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Fahrtbericht Porsche 911 Cabrio Puristische Gedanken für offene Genießer

Das neue Porsche 911 Cabrio ist ein Sportwagen, der mit mehr Komfort als nötig überrascht. Seinem Antriebskonzept wurden alle Tücken ausgetrieben.

© Hersteller Vergrößern Der neue Porsche Carrera

Die neue Form des Porsche Carrera stärkt den alten Charakter. Sie führt zurück zu den Wurzeln, und die sind wunderbare Knollen der Verjüngung. Das gilt besonders für die offene Version, deren Dach noch weniger als früher ein Provisorium ist. Es ist keineswegs zufällig nicht aus Stahl, sondern aus stoffmützenähnlichem Material, es trägt den Gedanken vom puristischen Sportwagen für Genießer mit unerhörter Konsequenz in die Zukunft. Wie beim Coupé gibt es auch für das Cabrio zwei Motorversionen, diesmal haben wir es moderater genossen, die "schwächere" Ausführung erschien von ausreichender Potenz. Zumal das Haupthaar nicht mehr ganz so fest wurzelt.

Rund sind jetzt wieder die Scheinwerfer, der Buckel hinter dem Verdeckkasten wirkt nicht unförmig oder aufgesetzt. Die Gestaltung des Interieurs ist von schlüssiger Konsequenz. Leder soll es schon sein, die Verarbeitung stimmt. Jeder Stich der Naht an den Stoßkanten der Schalttafelverkleidung sitzt, etwas bedrängt wirkt der Farbbildschirm des Porsche Communication Management (PCM), das grundsätzlich ein CD-Audio-System umfaßt und auf Wunsch mit den Modulen für Telefon oder Navigation erweitert werden kann. Das Handschuhfach ist abschließbar und mit dem Bordbuch bereits gut gefüllt, in den Türen bieten abgedeckte Fächer weiteren Stauraum.

Wenig Platz unter der Haube

Der Porsche ist einfach zu bedienen, man soll forsch fahren und nicht fahrig forschen. Schalter und Hebel finden sich in direkter Nähe des feinen, lederbezogenen Volants. In der Mittelkonsole, hinter dem Schalthebel, gibt es eine Ablage, alles, was dann noch keinen Platz gefunden hat, muß im Fond auf den beiden Notsitzen transportiert werden. Dort gilt es auf Reisen auch Taschen und Koffer zu verstauen, denn der Gepäckraum unter der vorderen Haube kann mit 137 Liter Volumen seinem Namen keine Ehre machen.

Porsche911-cabrio-seite-BfB-1 © Hersteller Vergrößern Mehr Comfort als benötigt

Für sportliche Fahrer und Beifahrer

Der Einstieg in die edle Welt des Sportwagens erfordert nicht nur den entsprechenden finanziellen Rückhalt. Auch körperliche Fitness ist gefragt. Schmal ist der Spalt zwischen Lenkrad und Sitz, durch den die Beine in den Fußraum zur Pedalerie balanciert werden müssen. Das Volant ist vertikal und axial einzustellen, kann aber nicht besonders weit nach oben gerückt werden, um den Einstieg zu erleichtern. Hierfür ist eher die Memory-Funktion der elektrischen Sitzanlage hilfreich (1473 Euro), sie fährt das belederte Gestühl beim Entriegeln des Wagens mit der Fernbedienung in die gespeicherte Position. Die weiten Verstellwege ermöglichen nahezu jeder Fahrerstatur eine treffliche Sitzposition, dann liegen die Rundinstrumente - Drehzahlmesser mit digitaler Geschwindigkeitsanzeige in der Mitte, daneben der analoge Tacho und die Anzeigen für Spritvorrat, Motortemperatur und Öldruck - mit ihrem ruhigen Design klar im Blickfeld. Das Zündschloß findet man links neben dem Lenkrad, mit kurzer Verzögerung nach dem Drehen des Schlüssels erwacht der Sechszylinder-Boxermotor zum Leben.

Offen in 15 Sekunden

Er schlürft im Leerlauf wie ein Weinliebhaber, atmet kräftig und deshalb deutlich hörbar, klingt äußerst kraftvoll dabei. Leicht und genau läßt sich der kurze Schalthebel in die Position rücken, mit der Lust des Fahrers treiben Kupplung und Gaspedal ihr Spiel, der Elfer rollt an. Das Verdeck haben wir zuvor geöffnet. In rund 15 Sekunden hat es die Mechanik im Kasten vor dem Motorraum abgelegt und mit dem stabilen Mittelteil gedeckelt. Der massive Haken, der es zuvor an der oberen Querstrebe der Scheibenrahmen freigegeben hat, vermittelt alle Solidität der Welt, kein Fahrtwind hoher Geschwindigkeiten sollten ihn beeindrucken können. Wer will, kann diesen Vorgang mit der Fernbedienung oder während der Fahrt bis Tempo 50 km/h erledigen, was bei plötzlich einsetzendem Regen eine versöhnliche Option ist. Wenn die 42 Kilogramm wiegende Dachkonstruktion den Blick in den Himmel öffnet und der Boxer-Klang ungefiltert ins Ohr dringt, wird das Porsche Cabriolet zum Opium des Sportfahrers. Der Motor wirft die rund 1500 Kilogramm des Wagens nach vorn auf die Landstraße, bei fast 70 km/h zupfen wir am Schalthebel, nach 5,2 Sekunden zeigt der Tacho 100 km/h, der Drehzahlmesser 6000 Umdrehungen in der Minute und der Boxer sich von seiner wilden Seite. Das Klangbild kündet von der Freude an der Drehzahl, erst bei 7300/min wird der Begrenzer aktiv, wir schalten lieber etwas früher, Geräusch- und Leistungsentwicklung werden nicht beeinträchtigt. Beim Gaswegnehmen röchelt das Triebwerk - fast wie der Vinophile nach zu ausgiebiger Probe. Dem Fahrer stellen sich die Härchen auf dem Unterarm auf. 12,2 Liter Super Plus waren für 100 Kilometer im Durchschnitt nötig, das Tankvolumen von 64 Liter reicht nicht weit.

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