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Veröffentlicht: 28.05.2017, 08:07 Uhr

Fahrbericht BMW R NineT Racer Sturm und Zwang

BMW erweitert seine R Nine T-Modellfamilie um eine aufregende Version im klassischen Stil. Denn früher war alles racer.

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© Hersteller Genau so muss man auf der neuen BMW R NineT Racer sitzen

Es darf sich jetzt niemand beschweren. Alle sind scharf auf lässige Retro-Hobel im Geiste der Café-Racer-Ära. BMW gibt ihnen einen, waschecht, nicht weichgespült. Nun muss mit den Konsequenzen gelebt werden.

Walter Wille Folgen:

Wie schreibt der Hersteller in seiner Pressemitteilung zur R Nine T Racer: „Tief plazierte Lenkerstummel zwingen den Fahrer im Zusammenspiel mit den zurückgelegten Fußrasten in eine dynamische Sitzposition.“ Eine treffende Wortwahl. Zwingender kann man es nicht formulieren. Hinzuzufügen wäre nur noch, dass der Fahrer (oder die Fahrerin, wie im Bild) mit dem Oberkörper eine weite Distanz zwischen dem Sitz über den langen Tank hinweg zu ebenjenen niedrig plazierten Lenkerstummeln zu überbrücken hat. Es ist daher eine zwingende Notwendigkeit, sich zu strecken.

Was das bedeutet, muss Motorradfahrern nicht erklärt werden: stark nach vorn gerichteter Oberkörper, Last auf Schultern und Handgelenken, Liegestütz. Um weit vorausschauen zu können, um in Schräglage den Kurvenausgang ins Visier zu nehmen, muss der Kopf samt Helm in den Nacken. Die Racer schmeckt nach Racing, wonach auch sonst, Knie und Hüfte winkelt sie einem spitz an. Von „ambitionierter Sportlichkeit“ sprechen die Formulierungsfachleute bei BMW, von „Reminiszenzen an Sportmotorräder der frühen siebziger Jahre“. Wir stimmen abermals zu und würden ergänzen: Dieser Maschine muss man sich beugen.

46641611 „Tief plazierte Lenkerstummel zwingen den Fahrer im Zusammenspiel mit den zurückgelegten Fußrasten in eine dynamische Sitzposition.“ © Wille Bilderstrecke 

Aber es beschwere sich niemand. So gehört sich das beim Zurückspulen um zirka 45 Jahre. Andere Hersteller (Ducati Café Racer, Triumph Thruxton) halten es ähnlich, wenngleich sie ergonomisch etwas mehr Milde walten lassen. Selbst die Thruxton in der „Track Racer“-Version (Halbschale, Lenkerstummel) ist ein wenig humaner. Aber nur ein wenig.

BMW hat das Thema einer Rennmaschine alter Schule recht radikal inszeniert. Überraschend radikal. Andererseits ist denen in München mittlerweile fast alles zuzutrauen. Bei der R Nine T Racer (13 300 Euro plus Überführung) handelt es sich um ein neues Mitglied der 1,2-Liter-Boxer-Baureihe im klassischen Gewand, die die weiß-blaue Motorradtruppe in unnachahmlicher Weise als „Erlebniswelt Heritage“ bezeichnet. Sie ist weder die umgänglichste noch die vielseitigste und schon gar nicht die bequemste Version einer R Nine T. Aber die aufregendste, da legen wir uns fest.

Wo immer man anhält, gehen die Daumen hoch. „Ach, ist gar kein Umbau?“ „Kommt wirklich so aus der Fabrik?“ „Donnerwetter!“ Geduckt, drahtig und langgestreckt lädt die Racer dazu ein, Zitat BMW, „in schönen Erinnerungen zu schwelgen“. Auf Anhieb fallen beim Schwelgen der stilechte Einzelsitz mit Höcker sowie die Halbschalenverkleidung mit dickem Rundscheinwerfer ins Auge. Ebenso das Dash-Weiß, so weiß, weißer geht’s nicht, kombiniert mit dem Dekor in den traditionellen BMW-Motorsportfarben. Und hatten wir schon die tief plazierten Lenkerstummel und die weit hinten angebrachten Alu-Fußrasten erwähnt?

Showtalent, jedoch kein Blender

Gut möglich, dass man anfangs verflucht, sich mit diesem Fortbewegungsmittel eingelassen zu haben. Doch nach dem Verfeuern der ersten fünf bis sechs Liter Benzin, einer Menge, die für zirka 100 Kilometer reicht, sollte der Funke überspringen. Man darf sich nicht mit durchgestreckten Armen und steifem Kreuz gegen die „dynamische Sitzposition“ sträuben, muss sich körperlich fügen, geschmeidig hinter die Kanzel klemmen. Dann nimmt ein ungemein intensives Fahrerlebnis seinen Lauf. Zwar ist die Racer ein Showtalent, jedoch kein Blender, und ihr Fahrer sollte ebenfalls keiner sein. Blümchenpflückend durch die Gegend zu gondeln ist nicht die wahre Bestimmung dieses stabilen Kraftbolzens, der klare Lenkkommandos braucht. Federung? Vorhanden. So mittelprächtig.

Dringend empfiehlt es sich, auszuprobieren, ob einem das alles behagt. Wenn ja, dann packt einen der stürmische Hobel. Zum Beispiel, wenn man sich rennstreckenmäßig eine Kurve lang neben den 17-Liter-Tank hängt und den Boxer von den alten Zeiten grölen hört. Trockenes Schmettern aus dem Auspuff wird durch ein sattes Hämmern aus dem Ansaugtrakt unterfüttert, sobald die Drosselklappen energisch öffnen. Die Klangfülle, alles in allem ziemlich frech, wird durch eine elektrische Akustikklappe in der Abgasanlage geregelt. Indes kann die Racer auch ganz gesittet schnurren, wenn man unter Teillast in einer Art Schleichfahrt rollt – ratsam in vielen Situationen.

Mit der Zugabe gelegentlichen Boxerzuckens

Das bullige Triebwerk, von Luft und Öl gekühlt, produziert 110 PS (81 kW) bei 7750/min. 217 km/h sind laut Zulassung möglich, doch ist die Bayerische eindeutig kein Autobahn-, sondern ein Landstraßenmotorrad. Bis zu 116 Newtonmeter Drehmoment delegiert ihr Zweizylinder per Kardanwelle zum 180 Millimeter breiten Hinterreifen, mit der Zugabe gelegentlichen Boxerzuckens schräg durchs Fahrzeug. Mit Lastwechseleien muss sich arrangieren, wer beim Gas auf, Gas grobmotorisch hantiert.

Das Sechsganggetriebe fällt durch die Besonderheit auf, dass beim Einlegen des ersten Gangs nichts zu hören und am Schaltfuß auch kein mechanisches Einrasten zu spüren ist. Erst ein Blick auf die Ganganzeige im Cockpit schafft Gewissheit. Ansonsten funktioniert alles tadellos, was für die Bremsanlage gleichermaßen gilt, die kräftig zupackt, wenn auch hinsichtlich Feindosierung nicht allerhöchstes Lob verdient. Abgesehen vom gesetzlich vorgeschriebenen ABS (am Hinterrad schien es uns übervorsichtig abgestimmt) ist die Racer auch unter dem Gesichtspunkt elektronischer Assistenz sehr puristisch. Gegen Aufpreis gibt es die Stabilitätskontrolle ASC, nichts weiter.

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Umfangreich und verlockend dagegen fällt das Angebot an Artikeln zur äußerlichen Veränderung und Individualisierung des Fahrzeugs aus. Das reicht von Speichenrädern (anstelle der serienmäßigen Gussräder) über eine Doppelsitzbank bis hin zum handgebürsteten Alu-Tank mit dekorativer Schweißnaht. Denn die Racer soll, wie BMW erklärt, „nicht nur aufs Fahren Lust machen, sondern auch aufs Customizing“. Und Geldausgeben. Ganz zwanglos.

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Von Holger Appel

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