiteten Überempfindlichkeit gegen den Fahrradhelm einhergeht. Und im Erwachsenenalter radeln der Rundumversicherte mit Helm auf dem Kopf und die Bankerin mit lockiger „Die Frisur sitzt“-Mähne und Helm am Lenker hintereinander durch den Berufsverkehr zur Arbeitsstätte: Sie setzt ihren steifen Hut erst nachmittags während der Heimfahrt auf.
Sorge um den Sitz ihrer Frisur
Alle politischen und lobbyistischen Kräfte empfehlen den Fahrradhelm dringend, raten aber mit Engelszungen davon ab, seine Benutzung vorzuschreiben. Dass er unter bestimmten, bei Unfällen nicht immer eintretenden Bedingungen ein Schädeltrauma zu vermeiden hilft, steht außer Frage. Dass er das Unfallrisiko des Radlers generell senke, wird von manchen Verkehrsstatistikern bezweifelt. Vor allem aber befürchten die an einer Steigerung des Radverkehrsanteils interessierten Verbände, dass die Helmpflicht Radfahrer in größerer Zahl ganz auf das Fahrrad werde verzichten lassen. Das mag stimmen - und nicht nur bei Frauen, die sich auch von besonders modischen Helmen nicht ihre Sorge um den Sitz ihrer Frisur nehmen lassen. Aber es stimmt schon etwas nachdenklich, wenn man auf einem 25 km/h erreichenden Mofa mit Verbrennungsmotor einen Helm tragen muss, auf einem Elektro-Hybridrad mit 300-Watt-Motor und Versicherungskennzeichen, das die Tretkraft des Fahrers bis 45 km/h unterstützt, aber nicht.
Auch technisch bleibt etliches zu wünschen: Zum Beispiel könnten Helme doch eine vernünftige LED-Leuchte fest eingebaut haben, die dahin Licht wirft, wohin der Benutzer blickt. Wenig hört man darüber, welche Auswirkungen selbst an den Helm montierte Leuchten haben. Warum werden nicht haltbarere Materialien für die Innengestaltung des Helms verwendet? Wie steht es mit der Erkennbarkeit einer Überalterung des Helmmaterials oder einem deutlichen Indikator dafür, dass der Helm auszutauschen ist, obwohl sich kein echter Unfall ereignet hat? Es müssen für die kommende Saison nicht bloß anders geformte Luftschlitze sein.
Kleine Anmerkung über das Alter(n)
Peter Kronenberger (Peter-Kronenberger)
- 01.05.2010, 15:46 Uhr
Ich weiß nicht...
Hans-Dietmar Venema (ochsenfrosch)
- 01.05.2010, 22:41 Uhr
Ich weiß nicht...
Hans-Dietmar Venema (ochsenfrosch)
- 01.05.2010, 22:41 Uhr
Mal keine Bilder von Melonen, dafuer Waschmaschinenphysik
Vitus Tange (tvitus)
- 01.05.2010, 22:46 Uhr
Ein Minenfeld
Marvin Parsons (mapar)
- 02.05.2010, 00:43 Uhr