10.07.2010 · In der baden-württembergischen Landeshauptstadt läuft ein Pilotversuch zur Alltagstauglichkeit von Elektrozweirädern. Der Initiator des Projekts, das Energieunternehmen ENBW, verfolgt damit handfeste Eigeninteressen.
Von Oliver Schmale, StuttgartDie Blechlawine rollt wie immer am Bahnhof in Stuttgart vorbei. Die Fahrer schwitzen in ihren Autos. Doch plötzlich fährt – fröhlich hupend – eine Kolonne von 300 silber-blauen Elektro-Zweirädern mit Polizei-Eskorte an den staunenden Autofahrern vorbei. Ein unübersehbares „E“ prangt auf dem Blech an der Seite der Fahrzeuge. Für ein Jahr gehören die an ein Fahrrad mit Ersatzmotor erinnernden Zweiräder nun zum Stadtbild der Kommune, in der das Auto erfunden wurde. Die Fahrer sollen das Gefährt auf Herz und Nieren im Alltagseinsatz prüfen.
Eine kleine Panne trübt die etwa zwei Kilometer lange Jungfernfahrt: Statt der avisierten 500 Testfahrer konnten nur 300 Zweiradanhänger erstmals aufsteigen. Der Grund sei ein Engpass beim Hersteller, berichtet die Energie Baden-Württemberg (ENBW). Wenn alle Zweiräder ausgeliefert sind, ist in der baden-württembergischen Landeshauptstadt die größte Elektroflotte in Deutschland unterwegs, sagt Lars Walch, Projektleiter der EnBW, zum Auftakt der Aktion. Der Feldversuch findet im Rahmen der „Modellregion Elektromobilität Region Stuttgart“ statt. Insgesamt gibt es in Deutschland acht Modellregionen, in denen der Elektroantrieb unter den verschiedensten Aspekten genauer unter die Lupe genommen wird. Das Bundesverkehrsministerium fördert alle Regionen mit insgesamt 115 Millionen Euro.
Zu wenige Ladestationen, zu geringe Reichweite
Die Testfahrer in Stuttgart heißen Elektronauten, eine Mischung aus den Begriffen Elektromobilität und Astronaut. Die Testfahrer wurden unter knapp 3000 Bewerbern ausgewählt. Schließlich blieben 400 Männer und 100 Frauen übrig. Zu ihnen gehört die Studentin Alexandra Heermann, die von der ersten Probefahrt fasziniert ist. „Das hat schon Zukunft“, glaubt sie. Für das Gefährt ist ein Führerschein notwendig. Alexander Boeck, ein Betriebswirt, will in Zukunft öfter am Freitag von Korntal nach Stuttgart zu seiner Arbeitsstelle fahren. Durch den Einsatz im Alltag will die ENBW Verbrauchs- und Fahrdaten gewinnen. Es geht um die Fragen: Wo und wann wird das Zweirad aufgeladen? Welche Strecke wird zurückgelegt? Wie lange ist der Testfahrer unterwegs?
Doch es gibt auch leise Kritik: Das Zweirad kann entweder an einer normalen Steckdose zwischen vier und sechs Stunden zu Hause geladen werden oder an einer Station in der Stadt. Die Anzahl der öffentlichen Ladestationen sei noch zu gering, sagt Studentin Heermann. Zunächst stehen 20 aus Wasserkraft gespeiste Ladestationen zur Verfügung. 250 sollen es einmal werden. Die öffentlichen Säulen haben nämlich einen entscheidenden Vorteil: An ihnen können mehrere Fahrzeuge gleichzeitig elektrischen Strom beziehen.
Das Zweirad der Elektronauten wiegt 45 Kilogramm, kostet rund 4000 Euro und hat eine Motorleistung von 2000 Watt, berichtet Projektleiter Walch. Die Spitzengeschwindigkeit liegt bei 45 Stundenkilometern. Ein weiterer Kritikpunkt ist nach Meinung mancher Testteilnehmer die zu geringe Reichweite des Rollers: Mit einer Batterieladung kommt der Nutzer zwischen 40 bis 60 Kilometer weit.
Partnerschaft mit Daimler auch bei E-Cars
Die ENBW verfolgt mit dem Modellversuch ganz handfeste Eigeninteressen: Der Energieversorger sieht in der Elektromobilität ein Geschäftsmodell der Zukunft, wie Vorstandsmitglied Christian Buchel am Rande der Auftaktveranstaltung berichtet. So hat der Versorger die Vorstellung, Nutzerschwankungen in den Stromnetzen besser zu nutzen. Wenn ein Fahrer sein Zweirad die Nacht über an der Ladestation stehen lässt, könnte es sich zu günstigen Nachtzeiten aufladen.
Doch nicht nur beim Zukunftsthema Elektrozweirad ist der Stromversorger derzeit aktiv. Vor kurzem wurde eine strategische Partnerschaft in Sachen Elektromobilität mit dem Autohersteller Daimler vereinbart. Während bei der Initiative „E-Mobility Baden-Württemberg“ als äußeres Zeichen eine Flotte von 200 Elektroautos auf den Straßen des Südwestens zu sehen ist, konzentrieren sich die beiden Unternehmen auf die Entwicklung der Infrastruktur und zukünftige Geschäftsmodelle.
Ziel ist es, Wertschöpfung im Autoland Baden-Württemberg zu sichern. Rund 180.000 Arbeitsplätze stellt der Fahrzeugbau in der Region. Deswegen ist er vom Wandel im Mobilitätsverhalten besonders betroffen. Ein erster Schritt in Sachen Strukturwandel ist mit den Elektrorollern vollzogen. Sie wurden in der baden-württembergischen Landeshauptstadt entwickelt und in Ravensburg montiert. Der lautlose Zweiradtest endet im Juli nächsten Jahres.
Blau, blau blau ...
Peter Remmert (premmert)
- 10.07.2010, 16:55 Uhr
Stuttgart - Elektrische Mofas - Waren da nicht einmal Pedelecs angedacht ?
K Zinser (klaus_zinser)
- 10.07.2010, 20:16 Uhr
Wieder ein gefährliches Spielzeug ....
Ulrich Stauf (DH7XU)
- 11.07.2010, 10:26 Uhr