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Veröffentlicht: 01.06.2017, 16:29 Uhr

Fahrbericht Yamaha SCR 950 Nach der zweiten Füllung sieht man klarer

Welches Schweinderl hätten’s denn gerne? Die Yamaha SCR 950 führt uns in die alte Zeit. Das Ding ist uns richtig ans Herz gewachsen.

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© Hersteller Die Yamaha SCR 950, eine verwegene Straßenkötermischung, ist in jedem Fall retro.

„Was bin ich?“ hieß eine beliebte Fernsehsendung in einer Zeit, mit der das Design dieses Motorrads spielt. Im heiteren Beruferaten machte der Kandidat eine „typische Handbewegung“, woraufhin das Rateteam um den Oberstaatsanwalt Hans Sachs („Gehe ich recht in der Annahme, daß . . .“) herauszufinden versuchte, welchen Broterwerb der Kandidat ausübte. Meistens tat sich das Rateteam schwer, und bei jeder falschen Vermutung ließ Quizmaster Robert Lembke („Welches Schweinderl hätten’s denn gerne?“) ein Fünf-Mark-Stück ins Sparschwein des Kandidaten plumpsen. Der hatte sich die Farbe seines Schweins vorher aussuchen dürfen.

Walter Wille Folgen:

Abgesehen davon, dass das Daß damals noch mit Eszett geschrieben wurde und man mit ein paar Fünf-Mark-Stücken Leute an den Fernseher locken konnte, war auch die Welt des Motorrads eine ganz andere als heute, vergleichsweise arm an Pferdestärken und sehr analog. Die rund ein halbes Jahrhundert zurückliegende Epoche der Scrambler und Café Racer ist gerade wieder schwer in Mode. Retro erobert Marktanteile, auch die Yamaha SCR 950 widmet sich diesem Thema, wobei sich allerdings die Frage stellt: Was genau ist sie? Eine Tankfüllung lang haben wir uns schwergetan mit Antworten und hörten im Geiste die Fünf-Mark-Stücke ins Schwein plumpsen. Nach der zweiten Füllung sahen wir allmählich klarer.

46745710 Echte Drecksarbeit hingegen ist wohl nicht die Spezialität der SCR – wegen der kurzen Federwege etwa © Hersteller Bilderstrecke 

Manches deutet auf einen Scrambler der späten Sechziger hin, etwa das SCR im Modellnamen ohne ambler. Den Stil früher Geländemaschinen, Vorläufer unserer Enduros, treffen der breite Lenker mit Querstrebe, der schwarzlackierte Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen, seitliche Startnummerntafeln ohne Nummern, die Speichenräder (vorn 19, hinten 17 Zoll). Schmale Bridgestone-Reifen mit Blockprofil jaulen das melancholische Lied von den groben Stollen. Faltenbälge schmücken die Telegabel. Ein erhabenes Fahrgefühl ergibt sich auf dem hohen, straffen, flach und schmal geschnittenen Sitz, der auf Kosten des Langstreckenkomforts viel Bewegungsfreiheit und im Zusammenspiel mit dem Breitlenker leichte Manövrierbarkeit und souveränen Überblick gewährt.

Andererseits handelt es sich bei der SCR 950 nicht um einen drahtigen Kraxler, sondern um einen Brocken von 252 Kilo, eine große, vom Cruiser XV 950 abstammende Maschine mit blubberndem V2. Um den Bauch herum wirkt sie wie ein Motorrad in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft. Gegen kleine Eskapaden auf Feldwegen und im leichten Gelände spricht nichts. Echte Drecksarbeit hingegen ist wohl nicht die Spezialität der SCR – wegen der kurzen Federwege etwa (vorn 135, hinten 110 Millimeter) und weil man den Zahnriemenantrieb von Klumpen und Steinchen verschonen möchte. Zudem finden beim Fahren im Stehen ungewohnterweise die Beine keinen Kontakt zum hübsch klassischen 13,2-Liter-Tank. Beim Fahren im Sitzen stößt das rechte Knie ans weit abstehende Luftfiltergehäuse. Dem linken Bein kommt der hintere Zylinder nahe, den ein dünner Metallbügel abschirmt.

Der Fahrer sucht dann immer nach einem sechsten Gang

Der V-Motor ist ein luftgekühlter Recke, der in Drehzahltiefen und in der Mitte Muskeln spielen lässt, ein angenehmer Typ, der mit bis zu 80 Newtonmeter (schon bei 3000/min) schiebt und maximal 52 PS und knapp 170 km/h aus sich herauskitzeln lässt. Moderates Hochdrehen fällt dem 942-Kubik-Zweizylinder nicht zur Last; wird es ihm zu viel, lässt er das durch zunehmende Vibrationen wissen. Der Fahrer sucht dann immer nach einem sechsten Gang, findet aber im Fünfgang-Getriebe keinen. Über Drehzahlen an sich kann nur spekuliert werden, denn das Cockpit – ein runder digitaler Topf von ergreifender Sparsamkeit – zeigt sie nicht an. Wie so vieles nicht.

Es gibt hübsche Details an Bord dieser Yamaha (Tank, Metall-Schutzbleche, Räder, originelle Lampen) und weniger schöne. Zu Letzteren zählen das Kabelgewurschtel an Lenker und Rücklicht, die billig wirkenden, nicht einstellbaren Handhebel, das Ofenrohr. Klassisch, aber unpraktisch ist die Trennung von Zünd- und Lenkschloss. Stumpf und für die Fahrzeugmasse zu schlapp agiert die Vorderbremse; mit den vereinten Kräften von Vorder- und Hinterradbremse lassen sich brauchbare Verzögerungsleistungen erzielen. Rabiates Anbremsen der Kurven gewöhnt man sich trotzdem rasch ab, geht zu einem runden Fahrstil über, der sich allein deshalb anbietet, weil die vom breiten Motorblock abstehenden Fußrasten starke Schräglagen nicht zulassen. Und weil die gezügelte Gangart sowieso besser zum Charakter der SCR passt, die, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen, zwar auf Scrambler macht, aber tief im Innern ein Cruiser geblieben ist. Für den Alltag, für entspannte Feierabendrunden ist das keine schlechte Konfiguration.

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Uns ist das Ding in den Tagen, in denen wir damit unterwegs waren, richtig ans Herz gewachsen: gutmütig, entschleunigend, rustikal nostalgisch, keineswegs perfekt, aber sympathisch, nicht nur vergleichsweise arm an Pferdestärken und erfreulich analog, sondern mit einem Verbrauch von rund 4,5 Liter auf 100 Kilometer auch einigermaßen sparsam. Wenn einem das 9895 Euro (plus Nebenkosten) wert ist und der Händler schließlich fragt, welches Schweinderl man gern hätte, dann kann man wählen: Rot oder Schwarz.

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Von Holger Appel

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