16.04.2009 · Arved Fuchs ist ein berühmter Abenteurer. Die „Dagmar Aaen“ ist sein Schiff. Sie führte er schon um den Nordpol herum und durchkreuzte die polynesische Inselwelt. Doch warum tut dies Fuchs ausgerechnet mit diesem alten Haikutter?
Von Walter WilleEin Tag ohne Packeis. Arved Fuchs steht am fast 80 Jahre alten Steuerrad der „Dagmar Aaen“, späht in Richtung der fast 20 Meter entfernten Bugspitze, über die man nicht hinwegschauen kann, weil sie so hoch ist. Ein Ausguck lotst ihn auf den rechten Weg. Die Mannschaft macht die stilecht-naturfarbenen Leinen klar, löst die Bändsel von den aufgetuchten rotbraunen Segeln, wuchtet mit Klau- und Piekfall das Gaffelgroß hoch, reißt an den Fallen für Fock und Klüver. Fünf, sechs Leute haben gut zu tun. Der an moderne Yachten gewöhnte Segler und Gast steht rat- und nutzlos herum, bis sich seine Augen allmählich an die urtümliche Andersartigkeit gewöhnen und er ein bisschen mit anpacken kann. Wohin er auch fasst: Holz. Hier stecken 30 Eichen drin.
Die Segel sind gesetzt, der Käpt'n geht auf Kurs. Kurz bevor sich die Sprudelflasche vom Salontisch gezittert hat, erstirbt das Stampfen der archaischen Maschine im Bauch des weiß-rot-grün gestrichenen Rumpfs. Wohltuende Ruhe kehrt ein. Für eine Minute schweigt alles an Bord. Viel mehr passiert erst mal nicht.
Also Geduld, bitte
Träge und kaum wahrnehmbar schieben 75 Tonnen durchs Wasser. 75 Tonnen! Acht Knoten Wind sind nicht das, was die „Dagmar Aaen“ in Aufregung versetzen könnte, dergleichen bringt sie kaum dazu, sich von der Stelle zu rühren. Zwei, höchstens drei Knoten Fahrt - das fühlt sich mehr nach Treiben an als nach Segeln, jedenfalls wäre es schwer zu ertragen, wenn man nun eine längere Strecke unter gewissem Zeitdruck hinter sich zu bringen hätte. Darum geht es an diesem Tag jedoch nicht, sondern: einfach mal einen Eindruck bekommen von diesem bemerkenswerten, ehrwürdigen Schiff. Also Geduld, bitte.
„Hier passiert alles etwas langsamer, aber dann mit voller Konsequenz“, sagt Arved Fuchs und fährt fort: „Wenn die Masse einmal in Bewegung ist, dann ist sie in Bewegung. Fehler sind dann nur noch schwer zu korrigieren.“ Es braucht indes mindestens vier Beaufort, damit die Masse richtig losmarschiert, eine hibbelige Rennmaschine ist die rüstige Dame nicht. Der Besitzer schätzt anderes an ihr: Gutmütigkeit, Seetüchtigkeit, Robustheit, Widerstandsfähigkeit gegen Pack-, Treib- und sonstiges Eis. Obschon gerade keins vorhanden ist, trotz des schweren Spitzbergengraus am Himmel.
Kein Packeis an diesem Tag: Für die Flensburger Förde ist das normal, für die „Dagmar Aaen“ nicht unbedingt. Das ruhige Wetter, die schwache Brise sind ein Witz, wenn man bedenkt, was das Schiff schon alles mitgemacht hat. Der betagte Haikutter, Baujahr 1931, befindet sich gerade mitten in seinem zweiten, wenn man es genau nimmt, sogar in seinem dritten Leben. Seit 20 Jahren gehört er dem Extremabenteurer, Expeditionsprofi und Autor.
Das Schiff überwinterte eingefroren in dickem Eis
Arved Fuchs hat mit wechselnden Mannschaften die „Dagmar Aaen“ ohne Eisbrecherunterstützung durch die Nordwestpassage und die Nordostpassage geführt und somit einmal um den Nordpol herum (als das noch wegen der Eislage kaum denkbar war), ferner in die polynesische Inselwelt, in die ganz hohen Breiten von Arktis und Antarktis, in unvermessene Fjorde, in Stürme und Flauten, Hitze und vor allem immer wieder in die Kälte. Das Schiff überwinterte eingefroren in dickem Eis, brummte mit sieben Knoten auf ein unbekanntes Riff, wo laut Karte das Meer 50 Meter tief sein sollte. Selbst das überstand es ohne Schaden, und die entlegene Untiefe ist seitdem in den Seekarten verzeichnet.
Rund 200.000 Seemeilen sind seit dem Kauf Ende der achtziger Jahre für 75.000 D-Mark zusammengekommen. Ein Vielfaches dieser Summe kosteten die Grundsanierung 1990 und in der Folge die weiteren Überholungen, nach denen ein derart hart herangenommenes Traditionsschiff verlangt. „Ich wollte immer das machen, was ich heute mache. Und ich wollte immer genau so ein Schiff haben“, sagt Fuchs, der das Steuer inzwischen einem Gast übergeben hat. Bei diesen laschen Bedingungen kann das jeder halten.
Ein moderneres, schnelleres Boot könnte mehr Komfort bieten bei einfacherer Handhabung - für Fuchs kein verlockender Gedanke. Den alten Haikutter hat er sich, nach langer Suche mit Streifzügen durch die Fischerhäfen, mit Bedacht ausgewählt, weil er meinte, dass er „seelenverwandt“ sei, zu ihm passe. „Unsummen an Geld und Arbeitsstunden“ steckt er seitdem hinein - nicht aus reiner Nostalgie, sondern weil er die Eigenschaften dieses soliden, einst weitverbreiteten Schiffstyps schätzt. Nach den vielen Büchern, Filmen, Vorträgen zu seinen Unternehmungen hat der Sechsundfünfzigjährige aus Bad Bramstedt jetzt diesem Schiff ein Buch gewidmet. Das ist der Anlass unseres Tagestörns.
Gebaut auf der Werft N.P. Jensen in Esbjerg
Die Geschichte der „Dagmar Aaen“ ist lückenlos dokumentiert: Gebaut auf der Werft N.P. Jensen in Esbjerg für den dänischen Unternehmer Mouritz Aaen, der mehrere Kutter betrieb, benannt nach dessen Frau Dagmar, 1931 in Dienst gestellt und Jahrzehnte im Fischfang eingesetzt. Von den späten siebziger Jahren an war sie elf Jahre im Besitz eines Mannes, der den Unterhalt mit Charterreisen für Jugendgruppen zu finanzieren versuchte. Fuchs und drei Miteigner (deren Anteile er später übernahm) erwarben sie 1988, der Abenteurer wusste von vornherein genau, was er mit der „Dagmar Aaen“ vorhatte. Sie ist für ihn ein Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck, sie hat zu funktionieren.
Fuchs beschreibt die Beziehung als Partnerschaft, von der beide Seiten etwas haben: Er hält sie in Schuss, sie dankt es mit Verlässlichkeit, dient als Ausrüstungslager für Erkundungen an Land, als Reisefahrzeug, das die Distanzen spüren lässt. Denn zum Erleben und Erforschen ferner Orte gehört für Fuchs die strapaziöse Anreise dazu. „Ich glaube, dass man sich die positiven Erlebnisse erarbeiten muss“, schreibt er.
Haikutter dienten nicht dem Haifang. Die Bezeichnung hat einen anderen Ursprung: Der seinerzeit neue Schiffstyp, noch mit Segelgarderobe, aber meistens schon mit Maschine ausgerüstet, war wendiger und weniger von Wind und Wetter abhängig, landete die größeren Fänge an, wie Fuchs erzählt. Damit war dieser „Hai“ eine unangenehme Konkurrenz für Fischer, die noch mit älteren, kleineren, weniger seetüchtigen Kähnen unterwegs waren. Den dänischen Bootsbauern dienten die englischen „Smacks“ als Vorbild, deren schnittige Linien sie allerdings modifizierten, den örtlichen Gegebenheiten sowie der Arbeit ihrer Fischer anpassten: Haikutter bekamen einen kräftigen Deckssprung (gewölbten Deckslinienverlauf) und ein fülliges Vorschiff. Ersteres schränkt die Sicht voraus ein, Letzteres trägt seinen Teil dazu bei, dass wir an diesem Schwachwindtag nicht recht vorankommen. Käme es in diesem Moment richtig dick, sähe man das Schiff wohl mit ganz anderen Augen.
Zusätzliche Eichenspanten und Innenbeplankung
Die „Dagmar Aaen“ ist schon immer stabil gewesen und heute noch stabiler als je zuvor. Ihr Besitzer ließ im vorderen Teil die Spanten-Zwischenräume mit zusätzlichen Eichenspanten füllen und eine zusätzliche Innenbeplankung einziehen. Außenbeplankung, Spanten und Innenbeplankung bilden ein mächtiges Ganzes von etwa 25 Zentimeter Wandstärke. Obendrein schützt eine Aluminium-Außenhaut das Holz vor scharfkantigem Eis, Steven und Kiel wurden durch Stahl verstärkt. Das Kutterrigg wurde zuletzt vor einigen Jahren komplett erneuert, die Segelfläche vergrößert, weil der schwere Kutter zwar für Starkwind gut geeignet, aber bei schwachem Zug in der Luft deutlich untertakelt war. Das ging Fuchs irgendwann auf den Geist.
Das Steuerhaus aus der Fischerzeit war schon früh vom Deck demontiert worden, weil es beim Segeln störte. Es steht heute als Fahrkartenhäuschen im Flensburger Hafen. Dafür hat Navigations- und Kommunikationselektronik Einzug gehalten, von der die alten Fischer noch nichts ahnen konnten. Hier ist die „Dagmar Aaen“ auf dem neuesten Stand, zu erkennen an der Bildschirmsammlung im Navigationsraum und am reichbestückten Antennenträger am Heck - ein Stilbruch einerseits, eine Notwendigkeit andererseits.
Eng ist es auf alle Fälle
Ob man die Atmosphäre unter Deck urgemütlich oder unerträglich findet, ist Ansichtssache. Eng ist es auf alle Fälle. Äußerst steile Stiegen führen hinunter. Die rundum geschlossenen Kojen (insgesamt zwölf in zwei Räumen) - man entdeckt sie erst, wenn man kleine Schiebetürchen öffnet, hinter denen man Stauraum vermutet - erinnern an Schachteln, wenn nicht an Särge. Es gibt keine Dusche, obwohl die Crews wochen- und monatelang unterwegs sind. Immerhin ist seit wenigen Jahren ein zweiter Wasch- und WC-Raum im Vorschiff vorhanden - ein erheblicher Fortschritt: Die „Dagmar Aaen“ ist durch Schotten in drei wasserdichte Segmente unterteilt, es gibt unter Deck keine Verbindung zwischen den beiden Wohn-/Schlafräumen in Vorschiff und Mittschiff (im Heck befindet sich der Navigations-/Maschinenraum). Wer in seiner Freiwache den Drang verspürte, kurz die Vorschiffskoje zu verlassen, musste früher jedes Mal übers möglicherweise nasse, kalte Deck. Ein Grund für eine Meuterei.
In den paar Stunden, die wir unterwegs sind, kann man es sich verkneifen, bis der Hafen wieder erreicht ist. An diesem Tag auf der Flensburger Förde wird es nichts mehr mit dem Wind. Wir packen ein. Der Maschinist wendet sich dem Callesen-Diesel zu, weckt ihn aus seinem Schlummer, in einer geheimnisvollen Zeremonie, während der er auf dem roten Monstrum herumklettert, mit einer Stange die Kurbelwelle ausrichtet, mit Druckluftflaschen und Ventilen hantiert, in einem Akt, der an Zeiten erinnert, als die Bilder laufen lernten. Die Maschine mit 67,8 Liter Hubraum poltert los, bringt das ganze Schiff derart zum Beben, dass jeder einzelne Verbrennungsvorgang spürbar ist. Es klingt, als hauten drei Schmiede im Gleichtakt auf den Amboss.
Das muss man erst mal abkönnen als Schiff und als Crew. Demnächst aufs Neue. Im Juni geht es Richtung Westgrönland und Kanada. Mit Überwinterung da oben. Die „Dagmar Aaen“ wird das Eis wiedersehen.
Die „Dagmar Aaen“
Länge über alles 24 m, Rumpflänge 17,95 m, Breite 4,80 m, Tiefgang 2,50 m, Segelfläche 220 m2. Segel (Dacron): Großsegel, Fock 1, Fock 2, Sturmfock, Klüver, Ballonklüver, Flieger, Toppsegel, Trysegel.
Maschine: Callesen-Dreizylinder-Diesel Typ 425 CO, 132 kW (180 PS) bei 500/min, zweiflügeliger Verstellpropeller.
Bauweise - Rumpf: sechs Zentimeter starke Eichenplanken auf Eichenspanten, für die Eisfahrt zusätzliche Spanten und Innenbeplankung, Eishaut aus bis zu sechs Millimeter starkem Aluminium, Steven und Kiel mit bis zu drei Zentimeter Stahl verstärkt; Deck Oregon Pine; Mast und Stenge Douglasie, 22 Meter Gesamthöhe.
Werft: N.P. Jensen in Esbjerg, Dänemark, Baujahr 1931.
Der Eigner im Internet: www.arved-fuchs.de