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Veröffentlicht: 19.01.2014, 08:00 Uhr

Eisenbahnmodell Die Bergkönigin

Steile Eisenbahnstrecken wurden bis ins 20. Jahrhundert mit Zahnstangen bewältigt. Dann kamen die Preußen mit einer starken Steilstreckenlok. Nun gibt es sie als schweres Spur-1-Modell.

von Friedhelm Weidelich
© Friedhelm Weidelich Keine große Sache: 60 Promille geneigte Gleise waren für die Preußen-Lok problemlos zu bewältigen. Das 1:32-Metallmodell leistet Vergleichbares

Von weitem nähert sich die Dampflok mit ihrem Drei-Wagenzug im Schnee. Der klare 4/4-Takt der Auspuffschläge steigert sich vom Andante über Allegretto zu einem Presto resoluto, als die schwarz-rote Tenderlok die nächste Steilstrecke erreicht und der Lokführer den Regler nach links schiebt. Mit turbinengleichem Lärm beschleunigt die 104 Tonnen schwere Lok unter einer mächtigen Dampfwolke auf Höchstgeschwindigkeit, bevor sie mit 65 km/h vorbeidonnert.

Eisenbahnfreunde lieben solche ungestümen Kraftentfaltungen und genießen das Geräusch der hart arbeitenden Dampfmaschine. Die Szenen, die ein Videofilmer namens „halleklatscher“ unter dem Titel „95 027 die Bergkönigin“ bei Youtube eingestellt hat, lassen auch einen technisch weniger Interessierten nicht kalt. Sie spielen sich regelmäßig auf der Strecke der ehemaligen Halberstadt-Blankenburger Eisenbahn-Gesellschaft (HBE) im Ostharz ab, die heute als Rübelandbahn bekannt ist. Dort wird Technikgeschichte buchstäblich erfahrbar.

Die 1885/86 eröffnete Strecke von Blankenburg nach Tanne im Harz überwand 434 Höhenmeter und war die erste deutsche Normalspurbahn mit bis zu 60 Promille Steigung – Neigung heißt das im Fachjargon. Sie wurde in den Harz hinein gebaut, um Kohle, Erz, Kalk und Holz in die neuen Hochöfen im Tal zu befördern. 7,5 km der gut 30 km langen Strecke wurden mit einer Zahnstange bewältigt, die der Schweizer Roman Abt erfunden und hier im Herzogtum Braunschweig zum ersten Mal eingesetzt hat. Weil eine gewöhnliche leichte Dampflokomotive zu wenig Reibung erzeugte, um auf den glatten Schienen schwere Züge zu schleppen und bremsen zu können, trieben zwei separate Zylinder unter der Lok ein Zahnrad an. Das Zahnrad griff abwechselnd mit zwei Zähnen in die beiden versetzten Zahnstangen in der Mitte des Gleises ein. Die Lokomotiven der Maschinenfabrik Esslingen mit ihren drei Kuppelachsen und einer Laufachse zogen bis 1920 Personen- und Güterzüge über die Harzbahn.

Chinesische Fertigung

Auf Dauer nicht genug, denn der Güterverkehr auf der HBE hatte sich von 1886 bis 1917 verfünffacht. Die Bahngesellschaft suchte nach einem Ersatz für die kleinen Zahnradlokomotiven, die allmählich verschlissen waren, und nach Möglichkeiten, das bescheidene Tempo von 15 km/h auf bis zu 25 km/h anzuheben. Saugluftbremsen waren seit 1910 die eine Voraussetzung, stärkere Lokomotiven ohne Zahnrad die andere. Nach Versuchsfahrten mit einer 99 Tonnen schweren Tenderlok von Borsig, Berlin-Tegel, bei der fünf von sieben Achsen angetrieben waren, bestellte die Bahn vier der bulligen Exemplare. Zwei wurden noch mit Bremszahnrädern ausgeliefert, die sich wegen der Gegendruckbremse als überflüssig erwiesen. 180 Tonnen schwere Züge zogen die Maschinen mit ihren kleinen Rädern und mächtigem Kessel problemlos auf 6-Prozent-Neigungen. Mammut, Wisent, Büffel und Elch benannt, gingen sie als „Tierklasse“ in die Geschichte der Lokomotiventwicklung ein. Die „Mammut“ kündet noch heute als wieder betriebsfähiges Denkmal vom Wagemut der Konstrukteure und der privaten Bahngesellschaft.

Erfolgreiche Einsätze der Harzer Steilstreckenloks auf Zahnradbahnen am Rennsteig, in Boppard, Dillenburg und Eschwege bewogen das Reichsverkehrsministerium, bei Borsig für die 1920 gegründete Deutsche Reichsbahn ähnlich aufgebaute Dampfloks zu bestellen. Sie sollten über zweieinhalb Meter länger sein und wirkten mit größerem Raddurchmesser nicht mehr so gedrungen wie die Tierklasse. Weil sie schon von der Preußischen Staatseisenbahn geplant wurden, erhielten sie die Bezeichnung preußische T 20 und gingen später als Baureihe 95.0 in den Nummernplan der Reichsbahn ein.

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