24.07.2006 · Ohne Umwege über die Hybrid-Antriebstechnik schreitet Daimler-Chrysler zielstrebig auf die Serienreife eines Elektrowagens zu, dessen Energie von einer Brennstoffzelle erzeugt wird. Im vorigen Jahr präsentierte der Konzern das Forschungsfahrzeug F 600 Hygenius auf der Tokyo Motor Show.
Von Michael KirchbergerOhne Umwege über die Hybrid-Antriebstechnik schreitet Daimler-Chrysler zielstrebig auf die Serienreife eines Elektrowagens zu, dessen Energie von einer Brennstoffzelle erzeugt wird. Im vorigen Jahr präsentierte der Konzern das Forschungsfahrzeug F 600 Hygenius auf der Tokyo Motor Show. Sein Antriebsstrang soll von 2012 an in einem Serien-Automobil für den schadstofffreien Vortrieb sorgen. Jetzt rollte der Versuchsträger erstmals in die Öffentlichkeit.
Daß die Zukunft schon begonnen hat, weist der Blick auf den Kalender nach. 2003 starteten 60 F-Cell-A-Klasse-Modelle mit Brennstoffzelle und Elektoantrieb zu Versuchsfahrten im öffentlichen Straßenverkehr. Im alltäglichen Einsatz bei Unternehmen wie T-Com oder United Parcel Service sollten sie ihre Tauglichkeit beweisen. Unter dem Strich haben die Kompaktautos gut gearbeitet. Der Nutzen in privater Hand jedoch würde von zwei Faktoren arg eingeschränkt: Die Reichweite der Wasserstoffautos liegt bei nur 150 Kilometern, und die Infrastruktur der öffentlichen Wasserstoff-Tankstellen ist noch erbärmlich. Im Drucktank der Testwagen, einem mit Kohlefaserstreifen umwickelten Aluminiumzylinder von etwa 140 Liter Volumen, sind 1,8 Kilogramm Wasserstoff unter einem Druck von 350 bar gespeichert. Der während der Versuchsfahrten ermittelte Verbrauch entspricht einem Äquivalent von etwa 3,8 Liter Diesel für 100 Kilometer. Ein Elektro-Asynchronmotor mit 65 kW Leistung macht die A-Klasse bis zu 140 km/h schnell, die in sogenannten Stacks miteinander verbundenen Brennstoffzellen leisten gemeinsam 72 kW. Der Überschuß wird für elektrische Verbraucher wie Klimaanlage oder den Kompressor benötigt, der Luft verdichtet und den einzelnen Membranen der Zellen zuführt.
Der F 600 Hygenius, nur zwei Jahre nach dem F-Cell vorgestellt, macht alles besser. Er ist fast einen Meter länger und etwa fünf Zentimeter höher. 400 Kilometer am Stück ermöglicht der größere Tank, der vier Kilogramm Wasserstoffvorrat aufnimmt. Der Synchron-Wechselstrommotor beschleunigt den F 600 auf 170 km/h, als Spitzenleistung gibt er 85 kW und 350 Newtonmeter Drehmoment ab. Das Verbrauchs-Äquivalent von Diesel liegt bei 2,9 Liter je 100 Kilometer.
Im gesamten System haben Modifikationen für eine bessere Leistungsausbeute gesorgt. In den Brennstoffzellen werden neue Bipolarplatten aus Metall statt der bisherigen Graphit-Elemente eingesetzt. Das spart Gewicht und Raum, das gesamte Stack ist 40 Prozent leichter als der Vorgänger bei deutlich höherer Leistungsfähigkeit. Ein neuer, elektrischer Lader, der die Brennstoffzellen mit Luft versorgt, ist kleiner und bei einem Gewicht von nur acht Kilogramm 50 Kilogramm leichter als der bisher verwendete Schraubenkompressor. Die wohl wichtigste Errungenschaft ist das Befeuchtungssystem aus Holzfasern. Dank des präzisen Managements für den Wasserhaushalt im Stack kann sich kein flüssiges Wasser mehr bilden, das bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt zu Eis würde und den Kaltstart erschwerte. Der F 600 ist nach Angaben von Daimler-Chrysler bis zu minus 25 Grad Celsius betriebssicher.
Mit der Konfiguration des Brennstoffzellen-Systems für einen Serienwagen wollen sich die im württembergischen Nabern beheimateten Wasserstoff-Anhänger noch etwas Zeit lassen. 2009 soll eine B-Klasse den Antriebsstrang des F 600 Hygenius übernehmen. Und dann wird es nur noch etwa drei Jahre dauern, bis das erste wasserstoffbetriebene Serienauto mit Brennstoffzelle an den Start geht. Der Preis ist noch unklar. Christian Mohrdiek, Leiter der Entwicklungsabteilung in Nabern, geht von weniger als 50000 Euro aus.