Der Automobilsalon in Genf wird gerne mit dem Titel „Autofrühling“ geschmückt. Das mag in diesem Jahr wohlwollend als Aufbruch in sonnigere Lagen bezeichnet werden. Tatsächlich wird in den meisten Fällen gute Miene zum bösen Markt gemacht. Denn das konjunkturelle Umfeld ist alles andere als beruhigend. In Italien ist durch die Wahl die Staatsschuldenkrise aus ihrem Dämmerschlaf erwacht; wer sie als schon besiegt ansah, wird nun eines Schlechteren belehrt. Aus Spanien kommt die Meldung, die Arbeitslosenzahl sei abermals gestiegen und habe einen Rekordwert erreicht. Und das Kraftfahrt-Bundesamt meldet für Deutschland einen rabenschwarzen Februar, die Neuzulassungen von Personenwagen sind im Vergleich zum Vorjahresmonat um 10,5 Prozent gesunken - was nur die halbe Wahrheit sein dürfte. Wenige Tage vor Monatsende kursierten in der Branche noch Werte von minus 15 bis minus 20 Prozent, aber Tageszulassungen kurz vor Monatsultimo haben wohl verhindert, dass solch ein dramatischer Verlust ausgewiesen werden musste.
Was derlei Aktionen für die Gewinn- und-Verlust-Rechnung der Unternehmen bedeutet, mag sich jeder selbst ausrechnen. Selbst der notorisch optimistische Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, spricht von einem „fordernden Arbeitsjahr 2013“. Viel werde davon abhängen, ob es der Politik gelinge, die Krise in Europa zu meistern und beim Bürger wieder mehr Vertrauen zu schaffen. In Westeuropa erwartet der VDA 11,5 Millionen neue Zulassungen, das wären 3 Prozent weniger als im schon schwachen Vorjahr. Zum Vergleich: China soll den Prognosen zufolge um 6 Prozent auf 14 Millionen Stück zulegen. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre ist der westeuropäische Markt von Personenwagen um 3 Millionen Einheiten gesunken. Für Deutschland werden 3 Millionen Neuzulassungen vorhergesagt, das wäre Vorjahresniveau, ebenfalls unbefriedigend.
Spott hier und da
Die deutschen Hersteller seien freilich in den meisten Segmenten besser aufgestellt als die Konkurrenz, zudem entstehe zunehmend Ersatzbedarf, außerdem halte der Export die Produktion und damit die Arbeitsplätze in Deutschland hoch, und so bestehe immerhin gewisse Hoffnung auf die Zukunft. Die manifestiert sich in Genf in zwei Richtungen: besonders sparsame Fahrzeuge und besonders leistungsstarke. Die Mitte scheint auch hier keine goldene zu sein. Volkswagen mit seinem Dutzend Konzernmarken beeindruckt wiederum mit einer Leistungsschau, die an Fülle nicht zu überbieten ist.
Neben neuen Derivaten aus der Golf-Familie steht vor allem der XL 1 im Rampenlicht. Wer dem nun in Kleinserienfertigung gehenden Technologieträger auf der Autobahn begegnet, wundert sich, wie klein und flach das futuristisch gezeichnete Auto ist. Innen aber haben zwei Personen ordentlich Platz, der Zweizylinder lärmt lauter als erwartet, und das Versprechen des 1-Liter-Autos wird nach einem ersten Eindruck (fast) eingelöst. Nach einer Runde rund um Genf zeigt der Bordcomputer 1,7 Liter Durchschnittsverbrauch auf einhundert Kilometer an. Am anderen Ende der Skala meldet sich Bentley mit dem Flying Spur zu Wort, dem die Designer die im VW-Konzern modisch gewordenen schärferen Kanten ins Blech gedrückt haben. Das muss nicht jeder mögen.
Wie Wettbewerb das Geschäft beflügelt, lässt sich hinter den Kulissen heraushören. Da erzählen Fans des VW Golf, die neue A-Klasse von Mercedes-Benz sei eine stilistische Pleite. Jungs von Mercedes wiederum berichten, der Absatz des neuen Golf samt dessen Preisgestaltung liege klar unter Plan, während die eigene Fabrik mit der Produktion der A-Klasse kaum nachkomme. Spott hier und da bekommt auch Bayern ab, weil es weder BMW noch Audi gelungen sei, aus ihrem frischen 1er und A3 ein Auto zu machen, das der Kunde vom Vorgänger unterscheiden könne.
„Jetzt ist Zeit, Autos zu verkaufen“
Derlei Sorgen hätte Opel gerne. Die Rüsselsheimer treten auf dem Salon mit dem adretten neuen Cascada Cabriolet auf, vor allem aber mit ihrem neuen Vorsitzenden Karl-Thomas Neumann. Der stellt sich, gerade drei Tage im Amt, den quälenden Fragen der Journalistenschar. Freilich darf er das nicht alleine tun, der von der Muttergesellschaft General Motors entsandte Aufsichtsrat Stephen Girsky steht ihm zur Seite und organisiert sogleich auch die Gesprächsrunde. Dann kann der freundlich und sympathisch auftretende Neumann seine Worte der Zuversicht sprechen, er betont, das Produkt solle wieder in den Vordergrund rücken, er wolle ein neues Kapitel in der langen Geschichte von Opel schreiben. In der Tat hat Opel mit dem Klein-SUV Mokka (90.000 Bestellungen liegen laut Opel vor), dem offenen Imageträger Cascada und dem frechen Kleinwagen Adam (30.000 Bestellungen) Autos im Programm, die weitaus besser sind als der Ruf des Blitzes. Die Zusammenarbeit mit dem französischen Konzern Peugeot-Citroën (PSA) soll Synergien heben und dort fortgesetzt werden, wo sie sinnvoll ist, und dort nicht, wo sie nicht sinnvoll erscheint.
Ist ein Zusammenschluss von Opel mit PSA geplant? Girsky: „Nein.“ Wie soll sich Opel von der originär koreanischen Schwestermarke Chevrolet differenzieren? Girsky: „So wie Volkswagen und Skoda. Opel soll höher positioniert werden in Preis, Ausstattung und technischem Anspruch, Chevrolet darunter, aber nicht so weit unten, wie das Renault mit Dacia tut.“ Was sind ihre Prioritäten? Neumann: „Es gibt drei. Erstens: Kosten. Wir verkaufen 1 Million Autos in Europa. Damit müssen wir in der Lage sein, profitabel zu arbeiten. Zweitens: Markenimage. Wir haben 23 neue Autos in der Pipeline, die müssen flankiert werden durch imagefördernde Kommunikationsmaßnahmen. Drittens: Kultur. Wir müssen wieder eine Gewinnerkultur in uns tragen“. Bevor wiederum der Hinweis auf den Konkurrenten aus Wolfsburg den Raum durchdringen kann, ergreift Girsky das Wort: „Jetzt ist Zeit, Autos zu verkaufen“.
Das ist ein gutes Motto für die gesamte Industrie. Was sie in diesem Frühjahr zu bieten hat, lässt sich in den Hallen des Palexpo in Genf noch bis zum 17. März bestaunen.
Keine Zukunft
Mark Möschl (Cimpoler)
- 08.03.2013, 13:54 Uhr
Wegwerfware
Matthias Unger (ungermat)
- 07.03.2013, 14:29 Uhr
Es gibt ja schon leise Stimmen in der EU,
Benjamin Conrad (jouk)
- 07.03.2013, 13:49 Uhr
Von vorne bis hinten nur schlecht...
Stefan Albert (cosmicspirit)
- 07.03.2013, 00:09 Uhr
Zukunft Auto
Hans-Martin Fischer (Amilcar)
- 06.03.2013, 13:09 Uhr
