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Caravan Träume aus Leim und die Idee vom Reisen

08.08.2006 ·  Die Geschichte beginnt mit einem Hochzeitsgeschenk. 1931 schenkt Arist Dethleffs seiner Frau den ersten deutschen Wohnwagen - ein selbstgebasteltes Gerippe aus Hartholz. Seither hat sich viel verändert, die Idee ist geblieben: Wohnen auf Rädern.

Von Monika Schramm
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Am Anfang stand die Liebe. Ohne sie wäre die Geschichte des Unternehmens Dethleffs in Isny im Allgäu wahrscheinlich völlig anders verlaufen. Der junge Arist Dethleffs hatte nämlich eine Verlobte, der es nicht gefiel, daß ihr Zukünftiger ständig als Vertreter der väterlichen Peitschen- und Skistockfabrik unterwegs war. Fridel Edelmann war eine begabte Malerin, ein paar Jährchen älter als er, und hatte bereits an wichtigen Kunstausstellungen teilgenommen.

Eines Tages schrieb sie ihm wieder einmal und erwähnte dabei: „So was Ähnliches wie einen Zigeunerwagen, in dem wir gemeinsam fahren und ich noch malen könnte, das wäre wohl das Richtige für uns . . .“ Der zukünftige Gatte war Feuer und Flamme, mit seiner Antwort kamen schon ein paar erste Skizzen. Die zeigen bereits ein Hubdach, damit möglichst viel Licht ins Innere fallen würde. Zu Hause angekommen, macht sich Arist in der heimischen Garage ans Werk.

Geburtsstunde des Wohnwagenbaus

Dieser Auftakt gilt als die Geburtsstunde des deutschen Wohnwagenbaus, wir schreiben das Jahr 1931. Gleichsam als Hochzeitsgeschenk plante Dethleffs dieses Vehikel und nannte es Wohnauto, was heute irreführend wirkt, denn es war ein Anhänger. Sein Gerippe bestand aus Hartholz, überzogen mit wasserfest verleimten und lackierten Sperrholzplatten, wie sie damals auch im Flugzeugbau verwendet wurden. Bauteile, die es nicht gab, entwickelt er selbst, einschließlich einer Anhängevorrichtung für seinen Opel. Ostern 1932 rollte das Wohnauto aus der Garage auf die Straße.

Es erregt solches Aufsehen, als die beiden Jungvermählten damit unterwegs sind, daß Dethleffs gleich ein paar Aufträge einsammelt. In jedes Exemplar fließen die Erfahrungen mit dem vorherigen ein. Wie praxisorientiert er ist, beweist die Installation einer „Waschmaschine“ für die 1933 geborene Tochter. Ihre Windeln werden in einer Wanne unter einer Bodenluke unterwegs ordentlich durchgewalkt und an Ort und Stelle nur noch ausgespült und getrocknet.

Serienmodell Tourist

Es kam, wie es kommen mußte: 1936 gibt es in der Betriebsabteilung Wohnautobau des väterlichen Unternehmens bereits sechs feste Mitarbeiter. Sie bauen das erste Serienmodell Tourist, dessen aerodynamische, jetzt mit Blech beplankte Form mit Klappdach bereits Welten von dem quaderförmigen Wohnauto entfernt war und den ästhetischen Anspruch von Fridel Dethleffs deutlich mehr befriedigte. Sie entwirft die gesamte Inneneinrichtung und ist der Meinung: „Der Wagen muß gefällig sein.“

Es bleibt aber beim Klappdach, denn es zeigte sich, daß ein Auto der damaligen Zeit mit einem niedrigeren Hänger besser zurechtkam. Dethleffs spart außerdem Gewicht, wo es geht. Im Tourist, dessen Aufbau bereits 1936 doppelwandig war mit einer Isolierung dazwischen, gab es im Heck eine zum Bett umbaubare Sitzgruppe und im Bug Küche und Schrank. Das Ganze kostete 1880 Reichsmark. Die Luxusausführung für 2160 Reichsmark hatte statt des Segeltuchs am Dach feste Klappwände und wog 430 Kilogramm, sie maß 3,30 Meter in der Länge, mit Deichsel nur 30 Zentimeter mehr, und war 1,60 Meter breit. Unterwegs war sie 1,80 Meter hoch, nach Aufstellen des Klappdachs einen halben Meter höher.

Großbritannien reitet vor

Die Nachfrage ist groß, und die junge Familie ist in den dreißiger Jahren oft und gern mit dem Wohnwagen unterwegs. Nach und nach entsteht, was man eine Art Caravaning nennen konnte, sogar Prominente legen sich ein solches Gefährt zu. Da ist Dethleffs schon nicht mehr der einzige Hersteller. Bei allen beendet der Zweite Weltkrieg diesen Produktionszweig, es gibt zu diesem Zeitpunkt in Deutschland einige hundert, in Großbritannien bereits einige tausend Wohnwagen.

Dort waren die ersten „Reisewagen“, chambre du voyage genannt, um die Mitte des 19. Jahrhunderts aufgetaucht, pferdegezogene, zweiachsige Gefährte, luxuriös und stilvoll eingerichtet. Die Entwicklung kam aber erst so richtig in Schwung, als man die lebenden Pferde gegen solche unter einer Automotorhaube tauschen konnte, und es gibt schon seit 1908 - wen wundert es - einen Caravan-Club. Als Arist Dethleffs 1932 seinen ersten Wagen fertigstellte, waren die Engländer bereits mit Gespannen als Zuschauer bei der Rallye Monte Carlo dabei.

Nach dem Krieg nimmt Dethleffs die Tourist-Produktion wieder auf und entwickelt daneben den Camper, einen nur 200 Kilogramm schweren, 1,47 Meter hohen Wagen, mit dem er auf die Umsteiger vom Zelt zielt. Jetzt ist das Gewicht noch entscheidender, denn die Autos der Nachkriegszeit sind ziemlich schwachbrüstige Gefährte. Aber die Deutschen wollen reisen. Es beginnt eine Boomzeit ohnegleichen für die Caravanhersteller, und Geschichten, wie die Autokühler bei den Paßfahrten ins gelobte Urlaubsland Italien kochten und drei Mann nötig waren, um das Gespann über die letzte Kuppe zu schieben, gehören vielerorts zur Familienhistorie.

Toilettenraum mit Chemieklo

Mitte der Sechziger haben Wohnwagen bereits einen Toilettenraum mit Chemieklo, einen eleganten Innenausbau mit Heizung und Kühlschrank und elektrischer Pumpe im Wassertank sowie moderne Bremsen, ein Luxusgefährt wie der Dethleffs Senior kostet damit 14 900 Mark, soviel wie ein Mercedes. Das liegt auch an der Produktion, die immer noch überwiegend in Handarbeit abläuft, in einem Werk, das mit seinen vielen Gebäuden für eine rationelle Fertigung überhaupt nicht geeignet ist. Dethleffs-Wohnwagen haben zwar einen guten Qualitätsruf, aber andere können günstiger bauen. 1971 verkauft Arist Dethleffs sein Unternehmen an Wolfgang Thrun und Jakob Eicker. Die beiden verringern das ausgeuferte Angebot, verdichten das Händlernetz und verbessern die Produktion, und dann klotzen sie: Sie bauen ein neues Werk am Rand von Isny, und dort übernehmen 235 Mitarbeiter 1973 ihren neuen Arbeitsplatz. Schon drei Jahre später verlassen 4700 Wohnwagen im Jahr die Hallen.

Als 1982 Erwin Hymer sich bei Dethleffs engagiert, startet die Produktion von Wohnmobilen. Das Unternehmen ist heute eines der wenigen, das alle Typen von Fahrzeugen produziert, wenn auch nicht alle unter dem Namen Dethleffs. Mit viel Einfallsreichtum und dem Mut, außerhäusige Designer heranzuziehen und Neues zu wagen wie den modular aufgebauten Vari 1, in den man über eine Heckklappe ein Motorrad einladen kann, hat es Dethleffs in die erste Liga der deutschen Hersteller geschafft. Das Motto „Ein Freund der Familie“ schließt heute nahtlos an den Anspruch von Gründer Arist an, der schon vor 75 Jahren „immer mit Familie“ unterwegs sein wollte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.08.2006, Nr. 31 / Seite V 7
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Jahrgang 1950, Redakteurin im Ressort „Technik und Motor“.

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