02.10.2010 · Mini und Smart gehen fremd: Sie zeigen zur Zeit in Paris auf dem Automobilsalon zwei Elektro-Roller. Die Roller könnten ein neues Fortbewegungsmittel der Zukunft werden.
Von Boris SchmidtDie automobile Welt ist in Bewegung. Das war sie schon immer, aber noch nie so schnell wie heute. Dass Öl ein endlicher Brennstoff ist, hat man nun auch in den hintersten Winkeln der Konzernzentralen begriffen, fieberhaft wird an Alternativen gearbeitet. Keine Messe ohne mehrere Elektroauto-Studien, und die ersten Serienmodelle stehen vor der Tür – oder sind sogar schon da.
Doch individuelle Mobilität muss nicht zwangsweise an vier Räder gebunden sein. Das wissen wir alle, nur beschränkt sich unser zweirädriges Leben jetzt meist auf den Fahrradausflug am Wochenende, zu dem man die Räder aufs Dach des Familien-Kombis packt. Während das Fahrrad nicht zuletzt als Fitness-Gerät einen regelrechten Boom erlebt (immer mehr Menschen radeln ins Büro), ist das motorisierte Zweirad in Deutschland seit langen Jahren auf dem Rückzug. Der Absatz sinkt, die klassische Klientel, also der Motorradfahrer, wird immer älter, und die Jugend interessiert sich kaum noch fürs Biken.
Transportmittel Roller
Das fängt schon damit an, dass nur noch die wenigsten Heranwachsenden mit 16 Jahren die Gelegenheit nutzen, den A1-Führerschein für eine 125er zu machen. Computer und Handy, Facebook und virtuelle Weiten sind offenbar weitaus faszinierender als die Welt unterm Helm und in der Lederkombi. Dazu kommt, dass das Erwerben der Fahrerlaubnis teuer geworden ist – erst recht beim großen Motorrad-Schein.
Da scheint es auf den ersten Blick nicht ganz verständlich, dass ausgerechnet zwei Automobilhersteller nun mit zwei Roller-Studien die Fachwelt auf dem Pariser Automobilsalon überraschen. Doch der (Motor-)Roller hat hierzulande in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren eine bescheidene Blüte erlebt. Wenn ein Zweirad als pures Transportmittel angeschafft wird, ist es meist ein Roller, das Motorradfahren bleibt in aller Regel ein reines Freizeitvergnügen. Bei den Jugendlichen sind die Scooterfahrer in der Überzahl, da muss man sich nur die Parkplätze vor den Schulen anschauen.
Das Auto des kleinen Mannes
Und blickt man über Deutschland hinaus, ist der Roller nicht nur in Rom, Paris und anderen europäischen Großstädten etabliert, in Asien ist er oder das leichte Motorrad immer noch so etwas wie das Auto des kleinen Mannes. Die Älteren wissen es: Das war auch im (West-) Deutschland der fünfziger Jahre so.
Arbeitet man konsequent an der Lösung städtischer Verkehrsprobleme, ist das Einbeziehen des Einspur-Fahrzeugs zwingend. Schließlich wird wesentlich weniger Verkehrsfläche benötigt, und man fährt nicht drei oder vier leere Plätze durch die Gegend. In diese Richtung dachte man bisher auch bei Smart, aber man verzichtet weder auf den Wetterschutz noch auf die größere Sicherheit, die ein Auto bietet. Letzteres ist ein Punkt, der alle hochfliegenden Träume von modernen urbanen Städten, in denen die Menschen auf zwei Rädern durch die Straßenschluchten wieseln, schnell zerstören kann.
Smart und Mini in der Zweirad-Welt
Ein Zweirad, das sich in der Stadt so schnell wie ein Auto bewegt (also maximal mit 50 km/h) kann niemals so sicher sein wie ein Auto. Das muss man wissen. Die Angst, mit zwei Rädern nicht zurechtzukommen oder auch nur die Befürchtung, man könnte klatschnass werden, sind große und nicht zu unterschätzende Hindernisse bei der Vermarktung von Motorrollern, ob sie nun mit Strom fahren oder mit Gemisch.
Dennoch, Smart und Mini machen in Paris einen Schritt nach unten in ihrer Markenwelt. Ein Roller passt zu beiden Marken wunderbar: Sie sind urban und jung. Man setzt auf jene Käufer, die gern bereit sind, für ein schickes Fahrzeug mehr Geld auszugeben. Beiden Rollern gelingt es, einige Vierrad-Gene in die Zweirad-Welt mitzunehmen, wobei die Praxistauglichkeit bei der Entwicklung der beiden Studien gewiss nicht im Vordergrund stand.
Antrieb durch Lithium-Ionen-Batterie
Dass als Antrieb jeweils ein E-Motor direkt am Hinterrad mit einer Lithium-Ionen-Batterie als Energiespeicher vorgesehen ist und eine Reichweite von rund 100 Kilometer möglich sein soll, war nicht anders zu erwarten. Ein noch so sparsamer Verbrennungsmotor wäre das falsche Signal gewesen. Ganz abgesehen davon, dass in manchen chinesischen Städten Benzin-Motorroller schon verboten sind, weil man sonst der Luftverschmutzung nicht mehr Herr wird.
Beide sind „Mopeds“, haben also eine Spitzengeschwindigkeit von maximal 45 km/h bei einer Leistung von rund 4 kW (knapp 6 PS) und dürfen vom Autoführerschein-Besitzer gefahren werden. Schon für einen 125er-Roller oder ein Zweirad mit bis zu 11 kW (15 PS) müsste ein Autofahrer eine gesonderte Prüfung (für den A1-Führerschein) ablegen und mindestens zwölf Zweirad-Fahrstunden absolvieren. Dass diese strenge Regel (in allen anderen EU-Ländern schließt die Klasse B den A1 mit ein) geändert wird, ist immer wieder ein Bestreben der Zweirad-Branche, doch bisher hat sie vergeblich beim Verkehrsminister angeklopft. Nur wer vor dem 1. April 1980 seinen B-Führerschein gemacht hat, darf in Deutschland eine 125er fahren, sofern er nicht den A- oder A1-Schein hat.
„Vespa-Design“
Doch der Autofahrer von heute wäre neben den Jugendlichen, die ihr Smartphone sowohl bei Mini als auch bei Smart direkt mit dem Scooter verbinden können, die Zielgruppe. Würde der sich mit 45 km/h begnügen? Im Idealbild stellen sich die Marketing-Strategen das so vor: Die Jugendlichen werden früher an die Marke gebunden. Und die Autofahrer vertrauen bekannten und starken Marken eher als den vielen für sie namenlosen Produkten aus Korea, Taiwan oder China, heißen sie nun Kymco, Sym oder Daelim.
Und mit japanischen Spezialisten wie Yamaha, Honda oder Suzuki sieht man sich vom Markenwert mindestens auf Augenhöhe. Als einziger Autohersteller kann Peugeot auf eine lange und fortwährende Tradition in diesem Bereich zurückblicken. Nicht von ungefähr propagiert Peugeot das Zweirad zur Zeit stärker als je zuvor. Beim Thema Roller kommt man letztlich nicht an Piaggio, sprich Vespa, vorbei. Für Mini-Designer Gert Hildebrand, der mit seinem Team sowie mit der Unterstützung der Kollegen von BMW-Motorrad die Mini-Roller kreierte (es sind drei verschiedene, der dritte ist nicht in Paris zu sehen), ist die Vespa nach wie vor die große Ikone und das Vorbild. Vor allem die Mini-Studien bewegen sich in diese Design-Richtung und betonen eher das Rundliche.
Fortbewegungsmittel für die Zukunft
Als Versuchsballons erfüllen die Roller gewiss ihren Zweck. Die öffentlichen und publizistischen Reaktionen werden beeinflussen, ob und wie die Studien weiterverfolgt werden. Für Gesprächsstoff sorgen sie auf jeden Fall. Bei BMW ist man vor Jahren mit dem futuristischen C1-Roller (mit Dach und Gurten, es gab keine Helmpflicht) schon einmal auf die Nase gefallen.
Das tatsächliche Kaufinteresse war einfach nicht groß genug. Die Studie C1-E, ein Elektro-Roller im Stil des ursprünglichen C1, die vor genau einem Jahr gezeigt wurde, ist der beste Beweis dafür, dass BMW (und/oder) Mini sehr nah am Thema sind. Motorisierte Zweiräder können gewiss ihren Beitrag zur Mobilität der Zukunft leisten, doch die Studien von Paris werden ein Traum bleiben, schon weil sie, 1:1 umgesetzt, wohl viel zu teuer für den Endkunden wären.