22.10.2009 · Ducati wird heißgeliebt von seinen Fans. Doch bei 11.700 Euro Listenpreis für eine Hypermotard 1100 hört für manchen die Liebe auf. Da fügt es sich gut, dass Ducati jetzt mit einer günstigeren Variante der schönen Hypermotard den Markt betritt.
Von Walter WilleDa reitet die Gruppe der Berichterstatter in gepflegtem Galopp durch die Hügellandschaft des Apennin südlich von Bologna, und dann kommt da plötzlich dieses Ortsschild auf sie zu: "Amore". Nein, wie passend! Geht es doch bei dieser Probefahrt um ein neues Modell der Marke tiefroter Leidenschaft. Die ist nur schwer zu zügeln, aber natürlich wird auch für Amore gebremst.
Ducati wird heißgeliebt von seinen Fans. Doch: Bei 11.700 Euro Listenpreis zum Beispiel für eine Hypermotard 1100 hört für manchen die Liebe auf und fängt das kühle Rechnen an. Fast 12.000 Euro sind viel Geld, selbst für ein Motorrad, dessen pures Design weithin Verzückung hervorrief, als 2005 der Prototyp vorgestellt wurde und 2007 die Serienmaschine in die Verkaufsräume kam. Nicht immer macht die Liebe blind. Und schließlich herrscht ja offiziell auch noch Krise.
8995 Euro plus Nebenkosten
Da fügt es sich gut, dass Ducati jetzt mit einer günstigeren Variante der schönen Hypermotard den Markt betritt. 8995 Euro plus Nebenkosten wird die zum Verwechseln ähnliche, technisch hier identische, dort deutlich abweichende Hypermotard 796 kosten. Ducati verspricht sich viel von ihr, nicht zuletzt in Deutschland, wo der Grundsatz, dass für Prestige und Fahrspaß nichts so wichtig ist wie Hubraum, viel Hubraum, ein bisschen ins Wanken zu geraten scheint. Eine Nummer kleiner bedeutet nicht selten einen Verzicht, der sich gut verschmerzen lässt. Die 796 soll das bisher exklusive Thema Hypermotard einer breiteren Zielgruppe schmackhaft machen, soll vor allem die Scheu vor dieser Art Maschine nehmen, denn die große Schwester ist als ziemlich extremes Motorrad bekannt: leicht, bärenstark, agil bis zur Zappeligkeit und zumindest gewöhnungsbedürftig im Handling. Für Einsteiger zu hemmungslos.
Umgänglicher, vielseitiger, lautete das Ziel der Entwickler, breites Einsatzspektrum von Alltagsmuli bis Rennziege. Ducati verringerte die Sitzhöhe um 20 auf 825 Millimeter. Im Vergleich zum Magermodel 1100 nahm die 796 noch mal zwölf Kilogramm ab - jeweils zur Hälfte an Fahrwerk und Motor - und fühlt sich mit ihren 167 Kilo Trockengewicht (mit vollem Tank etwa 185 Kilo) wirklich federleicht an. Im Stadtverkehr ist das zusammen mit dem kleinen Wendekreis und der Hebelwirkung des breiten Lenkers ein Trumpf.
Der luftgekühlte Zweizylinder hat 803 Kubikzentimeter Hubraum
Das neue Triebwerk basiert auf dem der Monster 696, ist in vielerlei Hinsicht verändert bis hin zu Kolben, Kurbelwelle und Einspritzanlage, die in diesem Fall von Siemens stammt. Der luftgekühlte Zweizylinder hat 803 Kubikzentimeter Hubraum, eine Nennleistung von 57 kW (78 PS) bei 8000/min und ein Drehmomentmaximum von 76 Newtonmeter bei 6250/min. Zum ersten Mal überhaupt wirbt der Hersteller aus Bolo-gna mit einem niedrigen Verbrauch: Die 796 soll im Durchschnitt mit 4,8 Liter Super auf 100 Kilometer auskommen und somit die Sparsamste aller Roten sein.
Brutale Temperamentsausbrüche müssen nicht befürchtet werden, der Motor arbeitet mit feinem, sanftem Druck statt Keulenschlag, braucht für sein Wirken indes knapp 3000 Umdrehungen für ruhigen Lauf und angenehme Lastwechsel. Man erreicht das durch vergleichsweise häufigen Gebrauch des Getriebes - dank der sehr leichtgängigen Kupplung keine unangenehme Sache. Die Brembo-Bremsen sind famos, für Ungeübte aber arg bissig. Auf dem holprigen Weg nach Amore zeigt sich rasch: Ein Einsteigermotorrad ist auch die Kleine nicht. Das Kurvenverhalten ist wenig neutral, auf schlechten Straßen wird die hyperagile Diva zickig, Schräglage in Kombination mit Störungen von unten bringen sie ins Wanken. Dann muss sie aufmerksam auf Kurs gehalten werden. Auf glattem Asphalt läuft es großartig.
Äußerlich ist die 796 an Details zu erkennen
Die Federelemente sind von einfacherer Ausführung als bei der 1100. Äußerlich ist die 796 an Details zu erkennen: Auspuffanlage, Armaturen, Cockpit, Rohrlenker. Doch trägt sie die typischen Hypermotard-Merkmale wie Vogelschnabel, Endrohre unterm Sitz, Einarmschwinge, Handprotektoren mit integrierten Blinkern sowie die markanten, abstehenden, im Stadtverkehr leider unpraktischen Klappspiegel an den Lenkerenden. Dazu der dumpfe Bass des Desmo-Twins im Gitterrohrrahmen - das schmeckt zu 100 Prozent nach Ducati. Nur: Für die heilige Farbe Rot als Alternative zum Standard-Weiß oder -Schwarz sind 300 Euro Aufpreis zu zahlen. Welch ein Skandal! Ein Liebestöter gar? Und warum kein ABS, obwohl die Monster-Reihe demnächst damit ausgerüstet wird?
Zum Nachdenken bleibt erst mal keine Zeit. So schnell, wie es gekommen ist, liegt das Dorf Amore in den Rückspiegeln, den abstehenden. Der ortskundige Tourguide, der immer besser in Fahrt kommt, will Spaß, gibt Gas. Hinterher!