13.06.2004 · Borgwards Isabella setzte 1954 Maßstäbe in der Mittelklasse
Von Hans W. MayerIhr Debüt war alles andere als spektakulär: In einer nüchternen Halle des Borgward-Werks Sebaldsbrück wurde die legendäre Isabella am 10. Juni 1954 schlicht als "Neuer Hansa 1500" vorgestellt. Die werksinterne Tarnbezeichnung Isabella zierte erst im folgenden Jahr als offizieller Modellname Frontpartie und Kofferraumdeckel. Ihr attraktives Blechkleid hatte der ebenso talentierte wie eigenwillige Konzernherr Carl Friedrich Wilhelm Borgward (1890 bis 1963) selbst entworfen. Ein Stück Plastilin im Bastelkeller seiner Villa an der Horner Heerstraße hatte dazu genügt, Styling-Center und Computer Aided Design gab es ja noch nicht.
Angetrieben wurde die 4,39 Meter lange, ausschließlich als Zweitürer lieferbare Stufenhecklimousine von einem neu entwickelten Reihenvierzylinder mit 1493 Kubikzentimeter Hubraum, der 44 kW (60 PS) bei 4700 Umdrehungen je Minute leistete und der 1090 Kilogramm wiegenden Isabella zu gut 130 km/h Höchstgeschwindigkeit verhalf. Im Gegensatz zum zuverlässigen und langlebigen Antriebsaggregat - einem Werk des 1990 gestorbenen Motorenkonstrukteurs Karl Ludwig Brandt - ließ die Verarbeitungsqualität der Isabella in der Anfangszeit zu wünschen übrig. Das trug ihr bald das Image eines Windhundes ein: schnell, schön, aber nicht ohne Mucken. Opel- und Ford-Verkäufer bemäkelten sie gern als "Gauner im Frack". Als dann im September 1955 die Isabella TS vorgestellt wurde, heulten die Bedenkenträger, vor allem die der Konkurrenz, abermals auf: 55 kW (75 PS) bei 5200/min, das werde nicht gutgehen, orakelten sie. Wider Erwarten jedoch erwies sich der nach damaligen Maßstäben sehr hoch drehende TS-Motor als ebenso standfest wie sein 15 PS schwächerer Bruder und war mit einem Normverbrauch von 7,8 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer sogar noch ein bißchen sparsamer.
Die Buchstaben TS standen für Touring Sport und waren, wie so viele Details, eine Erfindung Carl Borgwards. Instinktsicher hatte er schon damals erkannt, daß sich die Kombination von höherwertiger Ausstattung und stärkerem Triebwerk trefflich vermarkten ließ. Der Mehrpreis war im übrigen recht moderat: Mit 8105 Mark kostete das TS-Modell lediglich 840 Mark mehr als die Basisversion. Mit einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in knapp 19 Sekunden und gut 150 km/h Höchstgeschwindigkeit war die Isabella TS nicht nur die schnellste Mittelklasselimousine jener Jahre, sondern fuhr - respektlos die automobile Hackordnung ignorierend - selbst wesentlich teureren Oberklasse-Sechszylindern wie Mercedes-Benz 220, BMW 501 oder Opel Kapitän auf und davon.
Nach vierjähriger Produktionsdauer kam im August 1958 das erste - und einzige - Facelift: Der Rhombus im verchromten Kühlergrill schrumpfte, und die knubbeligen Heckleuchten wurden durch schlanke Exemplare mit lang auslaufendem Chromschweif ersetzt. Im Fahrgastraum dokumentierten eine versenkte Lenkradnabe, Sonnenblenden aus weichem Kunststoff und der an der Oberkante gepolsterte Instrumententräger erste Ansätze passiver Sicherheit. Asymmetrisches Abblendlicht, damals ein Novum, und die elektrische Scheibenwaschanlage zählten zur Serienausstattung. Die Motoren blieben unverändert.
Außer der Limousine und dem seit Mai 1955 produzierten Kombi gab es von Februar 1957 an das ausschließlich mit dem TS-Motor erhältliche Isabella-Coupé. Das Kölner Karosserieunternehmen Carl Deutsch baute von 1955 an in kleiner Stückzahl das 2/2-sitzige Isabella-Cabriolet, wahlweise mit 60 oder 75 PS. Neben dem offenen Modell auf der Basis der Limousine entstanden bei Deutsch von 1957 bis 1960 auch einige wenige Cabriolets auf Coupé-Basis, nach Ansicht von Markenkennern das schönste Borgward-Modell überhaupt.
Nach dem von vielerlei Merkwürdigkeiten und Mythen umrankten Konkurs der Borgward-Gruppe im September 1961 wurden aus vorhandenen Ersatzteilen bis zum Sommer 1962 die letzten von insgesamt 202 862 Isabella von Hand zusammengebaut. Altgediente Autofahrer bekommen noch immer feuchte Augen, wenn ihnen, selten genug, ein überlebendes Exemplar in freier Wildbahn begegnet: Die zeitlose Eleganz der schönen Bremerin scheint unsterblich zu sein.