Schon als vor 12 Jahren mit Hyundai der erste koreanische Autohersteller die deutsche und die europäische Bühne betrat, erwarteten manche Experten, daß sich eine Erfolgsgeschichte wiederholt: in den achtziger Jahren die Japaner, in den neunziger die Koreaner. Und so ist es auch gekommen. Zu Hyundai gesellten sich Daewoo und Kia, und schon nach kurzer Marktpräsenz wurden in Europa mehr als eine halbe Million Autos verkauft (siehe Tabelle). Daß in den vergangenen Jahren ein Rückgang zu verzeichnen ist, liegt vor allem an der Schwäche von Daewoo, die unlängst im breiten Schoß von General Motors (GM) aufgenommen wurden.
Betrachtet man nur Hyundai, ging es fast nur aufwärts. In Deutschland verkaufte die koreanische Nummer 1 (in der Heimat 47 Prozent Marktanteil) im vergangenen Jahr 28000 Autos (plus 38 Prozent gegenüber 2001 - im rückläufigen Markt). Und es soll weiter aufwärtsgehen. Der hiesige Hyundai-Chef Karl-Heinz Engels rechnet für 2003 mit rund 32000 Verkäufen und für 2005 mit 50000 Einheiten und damit einem Marktanteil von 1,5 Prozent. Die Modellpalette umfaßt mittlerweile 12 Fahrzeuge - gestartet war man 1990 mit vier - Pony, Lantra S-Coupe und Sonata.
Jürgen Voss, 1991 erster Geschäftsführer und damit Hyundai-Pionier, erklärt den raschen Erfolg: "Die japanischen Fabrikate wurden tendenziell teurer und verloren damit einen Teil ihrer klassischen Klientel. Hinzu kam, daß koreanische Produkte aufgrund ihres hohen Know-hows bei Elektronik in den Köpfen der Verbraucher gut besetzt waren."
Der rasch erreichte Marktanteil von einem Prozent zu Anfang der neunziger Jahre gilt als der beste Start, den je eine neue Marke in Deutschland verbuchen konnte. Voss, heute Geschäftsführer von MG Rover Deutschland, sieht den oft bemängelten schlechten Restwert der koreanischen Produkte nicht als Achillesferse an. Viel wichtiger sei ein schlagkräftiges Händlernetz. Niemand wird ihm widersprechen. Für Deutschland peilt Hyundai bis 2005 rund 600 (heute 435) Stützpunkte an. Kia hat hierzulande 500 (jetzt 454) im Visier, und Daewoo will bis Ende 2005 auf 480 (von 287) Verkaufsstellen aufstocken.
Kein Erfolg ohne gute Produkte. Benchmark in Sachen Qualität sind die Nachbarn aus Japan beziehungsweise Toyota. Mit einer Steigerung der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung um 50 Prozent auf 1,9 Milliarden Dollar will Hyundai bis 2005 das Toyota-Qualitätsniveau erreichen. Bis dahin sollen überdies jährlich mindestens vier bis fünf neue Hyundai-Fahrzeuge auf den Markt kommen und neue Segmente erschlossen werden. Auch die Kia Motors Corporation will mit 17 neuen Modellen bis 2006, dem Eintritt in neue Fahrzeugsegmente und der Einführung von Dieselmotoren, weiter offensiv bleiben. Mit dem jüngst in Europa vorgestellten Kia Opirus unterstreicht das Unternehmen seine Glaubwürdigkeit als Generalist. Zudem ist der Opirus das erste höherpreisige Fahrzeug, das Kia auf einer gemeinsamen Plattform mit seiner Schwester Hyundai gebaut hat. Die Hyundai-Gruppe will bis 2010 in der Welt die Nummer 5 sein, jetzt ist man Nummer 8 nach Honda.
Auch die Marke Daewoo - sie ist sozusagen der Einstieg in die GM-Welt - braucht sich nicht zu verstecken. Mit Preisen zwischen 8000 und 20000 Euro sieht das Unternehmen mit Blick auf das angespannte wirtschaftliche Umfeld hervorragende Chancen in Deutschland und Europa. Der neue Daewoo Nubira aus dem Designstudio von Pininfarina gilt als Beginn einer neuen Produktoffensive. Vier weitere neue Autos sowie ein Geländewagen sind noch in Vorbereitung.
Zurück zum deutschen Markt: Nicht weniger optimistisch als Hyundai gibt sich die Kia Motors Deutschland GmbH, Bremen. Diese hatte im vergangenen Jahr 20435 Autos zugelassen und rechnet für 2003 mit einem Zulassungsplus von 20 Prozent. Bis 2005 peilt Kia Motors Deutschland jährlich den Absatz von 45000 Fahrzeugen an. Daewoo Deutschland will unter dem ehemaligen Opel-Manager Günther Sommerlad für dieses Jahr auf eine fünfstellige Zulassungszahl kommen. Nach zwei Jahren Krise habe man inzwischen wieder festen Boden unter den Füßen. Koreas Autobauer Nummer 3 will rasch wieder zu einer Stückzahl von 200000 Einheiten in Europa zurückkehren.
Hochgesteckte Europaziele haben aber auch Hyundai und Kia. Nach 280000 Hyundais im vergangenen Jahr sollen es mittelfristig rund 500000 Einheiten werden. Kia macht derzeit mit Zuwachsraten in Europa von 51 Prozent und in Deutschland von 54 Prozent Furore - man hat bis 2005 immerhin 300000 Einheiten im Visier. Damit zeigt sich, daß Kia Motors fünf Jahre nach der Übernahme durch die Hyundai Automotive Group stärker denn je ist.
Um Erfolg in Europa zu haben, sieht man es als entscheidend an, europäische Autos zu bauen. Daher wird Hyundai seine Präsenz in Europa erhöhen. In Osteuropa wird nach einem geeigneten Standort für eine Produktionsstätte für Hyundai- und Kia-Fahrzeuge gesucht, und ein neues, europäisches Hyundai-Zentrum für Forschung, Entwicklung und Design wird in wenigen Wochen in Rüsselsheim seine Arbeit aufnehmen.
Inwieweit der Geländewagen-Spezialist Ssangyong (siehe F.A.Z. vom 21.Juni) zum koreanischen Erfolg beitragen kann, bleibt abzuwarten. Die koreanischen Hersteller sind auf jeden Fall eine ernst zu nehmende Konkurrenz im Geschäft, zur Zeit noch in den unteren Automobilklassen. Aber auch nach oben ist nichts unmöglich, der Kia Sorrento (Geländewagen) ist der beste Beweis. Vom Image her nähern sich sich stetig den japanischen Herstellern. I. Finsterwalder-Reinecke
