24.05.2009 · Sein Körper und sein Charakter sind reich an Verlockungen und Mütze oder Helm ist beim Oben-ohne-Auto keine Gewissensfrage mehr. Es geht mit neuen und alten Cabrios um die Rückkehr zur Freude am Fahren.
Von Wolfgang Peters und Boris SchmidtDas Auto mit Mütze oder Helm statt des festen Dachs ist ein Luxusgeschöpf. Sein Körper und sein Charakter sind reich an Verlockungen, und wer sich einmal mit einem Cabrio oder einem Roadster eingelassen hat, erleidet nicht selten das Schicksal des Professor Unrat. Bei neueren Offen-Autos führt es vielleicht nur zum Finanz-Ruin.
Das Cabriolet oder einen Roadster benötigt niemand wirklich. Sie gehören nicht zur mobilen Grundausstattung und werden vielleicht gerade deshalb geschätzt, geliebt, gekauft: Die Cabrio-Dichte ist im vergangenen Jahr zwar nicht stark gestiegen, aber auch kaum zurückgegangen. Es gibt einige wichtige Neuerscheinungen, denen wir uns widmen, wir werfen einige Seitenblicke auf bereits eingeführte Modelle und vergessen keineswegs die Oldie-Alternativen: Mit Liebe lässt sich zwar der Rost nicht beseitigen, aber man erträgt ihn leichter.
Es gibt jeweils rund zwei Dutzend Marken, die offene Autos mit zwei und/oder offene Autos mit vier Plätzen bauen. Wenn man unterschiedliche Motorversionen einrechnet, dann ergibt sich eine offene Gesellschaft ohne Grenzen. Den Krieg der Köpfe unter verschiedenen Dächern haben die jeweils Beteiligten wohl beendet, die Stoff-Fraktion und die Festdach-Partei haben ihren Frieden gemacht. Mitunter kann man sich sogar in einem einzigen Auto (etwa Mazda MX-5) für Mütze oder Helm entscheiden. Wobei für Cabrio-Liebhaber dann das klappende und segmentierte Dach aus Stahl-Kunststoff-Verbundmaterial erste Wahl ist, wenn es nur eine Laternengarage gibt.
Audi, BMW und Meredes-Benz bieten mehrere Cabrio-Modelle
Mehrere Cabrio-Baureihen unter einem Markendach leisten sich nur wenige Hersteller: Audi führt den TT Roadster, das A3 Cabrio und das A5 Cabriolet. BMW bietet den Z4 Roadster, das 1er-, das 3er- sowie das 6er-Cabriolet. Mercedes-Benz offeriert die zweisitzigen SLK, SL und SLR sowie den CLK mit vier Plätzen. Während Ford mit dem Focus Coupé-Cabrio präsent ist, setzt Opel nicht nur auf seinen Astra Twin Top, sondern hält auch noch den Tigra Twin Top und den ebenfalls zweisitzigen GT bereit. VW leistet sich mit dem New Beetle Cabrio einen Rückblick in Sehnsucht und ist mit dem Eos auf der schicken Seite. Porsche Boxster und 911 Carrera Cabriolet sind natürliche Zweisitzer, und auf sichtbare Präsenz in der Stadt und über Land kommen von den Importmarken nur Peugeot mit dem 207 CC und dem 308 CC sowie Renault mit dem Mégane und Saab mit dem ewig tapferen 9-3. Mischformen einer mehr oder weniger heftigen Offenheit halten etwa Smart Cabrio, Citroën C3 Pluriel oder manche Geländewagen wie Jeep Wrangler, Land Rover oder Mercedes-Benz mit dem G-Modell bereit.
Die Frage nach einer Antriebsalternative zum Ottotriebwerk wird nicht mehr ausschließlich mit dem Dieselprinzip beantwortet. Der Tesla Roadster aus Kalifornien ist jetzt (zumindest theoretisch) im Angebot und wird elektrisch bewegt. Moderne Diesel gibt es (sogar) im Alfa Spider, bei Audi, im Smart Cabrio sowie bei BMW im 1er- und im 3er-Cabrio, im Citroën Pluriel, im Jeep Wrangler, im Opel Astra Twin Top, in den Peugeot 207/308 CC, im Saab 9-3 Cabrio, in den New Beetle und Eos von VW sowie im offenen Volvo C70. Mercedes-Benz bescheidet sich mit zwei Dieselvarianten in der offenen CLK-Baureihe, wenn man von dem G-Veteran in der kurzen Form mal absieht. Aber das ist auch eher eine mobile Terrasse für Menschen im gesetzten Alter.
Exoten von Aston Martin, Donkervoort oder Caterham
Wie exotische Gewürze im heimischen Cabrio-Eintopf wirken jene Marken, die auch mit ihren geschlossenen Versionen für Kurzatmigkeit bei Autofreunden sorgen können. Dazu zählen der Aston Martin V8 Roadster, die Caterham, Donkervoort und der KTM, die immer so aussehen, als wären sie unfertig entwendet worden, aber auch die Ferrari, Lamborghini, Morgan, Pagani (551 kW/750 PS!!), Spyker und Wiesmann führen auf den Boulevards der Eitelkeiten zu jenen Auftritten, die man sonst aus dem Fernsehen kennt.
Für Neuankömmlinge in der offenen Gesellschaft bieten sich zunächst einmal die wichtigsten neuen Modelle an, um in den Frühsommer zu starten. Nicht nur alphabetisch ganz vorn ist dabei das Audi A5 Cabrio. Es rollt in diesen Tagen zu den Händlern, der Viersitzer mit dem klassischen Stoffverdeck ist von 41 100 Euro an zu haben. Dafür gibt es einen Zweiliter-Benziner (Direkteinspritzer) mit 132 kW (180 PS). Das ist eine unverhohlene Kampfansage an den offenen BMW 320i mit ähnlicher Leistung und exakt demselben (Listen-)Preis. Mit dem vor zwei Jahren gestarteten neuen 3er-Cabrio, das jetzt ein Blechdach hat, ist man in München gewiss nicht ganz glücklich. Vor allem geschlossen sieht der 3er eher unbeholfen aus, der kleinere 1er mit Stoffdach, in den zur Not auch vier Personen passen, ist eine harte interne Konkurrenz.
Das A5 Cabrio ist spürbar größer und schwerer
Audi verspricht für das Stoffverdeck bei einem Minimum an Pflege eine Lebensdauer von mindestens zwölf Jahren. Ob die komplizierten Klappmechaniken der Blechdächer ebenso lange ohne Probleme durchhalten? Jeder, der sich einmal das faszinierende Spiel von filigraner Mechanik angeschaut hat, wird daran zweifeln. Das A5 Cabrio ist spürbar größer und schwerer als das bisherige A4-Modell, noch mehr als bisher wird der Fahrer angesprochen, der ein solides Auto sucht und nicht auf der letzten Rille durch die Kurve pfeifen will.
Das künftige Einsteigermodell (37 300 Euro) mit nur 1,8 Liter Hubraum und 118 kW (160 PS) wird wohl tatsächlich nur zum Gleiten taugen. Das Cabrio gibt es auch mit Allradantrieb (53 100 Euro als 3.0 TDI mit 176 kW/240 PS), und schon im Juni schiebt Audi einen 2.0 TDI mit 105 kW (143 PS) nach, der als erstes Cabrio überhaupt eine Start-Stopp-Funktion bieten kann. Lohn der Mühen ist ein um weitere 0,2 Liter gedrückter Normverbrauch. Doch auch die Benziner müssen sich nicht verstecken. Der 2.0 TFSI kommt auf 7,4 Liter, in einer stärkeren Version mit 155 kW (211 PS) genügen gar 6,8 Liter Super auf 100 Kilometer - nach der Norm.
Bei BMW tut sich ebenfalls etwas
Doch nicht nur Audi schickt ein brandneues Cabrio in den hoffentlich heißen Sommer 2009, bei BMW tut sich ebenfalls etwas. Der neue Z4 tritt an, und auch hier hat sich München wie beim 3er entschieden, statt auf Stoff auf Blech zu setzen. Kann ein Roadster ein Stahldach haben? Das fragen immer noch einige, doch der Mercedes-Benz SLK hat das mit seinem Erscheinen 1996 ein für alle Mal beantwortet: ja. Von der Dachfrage abgesehen, hat der neue Z4 gegenüber seinem Vorgänger einen riesigen Vorteil: Er sieht viel gefälliger aus, ist nicht so „verbanglet“ wie das alte Modell.
Als reiner Zweisitzer taugt der Z4 mit seinen zahlreichen Ablagemöglicheiten (auch hinter den Sitzen) für kinderlose Paare oder Singles durchaus als Erst-Auto, der Kofferraum fasst 310 Liter (180 offen), und es gibt sogar eine Durchreiche für Skier. 35.900 Euro ist der Basistarif, dafür gibt es sechs Zylinder, 2,5 Liter Hubraum und 150 kW (204 PS). Übrigens startete der alte Z4 mit Stoffdach vor sieben Jahren mit 32.500 Euro, da kann man nicht meckern.
Der Peugeot 308 CC kommt mit Motoren von BMW
Motoren von BMW gibt es bald auch im neuen Peugeot 308 CC, der ebenfalls zu den Cabrio-Neulingen des Sommers zählt. Der 308 bietet Platz für vier Personen, er spielt preislich mit 30 150 Euro fast auf BMW-Niveau. Ähnlich wie beim BMW ist der Nachfolger harmonischer gestaltet als der Vorgänger (307 CC), der reichlich plump daherkam.
Wie bisher gehört der Peugeot zur Blechdach-Fraktion, beachtliche 403 Liter kann der Kofferraum bieten, die auf 226 Liter schmelzen, wenn man die Sonne genießen will. Kurios: Zunächst wird der 308 nur mit einem Zweiliter-Diesel und 103 kW (140 PS) angeboten. Von Juli an sind der aus der Kooperation mit BMW stammende 1,6 Liter große Einstiegsbenziner mit 88 kW (120 PS) für 25 800 Euro sowie ein 1,6-Liter-Diesel mit 82 kW (112 PS) für 27 750 Euro lieferbar. Im Herbst kommt ein 1,6-Liter-Ottomotor mit Turboaufladung, der ebenfalls gemeinsam mit BMW entwickelt wurde.
Fiat schneidet mit seinem kultigen 500er das Dach auf
Und wenn der Sommer fast vorbei ist, schneidet Fiat seinem kultigen 500er das Dach auf, der so zur Cabriolet-Limousine wird. Dachholme und Seitenfenster bleiben stehen (siehe Foto links). Mit etwa 15.000 Euro Einstandspreis (1,2-Liter-Motor, 51 kW/70 PS) wird es eine der günstigsten Möglichkeiten, sich zu viert die Luft um die Nase wehen zu lassen.
Für 15.000 Euro (oder deutlich weniger) kann man freilich auch stillvoll in einem alten VW Käfer Cabriolet, einem Alfa Spider oder einem offenen MG B unterwegs sein, um nur drei gängige Klassiker zu nennen. Wer sich traut, einen „Gebrauchtwagen“ zu kaufen, sollte durchaus einen Blick zurück wagen. Mit einem klassischen Cabrio hat man noch mehr Fahrspaß als mit einem Oldtimer ohnehin.
Luxuriöser Verzicht
Erich Arnold (olderich)
- 26.05.2009, 12:12 Uhr