Home
http://www.faz.net/-gya-omda
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Der Jaguar S-Type als Gebrauchtwagen Er darf sich jetzt als echte Katze fühlen

 ·  Die Dauerqualität ist besser als erwartet

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Jaguar geht es ein bißchen so wie Porsche. Die Marke wird immer nur auf ein Auto fokussiert. Was bei Porsche der 911, ist bei Jaguar der XJ. Doch beide Marken haben in jüngster Zeit ihr Modellangebot ausgeweitet, inzwischen ist es außer Frage, daß auch ein Boxster oder ein Cayenne ein Zuffenhausener ist. Jaguar ist noch nicht ganz soweit, aber nach und nach darf sich auch der S-Type als echte Katze aus Coventry fühlen.

Allerdings hat sie eine andere Mutter als ihre Ahnen: Seit nun schon 15 Jahren gehört Jaguar zum Ford-Konzern. Zunächst ging man erstaunlich behutsam mit der Marke um, die erste wirklich grundlegende Neuerung kam spät: Es war der vor fünf Jahren vorgestellte S-Type. Das damals neue Modell war ein Schritt in eine preiswertere Fahrzeugklasse und gleichzeitig ein Anknüpfen an alte Traditionen. Es gab in den sechziger Jahren einen ähnlichen geformten und dimensionierten Typ S. Heute ist der S-Type nicht mehr der kleinste Jaguar, unter ihm rangiert der X-Type, von dem es nun sogar eine Kombiversion (Estate) gibt. Bis zum Jahr 2004 waren Kombinationskraftwagen bei Jaguar nie über das Prototypenstadium hinausgekommen.

Doch zurück zum S-Type. Er findet sich jetzt verstärkt im Gebrauchtwagenmarkt wieder, wobei in Deutschland nie die Verkaufszahlen erreicht wurden, die man sich vorgenommen hatte. Bis einschließlich 2003 wurden 14 004 Autos neu zugelassen, das Jahr 2000 war mit mehr als 4100 Verkäufen das bisher beste. Zum Start 1999 standen zwei Motoren zur Wahl, ein V6-Aggregat mit 3,0 Liter Hubraum und 175 kW (238 PS) aus dem Ford-Konzern (jedoch in Coventry überarbeitet) sowie ein Jaguar-4,0-Liter-V8 mit 203 kW (276 PS). Basispreis waren damals knapp 70 000 Mark, und damit war Jaguar-Fahren um einen Schlag fast 26 000 Mark billiger geworden.

Über die äußere Form gab es keine große Diskussionen, zwar wirkt die viertürige Limousine etwas pummelig, aber sie ist durchaus jaguarlike. Im Innenraum war man nicht ganz so konsequent (je nach Version), da spürt man manchmal schon, daß es da eine große Mutter in Dearborn gibt. Dennoch bietet auch der S-Type jene Klub-Atmosphäre, die ihn von Limousinen deutscher Herkunft unterscheidet, obwohl unter dem Blech viel Technik aus der Großserie steckt.

Vom Format her muß sich der Jaguar S-Type mit der Mercedes-Benz-E-Klasse oder dem 5er-BMW messen lassen, die Länge beträgt stattliche 4,86 Meter. Dafür ist aber der Kofferraum mit nur 370 Liter Fassungsvermögen geradezu lächerlich klein. Wenigstens lassen sich die Rücklehnen der hinteren Sitzbank umlegen. Im Boden liegt als Ersatzbereifung nur ein Notbehelf, es sei denn, der Erstkäufer hatte 230 Mark für ein vollwertiges Rad spendiert.

Ohnehin ist es ratsam, die besser ausgestatteten Varianten zu suchen, "Executive" zum Beispiel, oder gleich den V8 zu nehmen. Dieser hat außer Ledersitzen unter anderem Getriebeautomatik, Seiten-Airbags, Schiebedach, Alarmanlage, elektrisch verstellbare Vordersitze nebst Memory oder Tempomat serienmäßig. Ein ähnlich gut ausgestatteter V6 Executive forderte neu im Frühjahr 2001 schon knapp 90 000 Mark auf dem Konto. Damit war man teurer als vergleichbar motorisierte Limousinen deutscher Provenienz. Automatik war und ist bei den V6-Modellen aufpreispflichtig, sie ist im Gebrauchtwagen beim kleinen Motor jedoch weniger zu empfehlen. Das 5-Gang-Getriebe von Getrag ist die bessere Wahl. Die Automatik harmonisiert nicht sonderlich mit dem Motor. Inzwischen hat Jaguar reagiert: Im Jahr 2000 wurde das Schaltprogramm modifiziert.

Für den V8 spricht das souveränere Fahren, es werden fast 380 Newtonmeter Drehmoment geboten (293 Nm beim V6), in der Spitze sind gut 240 km/h (230 beim V6) möglich. Beide Motoren lassen sich nur schwer mit weniger als 10 Liter Superkraftstoff auf 100 Kilometer bewegen. 12 bis 15 Liter muß man schon einkalkulieren, je nach Fahrweise. Zwar kann man mit der Verarbeitungsqualität des S-Type zufrieden sein, beim Federungskomfort müssen Abstriche gemacht werden. Es geht eher sportlich aufgeregt denn ruhig und gediegen zu. Das Kurvenverhalten ist jedoch erstklassig, die an sich sehr guten Bremsen quittieren aber starke Beanspruchung mit leichtem Nachlassen (F.A.Z. vom 5. Oktober 1999). Im Stadtverkehr sind die Unübersichtlichkeit der Karosserie und vor allem der große Wendekreis (mehr als zwölf Meter) von Nachteil.

Neben den beiden erwähnten Motoren ist seit einer zurückhaltenden Modellpflege im Frühjahr 2002 ein kleinerer V6-Motor mit 2,5 Liter Hubraum (147 kW/200 PS) zu haben. Der V8-Motor hat nun 4,2 Liter Hubraum (219 kW/298 PS), zudem gibt es eine Kompressor-Variante (S-Type R), die mit einem sportlicheren Auftritt des gesamten Fahrzeugs einhergeht. Dann stehen fast 400 PS zur Verfügung.

Bleibt die Frage, wie sich der S-Type im Dauerbetrieb schlägt. Da ist er viel besser, als es mancher Kritiker wahrhaben mag. Um Aufnahme in den TÜV-Report zu finden, sind zu wenige im Umlauf, vom ADAC aber bekommt der Jaguar für die Baujahre 2000 und 2002 jeweils ein "gut" in Sachen Pannenanfälligkeit. An konkreten, typischen Mängeln werden durchgebrannte Zylinderkopfdichtungen beim 4,0-Liter-V8 sowie defekte Automatikgetriebe (Baujahr 1999) erwähnt. Vor vier Jahren gab es einen Rückruf wegen ausgeschlagener Traggelenke an der Vorderachse.

Da am 22. Mai ein neuer S-Type auf den Markt kommt (großes Facelift), dürften die Preise für Gebrauchtwagen, die ohnehin relativ günstig sind, nochmals nachgeben. Im kommenden Mai erfüllt Jaguar endlich das Versprechen, das beim Start 1999 gegeben wurde: Ein Dieselmotor (2,7 Liter Hubraum) bereichert das Angebot (beim X-Type gibt es schon einen 2,0-Liter-Diesel). Bei einer Neuwagen-Dieselquote von zur Zeit fast 50 Prozent ist das auch unabdingbar.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2004, Nr. 56 / Seite 53
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1959, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

Jüngste Beiträge

Implodierte News

Von Hans-Heinrich Pardey

Nicht jede Nachricht eignet sich zur Werbung dafür, dass mehr Testen, Prüfen und Zertifizieren auch beim Elektrorad nottue. Mehr 2