12.02.2009 · Lieber einen Frontmotor, aber dafür eine Rücktrittbremse oder doch ein handlicher zu lenkendes Rad mit Mittelmotor? 2009 wird das Jahr des E-Bikes. Darin ist sich die Zweiradbranche ziemlich einig. Aber das Jahr welches E-Bikes denn?
Von Hans-Heinrich PardeyDieser Tage vor einer roten Ampel im Badischen: Laut und ziemlich unflätig erregt sich ein Verkehrsteilnehmer aus dem offenen Autofenster. Eben hat er erlebt, dass es ihm nicht gelang, mit seinem Rüsselsheimer Kleinwagen ein Fahrrad zu überholen. Beschleunigungsvermögen und die zur Verfügung stehende Wegstrecke bis zur Ampel haben nicht einmal dafür ausgereicht, auf gleiche Höhe mit dem Fahrrad zu gelangen, um es seitlich abzudrängen. Nun hat der Radfahrer sich Urogenitalitäten anzuhören, die ihm wohl signalisieren sollen, er sei ein Verkehrsrowdy. Dabei hat er sich am rechten Fahrbahnrand mit minimalem Sicherheitsabstand zum ruhenden Verkehr peinlich genau an die innerörtliche Höchstgeschwindigkeit gehalten: Vmax 48,3 km/h zeigt das Display vor ihm. Der Schreihals im Auto ist einfach noch nie einem schnellen Elektrofahrrad begegnet. Aber dazu wird nicht nur dieser Kraftfahrer noch reichlich Gelegenheit erhalten.
(siehe auch: Elektrofahrräder: Von Pedelec bis E-Bike - Was ist was?)
Schon auf den Herbstmessen war die Gretchenfrage an die Fahrrad-Aussteller: „Und was habt ihr für ein E-Bike?“ Das Fahrrad mit elektrischem Hilfsantrieb ist nicht länger Sache von spinnerten Tüftlern in kleinen Marktnischen. Nehmen wir zum Beispiel Deutschlands umsatzstärksten Fahrradhersteller Derby Cycle in Cloppenburg (2008: 530.000 Fahrräder, Umsatz 140 Millionen Euro mit 570 Mitarbeitern, Inlandsmarktanteil 14 Prozent; Marken: Kalkhoff, Focus, Rixe, Raleigh, Univega, DiamondBack): Allein die bei City- und Trekkingrädern zahlenmäßig führende Marke Kalkhoff hat nicht ein, sondern sieben unterschiedliche Elektrofahrräder im diesjährigen Programm - vom zahmen Pedelec Agattu C für rund 1800 Euro bis zum 40 km/h flotten Leichtkraftrad Pro Connect S (rund 2800 Euro) mit „Gashebel“ für den Elektroantrieb. (siehe Kasten: Was ist was?)
„Wir werden nicht so viele liefern können, wie bestellt werden“
Ebenfalls sieben Modelle, aber noch etwas mehr Vielfalt beim Motorenangebot, nämlich auch den ebenso bei Koga-Miyata, Gazelle oder Batavus zu bekommenden Hinterradnaben-Motor, bietet unter dem Dach des größten europäischen Fahrradbauers, der niederländischen Accell-Gruppe, die frühere deutsche Traditionsmarke Hercules. Aber auch kleinere, feine deutsche Hersteller wie Riese und Müller in Darmstadt oder HP Velotechnik in Kriftel (Rheingau-Taunus) elektrifizieren ihre Spezialitäten: Unter dem Oberbegriff „Hybrid“ sind es bei den Darmstädtern drei selbstverständlich vollgefederte Räder, eines davon ist ein faltbares Birdy; in Kriftel wird der gleiche kanadische BionX-Motor in das Liegedreirad Scorpion eingebaut. Und Gianni Mazzeo, der quirlige Exportleiter beim Schweizer Elektrorad-Spezialisten Biketec (mehrere Modellreihen „Flyer“) verkündete auf der Eurobike in einem Atemzug mit der Vorstellung des elektrischen 20-Zoll-Kompaktrads „i:SY“: „Garantiert: Wir werden nicht so viele liefern können, wie bestellt werden.“
Dieses Jahr - später als bei unseren niederländischen Nachbarn - rollt das Elektrorad endlich „raus aus der Reha-Ecke“, wie nicht bloß bei Kalkhoff die Image-Korrektur umrissen wird. Aber weder die Krise des großen Ganzen noch die Spritpreise oder ein Krankenkassen-Bonus für radelnde Berufspendler, weder radelnde B- und C-Promis oder die Verheißung, „ohne zu schwitzen“, in sportlichem Tempo und ohne Trikot das Büro zu erreichen noch die Milchmädchenrechnungen der CO2-Bilanzbuchhalter schaffen diesen Umschwung: den schafft allein das Lächeln der praktischen Erfahrung.
Ein komfortables Hollandrad wie ein flotter Tourer
So ein Elektromotor im Fahrrad macht einfach Laune, egal, ob das gefühlte oder tatsächliche Alter einen als „Best-Ager“ rubriziert oder nicht. Nicht mehr ganz so toll sehende oder in der Motorik leicht eingeschränkte Personen, die sich Geschosse wie das eTool von MTB Cycletech gönnen, kann sich niemand ernstlich wünschen. Auf die schnellen E-Bikes gehören verantwortlich denkende Fitties, vernünftig genug, einen Helm aufzusetzen, auch wenn man das nicht muss, und nicht deswegen ängstlich, weil man sich mit Reisegeschwindigkeit 35 km/h tunlichst von den meisten Radwegen dieses Landes fernhält.
Das passende E-Bike zu finden ist angesichts des Angebots nicht leicht. Ganz außen vor lassen wir Sonderangebote im Baumarkt, bei denen nicht nur Materialprüfer warnend auf die Kräfte hinweisen, die bei Elektromotor-Fahrzeugen auf die Fahrradstruktur einwirken. Und vor Rückrufen von E-Bikes war auch die für preisgünstige Angebote bekannte Händlergemeinschaft ZEG nicht gefeit - in China sind nun mal Kaltgerätestecker zum Aufladen eine übliche Lösung. Nicht einmal scheinbar eindeutigen Empfehlungen ist völlig zu trauen: Ein solides E-Bike wie das Tesla von Koga-Miyata kann ebenso ein komfortables Hollandrad sein wie ein flotter Tourer: Der Händler kann mit einem PC-Programm die Steuersoftware an die Kundenwünsche anpassen. Noch mehr Eingriffsmöglichkeiten bietet - wenigstens bislang - der BionX-Antrieb. Tipps finden sich im Internet. Und kein Wort vom Hardware-Tuning mit Ritzel-Austausch wie einst beim Moped.
Viel Probieren macht klüger als alle Testberichte
Seine Preisvorstellungen darf man ruhig ein wenig nach oben korrigieren, 1800 Euro und nicht wie beim Discounter bloß 800 muss das Elektrorad einem schon wert sein. Zum Ausgleich sollte man die Reichweitenerwartung ein wenig herunterschrauben: Alle Anbieter werben mit Kilometerleistungen, die allenfalls „unter günstigen Bedingungen“ erzielbar sind. Knapp 40 Kilometer sollten aber schon möglich sein.
Viel Probieren macht klüger als alle Testberichte: Lieber einen Frontmotor, aber dafür eine Rücktrittbremse oder doch ein handlicher zu lenkendes Rad mit Mittelmotor? Man muss den Unterschied erfahren haben - das macht Spaß und lässt lächeln. Gelegenheit dazu geben die Testparcours der E-Bike-Lobby Extra Energy (Termine unter www.extraenergy.org).