23.09.2009 · Der Trimaran „Banque Populaire V“ brettert in drei Tagen und 15 Stunden über den Atlantik, der Tragflügler „l'Hydroptère“ knackt die Schallmauer. An der Zukunft rekordträchtigen Hochseesegelns über statt auf dem Wasser wird in Frankreich unbeirrt gearbeitet.
Von Erdmann Braschos2921 nasse, ruppige, gefährliche Seemeilen oder 5410 Kilometer misst die Strecke vom Ambrose-Leuchtturm vor New York bis Lizard Point am äußersten südwestlichen Zipfel Cornwalls. Der wetterwendische, von rasch aufziehenden Tiefdruckgebieten heimgesuchte Nordatlantik gilt als Eiger Nordwand der Segler. Zwar hilft der Golfstrom ein wenig mit, doch wehe, wenn er das Meer gegen einen Ostwind schiebt. Dann wird der Atlantik zur brutalen Piste mit eklig steilen Wellenbergen, die Schiff und Mannschaft mürbe machen.
Aus Anlass des Kaiser-Pokals Anno 1905 absolvierte der 68 Meter lange Dreimastschoner „Atlantic“ die Strecke in zwölf Tagen und vier Stunden. Das größte Handicap des kühnen Skippers Charles Barr waren damals übrigens sein Boss, der Eigner der Yacht, und dessen Freunde. Die bekamen unterwegs im Sturm Angst und wollten anhalten, weshalb Barr die Hasenfüße unter Deck einsperren musste. Der Rekord der knapp 400 Tonnen schweren, von 1700 Quadratmetern angetriebenen Hochseelokomotive schien lange unerreichbar.
Neue Segeltechnologie
Es brauchte eine Art neuer Segeltechnologie, um diese seglerische Meisterleistung zu toppen. Mehrrumpfboote bieten bei geringem Gewicht und allerhand aufrichtendem Moment gegenüber dem Winddruck in der Besegelung die ideale Plattform, um in ganz andere Geschwindigkeitsbereiche vorzudringen, als es mit einer herkömmlich einrümpfigen Verdrängeryacht, egal, wie groß sie ist, möglich wäre. Die krakenartig breiten Katamarane und Trimarane (Zwei- und Dreirumpfboote) brauchen keinen Ballast. Routiniert und kaltblütig gesteuert, behalten sie ihre aufrechte Schwimmlage praktisch immer bei.
1980 gelang es dem bretonischen Segelprofi Eric Tabarly mit seinem Tragflügeltrimaran „Paul Ricard“, die Zeit inoffiziell, nämlich außerhalb einer Regatta, um zwei Tage zu unterbieten. Doch so beeindruckend die Passage in zehn Tagen war und so innovativ das französische Dreirumpfboot: in Aluminium war das gut 16 Meter lange Sieben-Tonnen-Boot zu schwer. Es gelang der „Paul Ricard“ nie, auf die unter die seitlichen Rümpfe montierten Tragflügel zu steigen und mit minimalem Wasserwiderstand in andere Geschwindigkeitsbereiche vorzudringen. Immerhin war der Prototyp des Tragflügel-Hochseetrimarans damals schon entwickelt.
Zwei tollkühne französische Crews
Einstweilen wurde das Mehrrumpfsegeln mit tragflügellosen Booten in leichter wie belastbarer Faserverbundbauweise vorangetrieben. Damit bretterten zwei tollkühne französische Crews diesen Sommer in einer Manier über den Atlantik, dass jedem Segler die Spucke wegbleibt. Nach anderthalbmonatiger Wartezeit legten Ende Juli der eigens für Hochseerekorde entwickelte 40-Meter-Trimaran „Banque Populaire V“ und die drei Jahre alte, für neue Segelrekorde modifizierte „Groupama 3“ in New York ab. Deren meteorologische Berater sahen Donnerstag, den 30. Juli, das lang ersehnte Wettersystem mit passenden Windverhältnissen. Es sollte reichlich aus der richtigen Richtung, aus Süd bis Südwest, wehen. Im Abstand von zwei Stunden gingen beide Trimarane für eine Rekordjagd auf dem Backbordschwimmer auf die Reise, die allen Ernstes mit 36 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit begann. Freitag segelte „Groupama 3“ mit 800 Meilen einen neuen 24-Stunden-Rekord. Am nächsten Tag steigerten Franck Cammas und seine neunköpfige Crew das Etmal auf 841 Meilen, um Samstag von der „Banque Populaire V“ mit einem kaum glaublichen 908-Meilen-Ritt innerhalb eines Tages geschlagen zu werden.
Wie die Videos der Internetseite www.voile.banquepopulaire.fr zeigen, erfolgte die Rekordfahrt über den Atlantik im Wesentlichen zweistrahlig vor dem Kielwasser des linken Rumpfes und des Mittelschwimmers. Nach drei Tagen, 15 Stunden und 25 Minuten hatte der Trimaran Lizard Point im Südwesten Englands querab. Die gesegelte Durchschnittsgeschwindigkeit über den Atlantik: annähernd 33 Knoten (61 km/h). Die „Banque Populaire V“ wurde stundenlang mit Spitzengeschwindigkeiten von 40 bis 45 Knoten gesegelt. Zur Orientierung: Ein Wasserskiläufer erreicht etwa 13 Knoten bei Gleitfahrt auf beiden Skiern. Der Cunard Liner „Queen Mary 2“ schafft 30 Knoten Spitze.
„Meist hatten wir halben bis achterlichen Wind“
Neben zuverlässigen Windprognosen - moderne Rennyachten steuern Tiefdruckgebiete in bestimmten Winkeln an, um das Beste aus ihnen zu machen - braucht es Dyneema-starke Nerven, um Tag und Nacht reaktionsschnell mit unbeirrtem Blick auf die Anzeige der in den Mast und die Bolzen der Takelage integrierten Belastungsmesser durch dick und dünn zu segeln.
Pascal Bidégorry, Skipper der „Banque Populaire V“, berichtet: „Meist hatten wir halben bis achterlichen Wind aus 110 bis 120 Grad, der dank unserer eigenen Geschwindigkeit mit 50 bis 40 Grad von vorn über das Boot wehte. Wir wussten, dass das Boot theoretisch um die 40 Knoten segeln kann, und irgendwann, wenn das GPS öfter 40 und mehr anzeigt, gewöhnt man sich sogar daran. Während des 908-Meilen-Etmals waren wir mit zweifach gerefftem Groß- und einem Stagsegel vor dem Mast bei sieben Windstärken unterwegs, und die Welle war ideal. Das Schiff wiegt nur 23 Tonnen, es beschleunigt bei solchen Bedingungen spürbar und steuert sich wie ein Sportwagen, in dem man einen fetten Achtzylinder hinter dem Rücken hat.“ Frank Cammas von der deutlich kleineren und marginal langsameren „Groupama 3“ meint, es werde wohl lange dauern, bis noch einmal bei derart günstigen Windverhältnissen über den Atlantik gesegelt werden könne.
Größtes Handicap ist das Nicken im Seegang
Mark van Peteghem, einer der Designer des 40 Meter langen Rekordhalters, hält 1000 Meilen in 24 Stunden für möglich. „Dazu brauchte man ein etwas längeres, ruhiger im Wasser liegendes Boot. Denn das größte Handicap bei Mehrrümpfern ist das Nicken im Seegang. Das Auf und Ab der Büge limitiert einfach die Durchschnittsgeschwindigkeit. Doch wenn wir eine größere Plattform bauen (gemeint ist ein längerer und breiterer Trimaran), müssten wir auch die Beschläge dazu entwickeln. Für die an Bord entstehenden Kräfte bieten die Hersteller leider keine Regalware, auch nicht in Sonderserien.“
Nach dreijähriger Vorbereitung des „Banque Populaire V“-Teams ist das leicht verlängerte Segelwochenende zur Atlantiküberquerung ein verdienter Lohn. Doch eigentlich ist es eine Probefahrt für die Jules Vernes Trophy. Dieser Preis für die schnellste Umrundung der Welt mit einem Segelboot steht derzeit noch bei Bruno Peyron, der seinen Rekord des Jahres 1994 von 79 Tagen und sechs Stunden 2005 auf 50 Tage und 16 Stunden verbesserte. Peyrons „Plattform“ war die „Orange 2“, ein 37 Meter langer und 18 Meter breiter Katamaran. Im Winter wird auch die „Groupama 3“ starten. So werden die tollkühnen Franzosen mit ihren rasenden Trimaranen nicht bloß gegen die Zeit segeln, sondern in einer Art Match Race gegeneinander. Wer die Konkurrenz gleichzeitig auf dem Wasser weiß oder streckenweise sogar sieht, gibt mehr.
Geschwindigkeitsrekord über 500 Meter
Derweil feilt das französisch-schweizerische „l'Hydroptère“- Team an der Zukunft der besegelten Tieffliegerei auf Tragflächen und führt damit die wegweisende Idee des Prototypen „Paul Ricard“ zum Erfolg. Am 4. September stellte ihr 18 Meter langer Tragflügeltrimaran einen Geschwindigkeitsrekord über 500 Meter auf. Alain Thébault und seine Zehn-Mann-Crew knackten an jenem denkwürdigen Freitag die seit einigen Jahren angepeilte 50-Knoten-Grenze mit 51,36 Knoten auf einem halben Kilometer und loggte 48,72 kn über einen Kilometer. Weitere Starts folgen bis zum 7. Oktober. Die Erkenntnisse sollen der größeren noch zu bauenden Schwester des Flugsegelboots zugute kommen. Mit 30 Meter Länge und 32 Meter Breite soll es eines Tages den bestehenden Weltumsegelungsrekord von derzeit 50 Tagen auf etwa 40 drücken.
Wie immer die diesen Winter anstehende Jagd um die Jules Vernes Trophy mit gegenwärtiger, noch auf dem archimedischen Prinzip basierender Trimarantechnik zwischen der „Banque Populaire V“ und „Groupama 3“ ausgeht: An der Zukunft rekordträchtigen Hochseesegelns über statt auf dem Wasser wird in Frankreich unbeirrt gearbeitet.
Kollisionsgefahr
Ingo Lange (Ingoatwork)
- 24.09.2009, 09:40 Uhr
A propos Kollisionsgefahr
Jacob Palczynski (palle_czynski)
- 24.09.2009, 11:14 Uhr
....ich glaub, ich weiss was palle_... meint !!
Manfred Sauer (Manni1000)
- 25.09.2009, 06:46 Uhr