10.05.2006 · Das Eis auf dem See ist ein Meter dick und prima poliert. Der Mensch rutscht hier ungraziös, doch für Schlittenhunde und Allradfahrzeuge sind die Bedingungen im nordschwedischen Arjeplog optimal. Zu Besuch auf dem neuesten Erprobungsstützpunkt von BMW.
Von Simone Kaiser, ArjeplogDort, wo keine Bäume stehen, muß der See sein. Andere Anzeichen gibt es nicht. Der Schnee hat sich wie eine dicke Daunendecke auf die Landschaft gelegt und alle Konturen verwischt. Die Stille dröhnt in den Ohren. Die Kälte ist atemraubend. „Willkommen in Arjeplog“, sagt das Ortsschild. „Willkommen am Ende der Welt“, denkt der Besucher.
Die Kleinstadt liegt 55 Kilometer südlich des Polarkreises in Schwedisch-Lappland, und auf den ersten Blick könnte man meinen, hier haben sich betuchte Ikea-Erben ein Feriendorf gebaut. BMWs, Mercedes und Porsches rauschen täglich über die leeren Straßen. Doch die Geländewagen gehören nicht den Einheimischen, sondern den Gästen, die seit einigen Jahren die spärliche Einwohnerzahl von 3000 regelmäßig verdoppeln: den Ingenieuren deutscher Autobauer. Eine fruchtbare Symbiose hat sich zwischen den beiden Spezies entwickelt.
„Mekka der Autotester“
Denn Arjeplog - von Autotestern in Autotestmagazinen gern „Mekka der Autotester“ genannt - bietet die wichtigste Bedingung für die Reifen-, Bremsen- und Allrad-Erprobung: konstante Kälte und jede Menge Platz. Ein Nürburgring auf Eis. Die Autohersteller schaffen im Gegenzug wichtige Arbeitsplätze. Und neue Perspektiven. Restaurants und Hotels eröffnen. Auf dem kleinen Flughafen von Arvidsjaur landen inzwischen internationale Charterflüge. Sie könnten in Zukunft auch Touristen bringen.
Das jüngste Testgelände in Nordschweden haben in diesem Jahr die Bayerischen Motorenwerke eröffnet. BMW hat an alles gedacht, weshalb der Erprobungsstützpunkt rund 16 Millionen Euro gekostet hat: Tankstelle, Waschanlage, beheizte Garagen, zwei Werkstätten, Klimakammern. Dazu Büros und Konferenzräume, Standleitung nach München inklusive. Bereits seit 30 Jahren testen die Bayern ihre Fahrzeuge im hohen Norden. Etwa 200 Ingenieure und Mechaniker werden jährlich hierher entsandt. Sie unterziehen DSC (Dynamic Stability Control), HSC (Hill Descent Control) und andere BMW-Allrad-Gimmicks dem Härtetest.
Helikopter-Einsatz für perfektes Eis
Die ausgeklügelte Teststrecke ist riesig. Scharfe Kurven, künstliche Steigungen, kleine Schanzen. 1,8 Kilometer Kühlleitungen und 3,2 Kilometer Heizleitungen hat man auf der Piste verlegt, um jederzeit die unterschiedlichsten Asphaltbedingungen simulieren zu können. Berganfahren bei Glatteis und 25 Prozent Steigung. Eine Vollbremsung, die Vorderachse auf Eis, die Hinterachse auf Asphalt. Oder umgekehrt.
Nebenan, auf dem zugefrorenen Kakel-See, den die schneebedeckten Bäume umgrenzen, ist das Eis unter den Reifen mindestens einen Meter dick. Selbst ein Sattelschlepper könnte hier Pirouetten drehen. Zu Beginn des schwedischen Winters waren regelmäßig die Helikopter im Einsatz: Tief flogen sie über den See, um den Neuschnee wegzuwirbeln. Damit das Eis gleichmäßig gefror.
Der „Icemaker“ poliert den Parcours
Nun existiert dort ein See-Parcours vom Feinsten. Zwischen den Pylonen ist alles prima poliert. Der einheimische „Icemaker“ hat die Oberfläche speziell für BMW präpariert. Manche Eisflächen sind geriffelt, andere so blank, als käme gleich Kati Witt zum Training. Zu Fuß rutscht der Besucher hier ungraziös, doch Schlittenhunden und Allradfahrzeuge sind in ihrem Element. Die Testfahrer von BMW drehen Kreisel um Kreisel, absolvieren Slalom um Slalom. Vollbremsung. Vollgas. Und bei 120 die Handbremse ziehen.
Von November bis April sind die Temperaturen in Arjeplog ideal für die Testfahrer, beziehungsweise ihre Mission, selten wird es wärmer als 10 Grad minus. Doch getestet wird das ganze Jahr über. Sicherlich hätten hier auch Laienfahrer ihren Spaß. BMW bietet in Schweden, in der Nähe von Antilla, bereits Winter-Fahrertrainings an. Doch ob in Zukunft auch auf dem neuen Erprobungsstützpunkt in Arjeplog solche Trainings durchgeführt werden sollen, steht noch in den Sternen.
Die glänzen nachts über dem Kakel-See so zahlreich, daß der Himmel eigentlich wegen Überfüllung geschlossen werden müßte. Wenn die Motoren schweigen, dröhnt die Stille in den Ohren. Die Kälte ist atemraubend. Es ist schön in Arjeplog. Es ist schön am Ende der Welt.