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Ducati Streetfighter S Beziehungskiste aus Bologna

28.06.2009 ·  Der Fahrer hat seine liebe Mühe, sich einzugewöhnen. Doch es dauert nicht mehr als 150 Meter, bis einem zum ersten Mal der Gedanke durch den Kopf schießt: Du meine Güte, was für ein Tier! Die Ducati Streetfighter S fährt so, wie sie aussieht.

Von Walter Wille
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Man könnte es sich einfach machen mit diesem Artikel. Ein Satz genügte: „Die Ducati fährt genau so, wie sie aussieht.“ Sehen Sie sich das Foto an, dann ist alles klar. So würde allerdings die Seite nicht voll. Deshalb ein paar Bonus-Absätze.

Die Daten: 116 kW (155 PS) Nennleistung bei 9500 Umdrehungen je Minute, verursacht von einem wassergekühlten, desmodromisch gesteuerten Zweizylinder mit 1099 Kubikzentimeter Hubraum; 115 Newtonmeter Drehmoment bei ebenfalls 9500/min; keine 170 Kilogramm Trockengewicht und fahrfertig mit vollem 16,5 Liter-Tank ungefähr 190. Die Zahlen machen klar: Das Verhältnis von Kilo zu Kampfkraft ist so krass, wie der Anblick erwarten lässt.

Du meine Güte, was für ein Tier!

Es dauert nicht mehr als 150 Meter – man hat gerade in den zweiten Gang geschaltet –, bis einem zum ersten Mal der Gedanke durch den Kopf schießt: Du meine Güte, was für ein Tier! Unsere ersten Kilometer: ein merkwürdiges Herumgeeier. Man hebelt mit einer mordsbreiten Lenkstange an der agilen Maschine, die einerseits in die Kurve taucht wie der Teufel und andererseits dazu neigt, Radien im weiten Bogen hinter sich zu bringen – neutrales Kurvenverhalten ist anders. Auf holprigem Untergrund gibt sie sich zickig. Im Stadtverkehr, erst recht bei Regen, zieht einem der Motor den Zahn: unter 3000/min bockig, bei langsamer Konstantfahrt ruckelig, so dass beruhigend mit der Kupplung eingegriffen werden muss. Die ist alles andere als leichtgängig. Kurzum: Der Fahrer hat seine liebe Mühe, sich einzugewöhnen.

„An einer Beziehung muss man arbeiten“, hörten wir einmal eine kluge Gattin sagen. Wie recht sie doch hatte. Wir erinnern uns nicht, ob es damals um Motorräder ging, vielleicht nicht. Aber die Worte treffen den Kern einer Beziehung zur Ducati Streetfighter S. Einfach draufsetzen und entspannen, laufenlassen und von Anfang an die Kurve in der perfekten Linie nehmen – so funktioniert das nicht, Herrschaften. An einer Beziehung zur Streetfighter muss man arbeiten, die Rote aus Bologna fordert, dass man sich um sie bemüht, verlangt nach Fertigkeiten. Dem unerfahrenen Verehrer wird sie das Herz brechen. Wer sie erobert, wird mit freudigem Pochen im Brustkorb belohnt.

Am besten trägt man griffige Sportstiefel

Die erste gemeinsame Woche verlief zäh. Es ergab sich nichts außer der täglichen Pendelei zur Arbeit, durch die Großstadt oder auf dem Autobahnring drumherum. Dafür muss man sich keine Streetfighter S zulegen. Das ist, als führte man Miss Italia zum Altar, nur um sie bei der Schafzucht in der Lüneburger Heide einzusetzen. Die Streetfighter ist nichts anderes als eine Rennstreckenmaschine mit anderem Lenker und ohne Verkleidung, technisch eng verwandt bis identisch mit Ducatis Superbike-Modellen 1098 und 1198, auch im Design sehr ähnlich.

Mit dem nach vorn abfallenden straffen Sitz, den nach unten geneigten Lenkerenden, den halbwegs kommod plazierten Fußrasten ergibt sich eine moderat gebückte Sitzhaltung, stark zum Vorderrad gerichtet. Das ist nicht als Folter zu werten, wenngleich im Stadtverkehr die Handgelenke eine beträchliche Last zu tragen haben. Daran erkennt man die Abstammung, ebenso am großen Wendekreis, der unendlichen Schräglagenfreiheit, dem Soziussitz in der Größe eines Fünfmarkstücks (wer erinnert sich?). Man trägt am besten griffige Sportstiefel, um auf den Rasten ohne Gummiauflage sicheren Halt zu finden. Dem rechten Fuß macht obendrein die Abdeckung der würgeschlangengroßen Auspuffkrümmer den Platz streitig. Dafür ist die Sicht in den sportlich eleganten Rückspiegeln überraschend gut.

Es gibt hinreißende Details

Sportliche Eleganz ist ein wichtiges Stichwort. Die Streetfighter ist unter den Entblätterten eine Schönheitskönigin. Es gibt hinreißende Details wie die Einarmschwinge auf der linken Seite, die eine schmale Silhouette erlaubt, weil die beiden Schalldämpfer rechts sehr eng anliegen können. Wen es stört, dass das Triebwerk mangels Verschalung Kabel und Schläuche ins Blickfeld rückt: Das ist Hochleistungstechnik, die darf das. Wenn der Anlasser quengelt, widersetzt sie sich zwei quälende Sekunden lang, diese Hochleistungstechnik, dann erst springt sie explosionsartig an und lässt ein Wummern, Rasseln, Mahlen und Schaben folgen, das einem die Fußnägel wellt.

Eines Nachmittags kam die Gelegenheit zu mehr als Berufsverkehr. Einfach mal los ins kurvige Mittelgebirge, ohne bestimmtes Ziel. „Denk dran“, hatte der Fahrer mit auf den Weg bekommen, „dass wir heute abend was vor haben. Sei rechtzeitig zurück.“ Doch: Eine unheimlich grollende Macht erzwang, dass an jeder Kreuzung die Richtung gewählt wurde, die weiter von zu Hause wegführte. Gegenwehr zwecklos. Nach einer halben Stunde war die Erinnerung an alles andere verglüht. Der Motor, den man sich für den Stadtverkehr geschmeidiger wünscht, ist auf der Landstraße eine Wucht. Über 3000 Touren wirkt er wie befreit, plötzlich passt alles: gleichmäßiger Druck, angenehmes Lastwechselverhalten, direkte, kultivierte Umsetzung des Gasgriffbefehls in Schub – V-Twin-Charakter in Vollendung bei einem Verbrauch von etwa 6 Liter Super auf 100 Kilometer. Als gleichwertiger Gegenspieler erweist sich die Brembo-Bremsanlage, feinfühlig und so bissig, dass man mit nur einem Finger am Hebel das Heck zum Steigen bringen könnte. Auch das erfordert sorgfältige Eingewöhnung.

Rund 4000 Euro günstiger ist die Basisversion

Auf einem geraden Stück verwaister Autobahn sind wir noch der Frage nachgegangen, welchen Sinn es hat, ein unverkleidetes Motorrad mit 155 PS auszustatten. Die Antwort war vorher klar: keinen, deswegen macht man es ja. Ab 180 braucht das Gesäß die Stütze der Rücksitzabdeckung, mit zunehmendem Tempo und Getöse verschwimmt die Umgebung, 254 km/h im fünften Gang bei knapp 10.000/min fühlen sich an wie Mach 2, im sechsten geht flach liegend noch ein bisschen mehr, und wenn man dann ablässt, durchatmet, sich auf Richtgeschwindigkeit sacken lässt, denkt man wieder: Meine Güte, was für ein Tier. Und man weiß, dass dieses eine Mal Höchstgeschwindigkeit für immer reicht.

Auch fällt einem ein, dass nach der Heimkehr wohl an einer wichtigen Beziehung gearbeitet werden muss. Wenig im Leben läuft von selbst, nichts fällt einem in den Schoß. Nicht einmal die 19.000 Euro für die Ducati Streetfighter S.

Die Streetfighter S unterscheidet sich von der rund 4000 Euro günstigeren Basisversion ohne S in der Modellbezeichnung unter anderem durch Federelemente von Öhlins statt Showa, geschmiedete Felgen, eine in acht Stufen einstellbare Traktionskontrolle sowie diverse Karbonbauteile. ABS gibt es weder für die eine noch die andere.

Quelle: F.A.Z.
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