Home
http://www.faz.net/-gya-qhq6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Cabriolets ...und über uns der Himmel

31.05.2005 ·  Der Sommer kommt und die Deutschen fahren wieder „oben ohne“: Eine Zusammenstellung der neuesten Cabriolet-Modelle.

Von Wolfgang Peters
Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (0)

Der Sommer kann kommen, die offene Gesellschaft ist besser vorbereitet als je zuvor: Mehr Cabrio war noch nie auf deutschen Straßen. Aus der in den sechziger/siebziger Jahren vom Aussterben bedrohten Fahrzeuggattung ist das mobile Lieblingsspielzeug jener Menschen geworden, die beim raussehen gern besser aussehen. Der geschmeidigere Auftritt auf der Bühne des Boulevards, die Lust an der Last der Sonne und am Schatten des Windes sowie die Freude daran, sich nach der Bürde des Büros eine kleine Freiheit zu gönnen: das alles sind Gründe für die Rückkehr der Roadster und die neue Karriere des Cabrioletts.

Wir haben uns auf dem Markt umgesehen, einige neue Modelle entdeckt, etliche alte Bekannte getroffen, mehrere Lücken im Angebot ausgemacht und in wenigen Fällen auch Abschied genommen. Bei Fiat ist die Produktion des vor zehn Jahren erstmals präsentierten Barchetta ohne Nachfolger ausgelaufen; Alfa Romeo baut den exzentrischen Spider nicht mehr, und Ford hat seinen knuffigen Streetka gestrichen. Im großen Daimler-Chrysler-Konzern ist kein Platz mehr für den kleinen Roadster von Smart.

Schluß mit flatterhaften Stoffdächern

Noch immer gibt es fast drei Dutzend Baureihen mit beweglichem Dach auf dem deutschen Markt. Die allermeisten von ihnen haben ein Stoffdach (Softtop). Der Altmeister für diese noch immer junge Technik ist Karmann in Osnabrück. Der Spezialist entwickelt Dachsysteme und Technik für offene Autos, baut drei Cabrios selbst (Mercedes-Benz CLK, Audi A4 und Chrysler Crossfire Roadster) und liefert Dachanlagen für den VW New Beetle und den Renault Megane, der sogar ein Vollglas-Dach ins Spiel bringt. Mit einem klappbaren Karmann-Stahldach kommt im Herbst das Nissan Micra Cabrio.

Cabriolets 2005: ...und über uns der Himmel

Die einstigen flatterhaften Stoffdächer gehören endgültig der Vergangenheit an. Neue Verbundmaterialien, raffinierte Konstruktionen und ausgeklügelte Falt- und Ablagemechanismen haben sie abgelöst. Beim New Beetle ist es den Karmann-Entwicklern sogar gelungen, nicht nur den Dach-Linienverlauf der Limousine zu erhalten, sondern auch noch das füllige Verdeck in ein knappes Verlies zu bewegen. Zudem hat das Stoffverdeck auch eine romantische Eigenschaft: Bei sanft pochendem Regen wird es zu einem Zelt für zwei Menschen, die sich mögen.

Das Stahldach wirkt wie High-Tech

Das Stahldach ist weniger charmant, wirkt eher wie High-Tech und ist besser gerüstet für die Abenteuer des Alltags. Es fördert weniger zerstörerische Neigungen und macht aus einem Cabrio auf Knopfdruck ein Coupe. Wird das Stahldach abgelegt, ist hoher konstruktiver Aufwand gefordert, damit sein Platzbedarf nicht über die Verhältnisse des Autos lebt.

Von den großen drei auf dem deutschen Markt gibt es zur Zeit ein eher bescheidenes Angebot. VW beschränkt sich auf die Cabrio-Version des New Beetle. Opel kann immerhin auf Tigra Twin Top und Speedster verweisen. Bei Ford gibt es seit der Einstellung des Streetka gar kein Cabrio mehr. Es mangelt also an attraktiven Neuerscheinungen, die dem Markt Kauf-Impulse geben könnten. Denn die Großserienofferten sind allesamt Nischenangebote. Der New Beetle ist auch mit zurückgeschlagenem Dach eine liebenswerte Karikatur des Originals, die offenen Zweisitzer-Opel sind besonders attraktiv für Schlangenmenschen. Aus der Puppenstube kommt das billigste Seriencabrio auf dem deutschen Markt: Der Smart Fortwo mit herausnehmbarem Dachteil ist leider so unverschämt jung, daß in letzter Konsequenz ein erwachsener Mann darin immer so aussieht, als habe er jetzt die Promotion im Fernkursus nachgeholt, und das sei seine Belohnung von der Agentur für Arbeit.

Der MX-5 in der dritten Generation

Die Jahre 2006 und 2007 könnten heiße Zeiten für die Spezies der offenen Autos werden. Bei VW kündigt sich ein Cabrio auf Basis des VW Golf/Jetta an, das eher wirkt wie eine dachfreie Nobelversion des neuen Passat. Der VW kommt ganz ohne Bügel, mit hoher Eleganz, Prototypen gab es schon auf Autoausstellungen zu besichtigen. Vier Sitzplätze, ein veritabler Kofferraum und viel Sicherheit dürfen erwartet werden. Auch Opel strickt an einem offenen Astra, und bei Ford ist die Entscheidung für einen luftigen Focus auf der Basis der Limousinenvariante gefallen. Mit Ford verbandelt ist der japanische Hersteller Mazda. Der MX-5 wird gegenwärtig in seiner dritten Generation vorgestellt, und er leugnet keine einzige der offenen Eigenschaften seiner Vorgänger. Die weichen Winde des Westens und des Ostens sind noch immer mit ihm. Zudem bleiben die Japaner bei ihrem Konzept: Kompakt, leicht, agil mit bezahlbarer Motorkraft, mit dem einfach zu klappenden Verdeck und dem Hinterachsantrieb wird der neue MX-5 die stürmische Erfahrung bei den Cabrio-Premieren des Sommers 2005. Allerdings wird er erst im nächsten Jahr in vollen Stückzahlen dem Markt den gewünschten Auftrieb verleihen können.

Noch im Jahr 2006 verschärft Volvo die Gangart gegenüber Saab. Auf der Basis von S40/V50 entsteht das neue C70 Cabrio, es ersetzt, wie könnte es anders sein, das alte C70 Cabrio. Das ist noch immer ein schönes Auto, war aber etwas weich in den Knien. Die neue Version mit zweigeteiltem Stahlklappdach feiert Premiere auf der IAA im Herbst. Damit erwächst dem Saab 9-3 Cabrio, das als charakterstärkster Viersitzer ohne Dach gelten darf, ein heftiger Konkurrent. Wenn Schweden rangeln. . .

Glut des Genusses

Eine Wanderung durch die Cabrio-Landschaft führt zu schönen Begegnungen. Viele Serienmodelle werden erst ohne Dach wirklich liebenswert. Die Abwesenheit des stählernen Deckels macht aus Alltagslimousinen die Gefährten für den Sonn(en)tag. Aus geschlossenen Zweisitzern mit dem Hang zum Heizen werden offene Zweisitzer mit der Glut des Genusses. Aber auch die hohe Geschwindigkeit ist im offenen Auto nicht ohne Reiz. Sie ist ein Rendezvous mit den Grenzen der Sinne und eine Prüfung für die körperliche Widerstandskraft. Wer je mit Tacho 275 in einem offenen Porsche Carrera unterwegs war, weiß, wovon geredet wird. Auch wenn er es nicht mehr in Einzelheiten hören kann.

Womöglich war das 911 Cabrio von Porsche zum Beginn der achtziger Jahre der Auslöser für das neue Leben der offenen Autos. Daraus entwickelte sich ein stürmisches Wachstum. Porsche hat auch aus dem jüngsten 911 Carrera wieder ein Cabrio gemacht, für viele der perfekte offene Sportwagen. Eher dem puren Gedanken des Roadsters ist der Boxster verpflichtet, der leichter ist und direkter wirkt als der offene 911 des Jahrgangs 2005. Wer auf den Euro schauen muß, der blickt besser auf den Boxster, auch er ist Porsche pur und im Vergleich zum Carrera etwa 27.000 Euro billiger.

Der TT nähert sich dem Ende seiner Designkarriere

Zwei Modelle, in denen der Besatzung nur der Himmel auf den Kopf fallen kann, hält Audi bereit. Der A4 ist ein angenehmer Viersitzer, der im Sommer 2001 erstmals präsentiert wurde. Es gibt ihn in etlichen Ableitungen, reizvoll sind vor allem die 2,5-Liter-Diesel-Version und die S4-Variante. Für das Frühjahr 2006 ist eine recht tief reichende Überarbeitung eingeplant. Der TT nähert sich dem Ende seiner Designkarriere, als Roadster ist er ein brutales Auto mit der Frechheit eines bayerischen Frettchens.

Leider hat BMW den Z8 eingestellt, bevor er richtig angekommen war. Als (natürlich nicht vollkommen geglückte) Reinkarnation des unvergleichlichen Typs 507 gezeichnet, war er vielleicht zu attraktiv für diese Welt. Aus dem neuen 3er ist noch kein Cabrio geworden, das alte Modell ist noch offen im Angebot, aktualisiert mit neuen Motoren und flüsterndem Diesel. Im wirr gezeichneten, aber wunderbar proportionierten Z4 geht nun auch der Zweiliter-Vierzylinder ans Werk, eine ausreichende, aber nicht überschäumende Quelle der Kraft. Wenn nur jede Einsteigerversion diesen Lustfaktor hätte. Die Geschmeidigkeit der offenen Leistung demonstriert der 6er-BMW mit Stoffdach, rund hunderttausend Euro sollte man für die V8-Version bereithalten, bei sechs Zylindern spart man fast 30.000 Euro.

Chrysler: Das Henkelkorb-Cabrio

Seit etwa einem Jahr macht sich der Mini auch an die offene Kundschaft heran. Das kompakte Viersitzer-Cabrio wirkt voll besetzt irgendwie peinlich, die Passagiere sitzen auf einem Präsentierteller, und jeder wirkt für sich wie eine Schaufensterpuppe auf dem Weg zur Dekoration. Natürlich ist der offene Mini dennoch ein tolles Fahrerauto, aber mehr als zwei lange Beine würden wir nie mitnehmen.

Sehr konsequent hat Chrysler für Offenheit im Programm gesorgt. Der PT Cruiser Convertible kommt als Henkelkorb-Cabrio (sieht weniger plump aus als erwartet, und die Verdeck-Persenning ist ein schönes Zitat aus der Vergangenheit); der Sebring Convertible ist dagegen von unverbindlicher Rundlichkeit an der Grenze zum Langweiligen. Der spektakuläre Crossfire Roadster setzt jene Zeichen, die Chrysler gern für sich reklamiert: designorientiert, amerikanisch (mit deutscher Mercedes-Technik) im Auftritt und deshalb immer geprägt von einer etwas vordergründigeren Attraktivität.

Offenes Duo bei Peugeot

Ebenfalls mit drei Modellreihen müht sich Mercedes-Benz um die Versorgung der Klientel mit frischer Luft. Das CLK-Cabrio ist ein feiner Viersitzer, bei dem man mit beiden Armen in der Kiste mit Motoren und Aufpreisen wühlen kann (aber nicht muß). Es gibt neue Schnurr-Diesel und den unter Cabriobedingungen sparsamen Benziner-Kompressor. Der SLR des nicht ganz so kleinen Mannes ist der SLK, zwei Plätze für Menschen mit einem Sinn für den sanft-modischen Auftritt gibt es hier, ein Schal aus warmer Luft (Airscarf) sorgt für abzulehnende Verweichlichung. Von sportlich-vornehmer Art ist der Klappdach-SL, man kann ihn sehr auf der Kante fahren oder gleiten lassen. Der neue 3,5-Liter-V6 ist eine ausreichende Kraftquelle, der V8 klingt noch ein bißchen besser.

Offene Einzelkämpfer in ihren jeweiligen Markenfamilien gibt es fast überall. Bei Peugeot ist es ein offenes Duo. Der Typ 206 CC mit der frischwärts gerichteten Form und dem smarten Blechdach ist noch immer ein Bestseller, dabei gibt es ihn schon seit 2000. Mit dem 307 CC konnte Peugeot den Erfolg des kleineren Cabrios nicht wiederholen, das größere Auto erreicht nicht die Leichtigkeit des kleinen Luftikus: Das Design muß rücksichtsvoll sein gegenüber den Platzansprüchen des Dachs. Damit kämpft auch der offene Renault Megane. Sein klappbares Glasdach sichert ihm zwar eine Sonderstellung, aber wenn man aus dem Coupe ein Cabrio macht, dann interessiert das kaum noch. Einfach Selbstverständlichkeiten sind bei den französischen Viersitzern unter freiem Himmel Versionen mit Dieselmotoren. Und bei Peugeot gleich mit Partikelfilter. Citroen wagt mit dem C3 Pluriel ein Experiment, das nicht überzeugt.

Offenheit gegenüber Fahrer und Publikum

Von Mazda MX-5 und Nissan Micra war schon die Rede, bei Toyota hält der nicht mehr ganz junge MR2 die Wacht, Lexus hat den für Kalifornien konfigurierten SC 430, und Daihatsu verweist auf das Spielzeug Copen. Ein scharfer Sportwagen ist der Honda S2000, ähnlich burschikos geht der Nissan 350Z Roadster mit der Nähe zu den europäischen Sportikonen um. Honda und Nissan scheuen keinen Körperkontakt.

In die Gefilde der wirklichen Exoten begibt man sich mit Cadillac XLR, mit der offenen Corvette, einem Aston Martin DB9, einem Lotus Elise oder einem MG TF und einem Maserati Spider GT oder einem Ferrari Maranello Superamerica mit Klappdach aus Carbon und Glas. Alle begabt mit großer Offenheit gegenüber Fahrer und Publikum.

Die Summe aller Eigenschaften dieser offenen Begegnungen führt zur Erkenntnis: Leistung zählt nicht immer, und die Emotionen sind umsonst. Mitunter nehmen wir auch das Radl oder rennen. Danach tränen auch die Augen.

Quelle: F.A.Z., 31.05.2005, Nr. 123 / Seite T1
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Mit Mazda ein Romeo

Von Wolfgang Peters

Wenn sich zwei leidlich gesunde Automarken, ohne eine Hochzeit im Himmel zu zelebrieren, miteinander ins Bett legen, dann kommt ein Roadster dabei heraus. Alfa Romeo und Mazda haben genau diese Autoform im Sinn. Mehr