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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Boot 2011 in Düsseldorf Eine Branche startet durch

 ·  In den Zeiten der Trübnis haben die Starken tief durchgeatmet und an der Zukunft gearbeitet. Jetzt sind die Neuheiten da. Claus Reissig und Walter Wille haben sich auf der Messe umgesehen und kehrten mit leichtem Salzgeschmack auf den Lippen zurück.

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Der Trend der „boot 2011“? Bitte sehr, man bediene sich: Sparsamkeit, die Rückkehr zum Wesentlichen, zu den Wurzeln sozusagen. Andererseits: Opulenz, Verschwendung, Kraft aus Kolossen von Motoren, denen der Treibstoff aus Tausende Liter fassenden Tanks zugeführt wird. Oder, noch als zarte Pflänzchen: Elektro, Hybrid, Solar. Weitere Tendenz: Yachten mit immer voluminöseren Rümpfen und enormem Platzangebot. Oder genau das Gegenteil: schlanke Schönheiten, agil, leistungsfähig, jegliche Komfortansprüche verspottend. Dazu alle erdenklichen Mischformen und die ersten Superyachten mit Umweltetikett.

Im Jahr 2008 war die ganze Branche „in ein tiefes Loch“ gefallen, wie Michael Schmidt, der Vorstandsvorsitzende der Hanse-Gruppe, es jetzt stellvertretend für viele Kollegen formuliert hat. Einige sind daraus nie wieder aufgetaucht. Die Starken, die Mutigen allerdings haben die Zeiten der bitteren Krise genutzt: für Neuentwicklungen, für Innovationen. Die sind nun in Düsseldorf zu begutachten. Pfiffige Systeme zur Handhabung der Segel, Joystick-Steuerungen zum Manövrieren (Hanse, Bénéteau-Gruppe) tragen dazu bei, dass der Umgang mit einem Boot heute viel einfacher sein kann als früher.

Momentan geht es aufwärts, das ist die Hauptbotschaft der „boot 2011“, die noch bis einschließlich Sonntag dauert. „Investitionen in neue Modelle tragen Früchte“, äußert Schmidt, die offensive Modellpolitik werde fortgesetzt. Konkurrenten wie Bavaria, Jeanneau und Bénéteau gehen die Zukunft ähnlich elanvoll an, es ist anhand einer Vielzahl neuer Typen in den Messehallen am Rhein zu erkennen. Der Markt ist so vielseitig, dass jeder fündig werden kann. Man muss nur besser als je zuvor wissen, was man sucht. Düsseldorf bildet diese Vielfalt ab, erzeugt Vorfreude auf den Tag, an dem man endlich wieder ablegen kann.

Neuerdings beliebte puristische Daysailer

Das blanke Vergnügen ohne den ganzen Ballast eines mitgeführten Haushalts strahlen die neuerdings beliebten puristischen Daysailer aus. Die Sailormade 30 von Dynamic Elements, eine an der Schlei ansässige Werft, ist so ein unkomplizierter Tagesausflügler. Genaugenommen ist es eine vereinfachte Version der voriges Jahr präsentierten Dayracer: Alu- statt Karbonrigg, Polyester- statt Epoxy-Laminat, einfachere Innenausstattung - das ist Bescheidenheit auf hohem Niveau, das Neun-Meter-Boot kostet immer noch rund 100 000 Euro. Am Zürichsee wächst die Familie segelnder Geschosse namens Esse. Die offene, raffiniert schlichte Esse 750 für etwa 70 000 Euro ist das dritte und kleinste Modell von Unternehmensgründer Josef Schuchter und Designer Umberto Felci nach Esse 850 und 990. Spezialität aller drei Leichtgewichte: auch bei wenig Wind viel Karacho.

Hinter der erstaunlichen A One steht als einer der Gesellschafter der bretonischen Alphena-Werft der französische Segel-Superstar Loïck Peyron. An dem Acht-Meter-Sportcoupé ist alles extrem: Wasserlinie (extralang), Bugsektion (scharf), Cockpit (groß), Kajüte (klein). Extrem attraktiv ist es auch, hat statt einer Reling ein Schanzkleid und statt eines Diesels einen Elektro-Innenborder. Peyron, der just in diesen Tagen und Wochen an einer weiteren Weltumsegelungsregatta teilnimmt, soll mit der zirka 130 000 Euro kostenden A One schon deutlich mehr als 20 Knoten erreicht haben. Allerdings segelt Peyron selbst mit einer Badewanne schneller als die meisten von uns in einem Boot. Die grandios elegante Tofinou 12m, ebenfalls aus Frankreich, beweist, dass man das Thema Daysailing in die 300 000-Euro-Region überführen kann, indem man außen fein anrichtet und innen den Design-Guru Philippe Starck ranlässt.

Nach dem Abtauchen der „Match“-Baureihe

Sportlichkeit ist ein Attribut, mit dem sich auch Bavaria, Nummer eins unter den deutschen Serienyachtherstellern, wieder schmücken will. Nach dem Abtauchen der „Match“-Baureihe vor Jahren kamen aus der Giebelstädter Bootsfabrik ausschließlich geräumige Tourer, immer wieder überarbeitet, wie auch in diesen Tagen anhand der Weltpremiere Bavaria Cruiser 50 (15 Meter, 250 000 Euro) zu erkennen ist. Ihre kleinere Schwester Cruiser 40 wird in Düsseldorf in einer auf Leistung getrimmten S-Variante vorgestellt. Die 40 S wird leichter (modifizierter Innenausbau) und kräftiger (höheres Rigg, tieferer Kiel), gibt ihre Klapp-Badeplattform und den Cockpittisch ab und erhält dafür höherwertige Ausrüstung an Deck. Der Aufschlag zum Standardtarif (130 000 Euro) wird knapp 20 000 Euro betragen. Bénéteau bringt mit seiner Sense 43 (13 Meter, etwa 190 000 Euro) frischen Wind ins Touring-Segment. Der Verzicht auf Achterkammern ermöglicht ein sehr großes Cockpit außen sowie einen beinahe ebenen Übergang zum Salon. Die Sense ist ein mediterraner Genießertyp. Der Hochseeyacht Hallberg-Rassy 64 dagegen ist das Wetter egal - eine „echte Rassy“, schwedisch-solide, mit fast 20 Meter die längste aller Zeiten und mit knapp 2,5 Millionen Euro wohl auch die teuerste.

Sehr ungewöhnlich in dieser Industrie ist es, wenn ein Hersteller aus einer Neuheit ein derart großes Geheimnis macht wie Elan im Fall seiner 210. Keine Daten, keine Bilder vor dem ersten Messetag - da waren die Slowenen eisern. Was dann enthüllt wurde, war ein Bekenntnis zur Freude an der Bescheidenheit. Nach 20 Jahren kehrt die Werft ins Segment der Kleinkreuzer zurück, aber wie: Sportlich-attraktiv ist die Elan 210 (6,34 Meter), senkrechter Steven, Rumpf mit Kimmkanten, Hubkiel mit Ballasttorpedo, Doppelruder, Bugspriet. Mit allem Drum und Dran wird sie auf 25 000 bis 30 000 Euro kommen, das ist erschwinglich. Das gilt auch für die Varianta 18 in Größe S (10 000 Euro) und deren für 100 000 Euro angebotene XL-Version Varianta 44 von Dehler (gehört mittlerweile zur Hanse-Gruppe). Preishammer durch Purismus, also sparsame Grundausstattung, lautet das Prinzip. Hanse zählt prinzipiell zu den Vordenkern des Metiers, wie die Neuheit Hanse 495 beweist - cool vom Weinkeller in der Bilge bis zur Mastspitze, auffallend anders durch Variabilität und die Option einer Joystick-Steuerung im Hafen - Letzteres kannten Segler bisher nicht.

Allein die französische Jeanneau-Werft präsentiert sechs neue Boote

Im Gegensatz zu den Motorbootfahrern. Bei denen, speziell in der Halle der Superyachten, sind die Ausläufer der Krise noch sichtbar. Es fehlen zwar die ganz großen Schiffe, aber Zuversicht und reichlich Neuheiten sind auch im Motorbootsektor vorhanden. Allein die französische Jeanneau-Werft präsentiert sechs neue Boote. Die Hanse Group aus Greifswald zeigt mit der eleganten Fjord 36 Open die kleine Schwester der Fjord 40, naturgemäß mit reduziertem Platzangebot in der Kajüte, dafür mit einem Vorschiff, das als zusätzlicher Lebensraum dient. Von außen ist die mit zwei 260-PS-Dieseln und IPS-Antrieben bestückte 10,80-Meter-Fjord ein offenes Boot mit Mittelkonsole, ihr Preis: zirka 220 000 Euro. Bavaria weitet seine neugestaltete Motorboot-Reihe mit der 43 Sport HT (Hardtop) aus, im Preis-Leistungs-Vergleich kann nach wie vor kaum jemand den effizient fertigenden Franken etwas vormachen. Für 320 000 Euro bietet die HT viel Lebensraum unter Deck mit Essplatz, einer großen Küche und drei Kabinen.

Azimut aus Italien zeigt die Magellano 50, die auf den populären Explorer-Stil setzt und mit einer Reichweite von rund 1000 Seemeilen punktet. Der Rumpf wird unter Verwendung eines Kunstharzes laminiert, der nicht aus Erdöl gewonnen wird, es werden schmale Teakstäbe verlegt, um den Stamm besser auszunutzen und keinen Rohstoff zu verschwenden, sowie sparsame Motoren installiert. Zur Belohnung erhielt die Magellano als erste 50-Fuß-Yacht die Auszeichnung „Green plus“ der Zertifizierungsgesellschaft Rina. Von Herbst an kann sie zudem mit Hybridantrieb geordert werden. Bei 7 Knoten fährt sie bis zu 40 Minuten lang elektrisch und damit vor allem leise.

Im Bummeltempo zum Baden

Obwohl die Großserienhersteller überwiegend konventionelle Antriebe und Boote zeigen, sind Elektroantriebe durchaus ein Thema, vorzugsweise für die Alpenseen. Frauscher belebt mit seiner 650 Alassio die alten Werte der österreichischen Werft neu: Für 46 000 Euro bringt einen das Boot im Bummeltempo zum Baden, serienmäßig mit 4,3-kW-Elektromotor und Bleibatterien. Wer schneller fahren möchte, kann die Alassio mit 10-kW- oder gar 40-kW-Motor und Lithium-Akkus ordern. Der Aufpreis dann: fast 90 000 Euro.

Die Dymax Power 8.50 von Feller aus Witten ist ein extrem schlankes und somit widerstandsarmes und sparsames Boot. Aufblasbare Schwimmkörper außen stabilisieren den schmalen Rumpf im Stand. Zwei leichte Weber-Motoren (je 105 kW/143 PS), sowie zwei 10-kW-Elektromotoren sorgen für den Vortrieb über speziell entwickelte Oberflächenantriebe. So konnte ein fast unglaubliches Gesamtgewicht von nur 1,25 Tonnen realisiert werden, die Höchstgeschwindigkeit der 8.50 geben die Entwickler mit gut 40 Knoten (75 km/h) an. Die Preise beginnen bei 240 000 Euro. Auch Marinekart aus der Schweiz setzt auf geringes Gewicht, das Vier-Personen-Boot (5944 Euro ohne Motor) wiegt 55 Kilogramm und kann leicht auf dem Autodach transportiert werden. Sein Aluminium-Kompositrumpf ist im Aufbau einem Ski ähnlich und mit diversen Patenten geschützt. Als Antrieb sind unter anderem Elektromotoren vorgesehen, 6 kW (8 PS) sollen bis zu 21 Knoten Fahrt ermöglichen.

Für 195 000 Euro ist die Tender komplett ausgestattet

Als perfektes Trailerboot bietet sich die neue 210 Overnighter von Sea Ray an. Sie erinnert an einen Straßenkreuzer der Fünfziger, kostet 47 800 Euro, wiegt 1650 Kilogramm, ist 6,55 Meter lang und 2,55 Meter breit. Als Basismotorisierung dient ein Mercruiser-V8 mit 162 kW (220 PS). Das verspricht eine Menge Spaß, zumindest bei Tage. Das „Overnighter“ steht für ein Versprechen, das nicht eingehalten werden kann - die Koje im Vorschiff ist für Erwachsene schlicht zu kurz. Die aus Sachsen stammende Tender 31 von Schaaf ist ebenfalls auf Anhängerbreite optimiert, jedoch mehr als neun Meter lang. Besonderheiten sind der Baustoff Aluminium sowie ein über die ganze Kajüte reichendes Glasdach. Für 195 000 Euro ist die Tender komplett ausgestattet.

Riva hat Gucci beauftragt, seinen Klassiker Aquariva in feinstem Weiß mit edlen Stoffen und Holz zu gestalten. Damit liegt die Zehn-Meter-Yacht arrogant und strahlend auf ihrem Messestand in Halle 6. Arroganz muss man sich leisten können - mehr als 700 000 Euro sind für die Gucci-Riva fällig. Das ist Luxus in seiner schönsten Form. Und eine echte Superyacht, wenn auch eine kleine.

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