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Boot Oceanis 58 Rolling Home

23.03.2010 ·  Über alte Werte und Schönheitsideale von damals lässt sich lange diskutieren. Sinnlos. Bei der neuen Oceanis 58 geht es nur um eines: die Vorlieben der Kundschaft von heute. In ihr steckt die Idee einer Art Zweithaus, was sichtbar, greifbar, fühlbar ist.

Von Walter Wille
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Ein Boot wie dieses hat es von Bénéteau noch nicht gegeben. Es ist das größte in der Geschichte des Marktführers aus Frankreich, rund 18 Meter lang, 5 Meter breit. Allerdings beschäftigen uns hier nicht in erster Linie die Ausmaße des schweren Urlaubskreuzers, denn die sind zwar beeindruckend, aber nicht mehr einzigartig im industriellen Serienbau. Die Konzernschwester Jeanneau, Bavaria und Hanse aus Deutschland haben vergleichbare Kaliber entwickelt. Bemerkenswert ist vor allem, wie Bénéteau mit der Oceanis 58 auf den Wandel im „Konsumverhalten“ eingeht, was übrigens kein schönes Wort ist in einer Branche, die einmal stark von Traditionen und Sentimentalitäten geprägt war - und teilweise noch ist.

In der Oceanis 58 steckt die Idee einer Art Zweithaus, was sichtbar, greifbar, fühlbar ist. Weil zum Beispiel mitsegelnde Ehefrauen selten begeistert sind, wenn das Zweithaus sehr schräg steht, wurde bei der Konzeption des Rumpfs Sorgfalt darauf verwendet, dass die Yacht mit möglichst geringer Krängung segelt. Eine aufrechtere Art der Fahrt erlaubt nach Ansicht der Werftstrategen überdies eine schnörkellose, freizügigere Inneneinrichtung, wie sie gerade en vogue ist. Viele solcher Überlegungen spiegelt die Oceanis wider.

Ausgangspunkt aller Planung war die Erkenntnis, dass Motor- wie Fahrtensegelyachten zuallererst nicht Sportplatz, sondern ein Ort der Geselligkeit und des Wohlbefindens sein sollen, dass die Verweildauer vor Anker stetig zunimmt, sie ansonsten die meiste Zeit im Hafen angebunden sind und somit nicht nur unter Segeln funktionieren müssen, sondern gerade auch im Stillstand. Beim Eigner und Skipper handelt es sich heutzutage nicht mehr grundsätzlich um einen erfahrenen Kenner, der jede freie Minute am Boot verbringt und sich nur widerwillig die Salzkruste von den Bartstoppeln wäscht. Immer öfter ist es jemand, der komplizierte Handhabung scheut, keine Zeit oder Lust hat, sich zum allseits anerkannten Haudegen hochzudienen, nicht viel am Hut hat mit dem nautisch-technischen Brimborium, das für richtige Segler erst den Reiz der Sache ausmacht.

Fassade des Ferienparadieses, Einbauten des Komforts

Natürlich ist die Oceanis 58 nicht so einfach zu fahren wie ein Motorroller, aber sie kaschiert das durch die Fassade des Ferienparadieses, Einbauten des Komforts, wie man sie von zu Hause gewohnt ist, durch technische Hilfsmittel. Sie ist keineswegs ein Anfängerboot, allein schon wegen ihrer Größe, wird auch unter versierten Eignern, die großzügiges Arrangement, frisches Ambiente, Bequemlichkeit nicht verachten, Freunde finden.

Beispiel Bugkabine: Die könnte sich genauso in einem Motorboot befinden. Hochseegerecht ist ein als Halbinsel im Zimmer stehendes Doppelbett kaum. Wen Langstrecken und Nachtschläge nicht interessieren, den kümmert das jedoch wenig. Bénéteau hat sich genau angehört, was die Leute - nicht selten ein Paar in den Fünfzigern oder jenseits der 60 - wollen. Sie wollen, wenn sie nachts mal rausmüssen, nicht über andere klettern, sondern bequem in die Schlappen schlüpfen, sie wollen keine großen Abstriche machen, wenn sie von der Wohnung vorübergehend aufs Boot umziehen. „Manche Leute fahren Motorboot nicht deshalb, weil es ihre Leidenschaft wäre, sondern weil es einfacher und bequemer als segeln ist“, sagt Eric Ingouf, einer von Bénéteaus Produktplanern. Deshalb haben Lösungen Einzug gehalten, die an Superyachtszene und Motorbootwelt erinnern.

Der Decksaufbau rund um den Niedergang besteht aus getöntem Plexiglas, mit dem Effekt, dass die Trennung von Cockpit und Salon aufgehoben scheint. Von der Pantry, der Navigationsecke aus besteht Blickverbindung nach draußen - und umgekehrt. Das ebenfalls transparente Niedergangsschott öffnet und schließt elektrisch, sofern man bereit ist, dafür einen Aufpreis zu zahlen. Der Weg nach drinnen führt nicht wie üblich über eine steile Stiege, sondern eine breite Treppe, die man würdevoll beschreitet. Das Cockpit selbst ist weitläufig und im vorderen Teil frei von Leinen.

Halterung für Spritzkappe und Verdeck, für Lautsprecher und Leuchten

Um all dies zu ermöglichen, wird die Schot des Großbaums nicht ins Cockpit geführt, sondern auf einen festen Bügel, der die Plicht überspannt. Dieser Bogen dient zugleich als Halterung für Spritzkappe und Verdeck, für Lautsprecher und Leuchten. So kennt man das von Powerbooten. Wegen des Verzichts auf einen Großschot-Traveller sind die Trimmmöglichkeiten etwas eingeschränkt. Na und, sagt Ingouf, auf einem Tourer komme es auf Sicherheit, Simplizität und angenehmen Aufenthalt an und nicht auf Zentimeterarbeit mit der Großschot. Wer das suche, für den stehe Bénéteaus sportliche First-Baureihe bereit.

Auf der Oceanis 58 stellt man mit Hilfe der Leinen, die zu den direkt vor den Steuerständen plazierten Winden geführt werden, die Segel ein und lässt es entspannt laufen. Keine Hektik, bitte. Was nicht zum Grundsatz des unbeschwerten Glanzes passt, ist die Tatsache, dass für Zutaten wie Elektrowinden, Autopilot, Bugstrahler zum Manövrieren im Hafen - in dieser Klasse für eine kleine Crew ein Muss - ein Extra-Obolus entrichtet werden muss.

Ansonsten ist von vornherein alles auf eines ausgerichtet: Genuss. Als eine fabelhafte Sache in dieser Hinsicht erscheint die etwa 2,8 × 1,2 Meter messende Seeterrasse am Heck, einst vom noblen Superyacht-Hersteller Wally eingeführt. Die lässt sich als Aufbewahrungsort für ein Beiboot nutzen. Eigentlich aber ist der schönste Fleck auf dem Schiff überhaupt, ganz nah am Wasser, zu schade dafür. Es ist der Platz zum Baden, Lesen oder Entkorken einer Flasche, windgeschützt, wenn die Oceanis vor Anker schwoit. Auch nicht schlecht: der Blick von den Betten der beiden Achterkabinen durch die Heckscheibe über die Terrasse hinweg aufs Meer.

Gepolsterte Bänke, Monster-Kühlschränke, Stauraum in Hülle und Fülle

Wer sich über die Showtreppe unter Deck begibt, dabei mit den Händen über das mit Leder bezogene Edelstahlgeländer streift, betritt ein Apartment kühler Gediegenheit, entdeckt clever zu variierendes Mobiliar, ein tiefes Sofa anstelle gepolsterter Bänke, Monster-Kühlschränke, Stauraum in Hülle und Fülle, Schuhschrank, Schminktisch und so weiter und so fort. Wer emsig Häkchen auf die Liste der Sonderausstattungen zeichnet, lässt den Flachbildschirm per Aufzug auftauchen, Zeitschriftenhalter aus Leder an die Wand hängen, bewegt Jalousien per Knopfdruck. Solcher Glamour lässt vergessen, dass es sich um das Produkt eines auf Effizienz getrimmten Industriekonzerns handelt. Man kann gleichwohl uncharmante Details der Verarbeitung wahrnehmen, wenn man sie entdecken und sich daran stören will.

Unser kurzer Probeschlag Anfang des Monats war nicht sehr aussagekräftig, was das Seglerische betrifft. Immerhin war festzustellen, dass die Yacht bei lauen 10 Knoten Wind auf Kreuzkursen beachtliche 5 Knoten Fahrt machte. Kein träger Kahn offenbar. Die Oceanis 58 ist durchaus großzügig mit Segelfläche ausgestattet, was allerdings nicht als Zeichen sportlicher Ambitionen zu werten ist. Vielmehr ließen sich die Konstrukteure vom Gedanken leiten, dass die Klientel sich überwiegend bei nur leichtem Wind auf die Piste begibt, dann aber flott vorankommen möchte. Lattengroß mit Auffangsystem (Lazyjacks) und Rollgenua gehören zur Standard-Garderobe. Rollgroß, Selbstwendefock, Spinnaker, Gennaker mit Bergeschlauch gibt es gegen Aufpreis - wie so vieles.

Dazu zählt ein zweiter fester Bogen, der sich übers Heck spannt und als Aufhängung fürs Dinghi genutzt werden kann sowie als Träger für Solarzellen und zwei Windgeneratoren. Zu einem „grünen Boot“ wird die Oceanis damit noch lange nicht. Der auf diese Weise zu gewinnende Strom allein reicht nicht für den Betrieb von Klimaanlage, Mikrowellenherd, Geschirrspüler, Waschmaschine, Eismaschine, Elektro-WC, HiFi-Anlage, Licht. Er vermag die Generatorzeiten etwas zu verkürzen. „Vor allem“, weiß Eric Ingouf, „fühlt man sich besser, wenn man es hat. Es ist Teil des Traums, den man sich erfüllt.“

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