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Elektrofahrräder e-Radeln muss man erlebt haben

 ·  Beim Thema e-Mobilität blicken alle aufs Auto. Tatsächlich ist die Elektrifizierung bei keiner anderen Fahrzeugart (wenn man von der Eisenbahn absieht) nach Stückzahlen so weit gediehen wie beim Fahrrad. Wie geht der Handel mit dem Erfolg um?

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Eines haben alle Beteiligten begriffen: Nichts ist so überzeugend wie die Sache selbst. Man kann dem potentiellen Käufer eines Elektrofahrrads noch so viel erzählen von nicht mehr schwitzen und locker die Steigungen hinaufkommen - wie sich das anfühlt, das eigene Erlebnis dieses elektrischen Anschubs, das lässt die Begeisterung aufkommen, die zum Kaufabschluss führt. Wichtiger denn je wird daher die erste Probefahrt mit Elektromotor - von der so gut wie jeder mit einem Lächeln im Gesicht zurückkommt.

Es ist schon etwas dran, wenn für die „Flyer“ des führenden Schweizer E-Bike-Herstellers BikeTec mit dem Slogan „Die Schokoladenseite des Radfahrens“ geworben wird. Für den Handel entwickelte sich binnen weniger Jahre ein Nischenprodukt für die ältere Generation zum Sahnestück in Krisenzeiten: 2005 wurden nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) 25.000 Elektrofahrräder in Deutschland verkauft, vergangenes Jahr waren es 150.000 Stück nach einem Absatz von 110.000 Einheiten im Jahr 2008. Die Branche jubelt über zweistellige Zuwachsraten, und nicht nur bei uns: In Europa wurde nach 300.000 E-Bikes im Jahr 2008 im vergangenen Jahr eine halbe Million Einheiten abgesetzt. Ganz vorn dabei sind die Niederlande, gefolgt von Deutschland. Da E-Bikes deutlich teurer sind als herkömmliche Fahrräder, drückten sie binnen nur drei Jahren den deutschen Durchschnittspreis je verkauftes Fahrrad in der ZIV-Statistik von 367 auf 446 Euro hoch und bescherten dem Fahrradhandel im Jahresvergleich 2008 zu 2009 trotz um sieben Prozent gesunkener Stückzahlen einen um genauso viel Prozent auf 1,8 Milliarden Euro gestiegenen Umsatz.

„Tretunterstützung bis 25 km/h“

Technisch beruht der Erfolg in erster Linie auf verbesserter Akkutechnik, die heute mit Lithium-Ionen-Packs bei akzeptablem Gewicht ausreichende Reichweiten ermöglicht. In diesem Punkt wurde und wird allerdings eine an der Wirklichkeit vorbeigehende Diskussion geführt: Am häufigsten wird das Fahrrad sinnvollerweise auf Kurzstrecken bewegt, viele davon sind kürzer als zehn Kilometer (einfache Fahrt). Das schaffen alle Elektrofahrräder, auch die billigen China-Importe aus dem Baumarkt, spielend hin und zurück. Die ständige Frage nach der Reichweite hat die Hersteller aber in der Vergangenheit fabulöse Distanzen angeben lassen, die sich vielleicht unter Laborbedingungen auf einer Radrennbahn, jedoch niemals im öffentlichen Straßenverkehr erreichen lassen. (Wenn man von den Märchenerzählern im Internet absieht, die ständig berichten, mit einem halbleeren Akku noch viel weiter gefahren zu sein.) Dem Tourenfahrer, der bei ökonomischem Umgang mit dem Energievorrat aus einem Akku beispielsweise Unterstützung für knapp 60 Kilometer herausholen kann, ist einfach zur Mitnahme eines zweiten Akkus zu raten. Auch in puncto Zuladung lässt das Elektrofahrrad nämlich umdenken: Drei Kilo mehr - was soll der Geiz?

Zu relativierende Reichweiten-Angaben genauso wie das Auseinanderdeklinieren von „mit Elektromotor fahren“ und „Tretunterstützung bis 25 km/h“, das ist die missionarische Herausforderung, die sich dem Fachhandel im Beratungsgespräch stellt. Es gibt ja durchaus den Interessenten, der unter Elektrofahrrad etwas versteht, das ihm als Siebzigjährigem nach dem zweiten Herzanfall wieder Mittelgebirgstouren mit vierstelliger Höhenmeterangabe ohne jede Tretbelastung ermöglicht. Zu allererst aber galt es die Händlerschaft selbst zu missionieren und davon zu überzeugen, dass das sportliche Image ihres Geschäfts keinen irreparablen Schaden nehmen werde, wenn neben dem vollgefederten Mountainbike ein Elektrofahrrad mit extra tiefem Durchstieg angeboten werden sollte.

Fortbildung zum Thema e-Mobilität

Charakteristisch für die anfängliche Propagierung des elektrisch unterstützten Radelns war der touristische Ansatz, den die Schweizer von Bike Tec verfolgten: Sie sorgten dafür, dass man bei der Ausleihe in Schweizer Hotels oder bei einer Retraite in einem Kloster am Südrand des Schwarzwalds mit dem „Flyer“ auf bergige Tour gehen konnte. Sie arbeiteten mit Touristikern zusammen, um entlang schöner Strecken an Relaisstationen die Versorgung mit frischen Akkus sicherzustellen. Die Idee dahinter war die gleiche, die inzwischen von verschiedenen Markenanbietern in Zusammenarbeit mit dem Fachhandel realisiert wird: Man muss die Leute, die gar nicht wissen, wie es ist, ein Elektrofahrrad zu fahren, dazu bringen, dass sie es ausprobieren. Folglich lässt Kalkhoff Beachbanner vor Läden flattern mit dem wirklich guten Rat „Jetzt testen!“. Und Victoria kreierte den grünen „e-Punkt“.

Der steht inzwischen bei rund siebenhundert Fahrradhändlern für das Motto „Energie erleben“: ein optisch einheitlicher Auftritt zum Thema „e-Rad“, wie Marketingleiter Uwe Hahslbauer vom Großhändler Hermann Hartje KG den Wust verschieden verwendeter Typenbezeichnungen gern verkürzt sähe. Dem Kunden soll das weiße „e“ auf grünem Grund signalisieren, dass er hier Beratung und ein breites - nicht auf die Marke Victoria beschränktes - Angebot von e-Rädern zum Probefahren erwarten kann. Für ihn soll es vorrangig um den Spaß am Fahren mit zusätzlicher Energie gehen. Die Technik soll er getrost dem Händler überlassen, um dessen Fortbildung zum Thema e-Mobilität sich Hartje mit Schulungen kümmert.

„Das ganz große Thema ist das E-Bike auf dem Land“

Das grüne Konzept mit seinem Präsentationspodest zum Drauf- und Drunterstellen von E-Bikes stößt aber auch an Grenzen, vor allem räumlicher Art: Bei Mainbike im Frankfurter Nordend deutet nur ein Schaufenster mit dem grünen Schriftzug „Hier Probefahren!“ den e-Punkt an. „Mehr geht nicht“, sagt Mitinhaber Thomas Meuer, „wir suchen dringend einen größeren Laden, aber das ist in diesem Stadtteil schwierig. Wir haben wohl Knowhow rund ums Elektrorad, können Interessenten auch unterschiedliche Lösungen offerieren, aber den grünen Tisch bringen wir hier einfach nicht unter.“ Ähnlich geht es Andreas Storck in Rödelheim: Er hat das grüne Möbel kurzerhand vor die Eingangstür seines Ladens geräumt und präsentiert seine Elektroräder im Freien. Seit 25 Jahren beschäftige ihn nun dieses Thema. Inzwischen habe er schon die erste Generation von in Zahlung gegebenen Gebrauchträdern mit Motor und Akku dastehen. Mit Schulungen sei es für einen „Alleinunterhalter“ wie ihn aber schwierig - allenfalls bei einem Messebesuch.

Während bei Storck das grüne Podest noch eine Saison im Freien halten mag, hat Marc Hense bei Fahrrad Wagner in Ginnheim dem Möbelstück und den Elektrorädern den Löwenanteil seiner Ausstellungsfläche eingeräumt. Ganz vorn im Schaufenster steht als Blickfang ein „Town:exp“. Dass bei den Händlern an Frankfurts grüner Diagonale des Niddatals das e-Rad Priorität genießt, entspricht dem, was der Händler im Nordend und ein Kollege im Uni-Viertel sagen: „Das ganz große Thema ist das E-Bike auf dem Land, weniger hier in der Stadt, wo man sein Rad in den Keller schleppt.“

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Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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