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Veröffentlicht: 17.06.2017, 08:25 Uhr

Fahrbericht Kymco AK 550i Der Scooter zum Smartphone

Motorleistung trifft Rechenleistung: Der AK 550i ist ein neues Kymco-Topmodell. Die Meckerliste fällt übersichtlich aus.

von Ulf Böhringer
© Böhringer Dieser Tage rollt mit dem Modell AK 550i ein neues Kymco-Topmodell zu den Händlern.

Er hieß Myroad 700i und war bei seinem Erscheinen im Frühjahr 2012 ein Glanzlicht in der Welt der Motorroller: Ein 699 Kubikzentimeter großer, 58 PS starker Zweizylindermotor mit mächtigem Drehmoment, elektrische Fahrwerkseinstellung, ABS und vieles mehr zeichneten das seinerzeitige Topmodell der taiwanischen Marke Kymco aus.

Günstig erschien der Preis von 8499 Euro, weniger vorteilhaft sein enormes Gewicht von nahezu 300 Kilogramm. Deutschland, ohnehin kein Rollerland, wollte sich mit dem Dickschiff aus Fernost nicht so richtig anfreunden; nur wenige Myroads fanden den Weg auf die hiesigen Straßen. Doch die unternehmungslustige Marke aus Fernost lässt sich von nur mäßigen Erfolgen nicht entmutigen: Dieser Tage rollt mit dem Modell AK 550i ein neues Kymco-Topmodell zu den Händlern. Es ist das krasse Gegenteil des Myroad, nämlich ein sehnig-schlanker Tourensport-Scooter im Stile des Yamaha T-Max, des europäischen Marktführers dieser Klasse.

47003944 Der sonore Klang aus dem dynamisch gestylten Auspuff lässt eher an ein 800-Kubik-Sportmotorrad als an einen Halbliterscooter denken © Hersteller Bilderstrecke 

Der sonore Klang aus dem dynamisch gestylten Auspuff lässt eher an ein 800-Kubik-Sportmotorrad als an einen Halbliterscooter denken – einzigartig im Rollerbau und dank der Tonlage nicht nervig. Ebenfalls auf Anhieb zu überzeugen vermag die Sitzposition. Sie passt mit der kleinen, verstellbaren Rückenstütze zumindest für Durchschnittsfiguren um die 1,80 Meter perfekt, egal, ob mit angewinkelten oder leicht gestreckten Beinen. Der Blick ins überreich mit Displays ausgestattete Cockpit zeigt in der Rollerwelt bisher einzigartige Informationsmöglichkeiten. Kymco spricht stolz vom ersten voll vernetzten Scooter der Welt. Gemeint ist damit die Einbindung des Smartphones ins Fahrzeug mit einem „Noodoe“ genannten System. Per Bluetooth verbunden, kann der Fahrer bestimmen, welche Informationen er im zentralen Rund-Display serviert bekommt. Die Motordrehzahl in Pseudo-Analogmanier, Wetterangaben aus dem Internet, eingehende Kurznachrichten, die Strecken-Navigation und vieles mehr stehen zur Auswahl, wobei das Smartphone in der Tasche (oder im mit USB-Buchse ausgestatteten Handschuhfach) bleiben darf.

Für den Anzeigenwechsel dieses individuell belegbaren Displays gibt es einen Taster rechts am Lenker. Eine erhebliche Ablenkung während der Fahrt war nicht gegeben, denn verpasste Anrufe oder eingegangene Nachrichten verrät Kymcos „Smart Scooter“ erst nach dem Anhalten. Klar, dass der smarte Kerl auch seinen Parkplatz speichert, so dass der Fahrer ihn jederzeit wiederfindet. Nicht nur in Oberems oder Niederlauken, sondern auch in Rom, London oder Paris.

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Die Ausstattungsfülle des Cockpits ist beträchtlich. Angezeigt werden auf Wunsch der Reifendruck, die Funktionsstufe der Griffheizung, die Motordrehzahl und manches mehr – ziemlich bunt eingefärbt und im Großen und Ganzen gut ablesbar. Ein sehr gutes Sichtfeld offerieren auch die insektenfühlerartig auskragenden Spiegel. Ein „noch gut“ kassiert Kymcos Feinster für seinen mit Hilfe eines Inbusschlüssels um fünf Zentimeter in der Höhe variierbaren Windschild; die Lärmbelästigung hält sich bis 140 km/h in Grenzen, der Windschutz ist okay. Obendrauf gibt es noch ein Keyless-System.

Die üppige Ausstattung führt zu einem Feld, auf dem der AK 550i nicht wirklich punkten kann, zumindest nicht gegenüber dem Platzhirsch von Yamaha. 230 Kilogramm Leergewicht sind starke 17 mehr, als dieser auf die Waage bringt. Und zwar trotz des feinen Aluminium-Brückenrahmens und der ebenfalls aus Leichtmetall gefertigten Zweiarmschwinge. Auf das vorzügliche Fahrverhalten des Kymco allerdings hat der Gewichtsnachteil keine negativen Auswirkungen: Das bestens austarierte Fahrwerk mit seiner 50:50-Gewichtsverteilung und dem sehr niedrigen Schwerpunkt macht Kriechgeschwindigkeit wie auch rasantes Kurvenwuseln gleichermaßen leicht. Selbst großen, zügig gefahrenen Motorrädern kann der Kymco AK 550i dank seiner prima abgestimmten Variomatik und der kräftigen Leistung von 51,5 PS (37,5 kW) auf Augenhöhe begegnen, solange es sich um landstraßentypisches Tempo handelt.

LEDs rundum sorgen für einen speziellen Leuchten-Chic

Das Fahrwerk ist ein Muster an Folgsamkeit, dabei aber nicht zu hart abgestimmt. Zugleich herrscht auch auf der Autobahn bis zum Spitzentempo von echten 160 km/h einwandfreie Fahrstabilität. Eine stabile USD-Gabel, Brembo-Doppelscheibenbremsen mit radialen Vierkolbensätteln, ein einstellbares, liegend montiertes Federbein und ein hochklassiges Bosch-ABS zeugen davon, dass es beim AK 550i mehr um Qualität denn Sparsamkeit ging. LEDs rundum sorgen für einen speziellen Leuchten-Chic.

Die Meckerliste fällt übersichtlich aus: Schön wären abgewinkelte Reifenventile und eine automatische Blinkerrückstellung sowie eine Traktionskontrolle. Die hält Kymco angesichts des Vorhandenseins eines Regen-Modus mit weicherer Gasannahme und um fünf PS verringerter Leistung für entbehrlich. Nicht nur angesichts des Preises von 9799 Euro bringt Kymco den AK 550i, den es schon bald für A2-Führerscheininhaber mit 48 PS geben soll, in eine gute Wettbewerbsposition: Ähnlich viel Ausstattung gibt es nirgendwo, und der Preis liegt deutlich unterhalb des T-Max und all jener Scooter, die dem Marktführer von Yamaha am Zeug flicken wollen.

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