Home
http://www.faz.net/-gya-wf1a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Biketec Flyer S Nicht schöner - Fliegen ist nur höher

24.03.2008 ·  50 km/h mit dem Fahrrad und ohne Helm? Ja, das wird wieder böse Mails geben. Es wurden tatsächlich nur 44,2 km/h mit dem Biketec Flyer S. Nicht schneller, als die Polizei erlaubt, aber schnell aus dem Geschwindigkeitsbereich.

Von Hans-Heinrich Pardey
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

„Wollen Sie nicht einen Helm aufsetzen? Auf dem Rad hier pfeift es einem ganz schön um die Ohren . . .“ Jügen Fuchs, unser Lieblingsfahrradhändler in Groß-Gerau, schien ehrlich besorgt. Und ausweislich des elektronischen Tachos am Lenker des schweizerischen Elektrofahrrads Flyer S von Biketec im Berner Kirchberg hatte er dies auch wahrhaftig mit etwas mehr als 50 km/h bewegt. Zugegeben auf leicht abschüssiger Strecke, was es im hessischen Ried nur in Gestalt der Rampen von Auto- oder Eisenbahnbrücken gibt. Aber mehr als 53 km/h, da fragt sich der unbedarfte deutsche Radler doch: Ist so was bei uns nicht schlicht verboten?

Denkste. Das ist ohne alle Tunerei mit TÜV-Gutachten und Einzelgenehmigung für allerdings rund 3600 Euro im Laden zu bekommen. Und nach Anbringen eines Versicherungskennzeichens, wie man es vom Knatter-Stinke-Mofa kennt, darf's im Straßenverkehr bewegt werden. Genauer nachgefragt: Wo im Straßenverkehr - etwa auf dem Radweg? Ja, da gehört das Flyer S seiner verkehrsjuristischen Einsortierung nach eigentlich hin. Aber es ist so wenig ein Standardfahrrad, dass sogar ordentliche ausgebaute Radwege ihre Zumutbarkeit verlieren.

Nur mit äußerster Vorsicht bewegen

Dieses Fahrrad ist ein Fahrzeug für die Straße. Wenn man es mal praktisch ausprobiert hat, wird man sich auf den üblichen Radverkehrsstreifen nur mit äußerster Vorsicht bewegen: Dieses Fahrrad ist zwar nicht schneller, als die Polizei erlaubt, aber es ist schnell aus dem Geschwindigkeitsbereich hinausgeschossen, für den unsere Radwege dimensioniert sind. Der Tag, an dem wir das feststellten, hätte für diesen Fahrrad-Typ gar nicht geeigneter sein können. Sturmtief „Kirsten“ ließ seine Rocksäume über das Flachland südlich von Frankfurt streifen, und wir radelten einfach los.

Mit einem Flyer S, Ausführung „Street“ auf 26-Zoll-Laufrädern, kräftigen Schwalbe Marathon Supreme, mit den 24 Gängen der Dual-Drive von Sram, Magura-Louise-Scheibenbremsen, Parallelogramm-Federsattelstütze von Suntour und mit der Federgabel RockShox Tora als Zusatzausstattung hat man rund 24 Kilogramm zu bewegen. Soll das rangierend ganz langsam geschehen, kann man sich mit einem Tastendruck am Lenker von der Schiebehilfe unterstützen lassen. Wenn man in die Pedale tritt, und den dreistufigen Wähler auf „Hi“ stehen hat, geht die Post ab. Wirklich mühelos erreicht man Geschwindigkeiten, die einen mit Motorisierten mithalten lassen.

Ein sehr schön handliches, wendiges Fahrrad

Ein Stadtfahrrad - das ist die erste Überraschung. Und bestimmt kein Rentnerfahrzeug. Aber das war ja auch nicht die Erwartung bei einem Flyer mit dem 250-Watt-Sportmotor „mit 85er Kadenz“ - will sagen einer Unterstützung des Pedalierens auch bei höherer Drehzahl und einer sich daraus ergebenden um bis zu 20 Prozent höheren Geschwindigkeit. Die Energie bezieht der Motor aus einem etwa 2,6 Kilogramm wiegenden Lithium-Ionen-Akku (26 Volt, 10 Ampèrestunden, Ladezeit maximal sechs Stunden); beides ist im Schwerpunkt des Fahrrads, niedrig und nahe dem Tretlager, plaziert. Die ewige Frage nach der Reichweite soll wieder so wahr wie nichtssagend beantwortet werden: Das kommt ganz darauf an, irgendeine Entfernung zwischen 15 Kilometer (Höchstleistung im Bergland) und 80 Kilometer (minimale Unterstützung im Flachland).

Nun stellt man sich ja vor, ein Fahrrad mit Hilfsmotor müsse etwas Behäbiges haben, eben ein Kleinkraftrad. Nichts davon: Man fährt mit dem Flyer S ein sehr schön handliches, wendiges Fahrrad, das sich ganz willig und ganz langsam in engsten Zirkeln bewegen lässt. Wobei der vom Motor herkommende Schub überraschenderweise eine höchst angenehm stabilisierende Wirkung zeigt. Im nächsten Moment aber stürmt das Flyer begeistert los: Huch, schon wieder zu schnell für die 30er-Zone!

Fahrrad für den Stadtmenschen

Dass der Fahrradhändler im nun nicht gerade großstädtisch geprägten Groß-Gerau mehr Flyer verkaufen könnte, als ihm die Schweizer liefern, führt Jürgen Fuchs weniger auf eigene Überzeugungsarbeit etwa mit touristischen Testfahrten ins Emmental als vielmehr auf Standortvorteile zurück. Auf dem platten Land gehe das Elektrofahrrad generell besser als dort, wo der öffentliche Nahverkehr besser ausgebaut sei. Als Fahrrad für den Stadtmenschen, der des Bus- und Bahnfahrens genauso müde ist wie der Staus, wäre das Flyer S demnach erst noch zu entdecken.

Bezugsquellenhinweise: Biketec AG, CH-3422 Kirchberg, Telefon 0041 034 448 60 60, Fax 60 61, www.biketec.ch

Quelle: F.A.Z., 18.03.2008, Nr. 66 / Seite T6
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

Jüngste Beiträge

Anschnallen

Von Boris Schmidt

Ein Fünftel der im Jahr 2010 tödlich verunglückten Autofahrer war nicht angeschnallt. Man kann davon ausgehen, dass ein Großteil dieser Gurtmuffel lediglich verletzt worden wäre. Doch das Anschnallen allein sichert nur das eigene Leben. Mehr 1