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Veröffentlicht: 10.07.2017, 10:40 Uhr

Autonome Fahrzeuge Die große Fernsehshow auf Achse

Wenn das autonome Fahrzeug kommt, wollen Medienanbieter mitfahren. 400 Milliarden Stunden Programm stehen zur Verfügung. Wie soll das gehen?

von Wolfgang Tunze
© Daimler AG - Global Communication Scheiben weichen Bildschirmen. Mercedes weist im Forschungsfahrzeug schon mal die Richtung.

Was fangen wir nur mit 400 Milliarden Stunden an? Diese ungeheure Menge Zeit könnte uns das Leben rund um den Globus in jedem Jahr schenken, wenn wir nicht mehr als Chauffeure hinter den Steuerrädern unserer Benzin-Karossen auf grüne Ampeln warten, sondern uns von autonomen Vehikeln kommod und womöglich abgasfrei durch die Landschaft kutschieren lassen. In einem Wohnzimmer auf Rädern, wenn man so will. Das beflügelt heute schon die Phantasie von Medienhäusern, Diensteanbietern und Vordenkern in der Autoindustrie: Neue Formen der Unterhaltung sind dann gefragt – passend zur rollenden Umgebung. Wie könnten sie aussehen? Wer bietet sie an? Wie kommen sie ins Auto? Die Deutsche TV-Plattform, ein Industrieclub, der sich am liebsten mit der Zukunft des Fernsehens befasst, lud kürzlich einschlägige Fachleute zur Diskussion.

Nils Wollny, verantwortlich für die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle bei Audi, sieht zum Beispiel eine große Chance für virtuelle Techniken: Sämtliche Fenster des autonomen Fahrzeugs etwa könnten zu großen Projektionsflächen werden, auf denen sich virtuelle Darstellungen der realen Welt draußen hinter den Scheiben überlagern – Hyper Reality nennt er das. So könnte künftig Fremdenführung funktionieren: Das Auto passiert in Berlin die Spreeinsel, die virtuelle Projektion zeigt, wie das Stadtschloss aus Ruinen auferstand. Oder: Eine virtuelle Darstellung verlegt die Fahrt komplett ins Berlin des 18. Jahrhunderts. Solche Medienformen könnten auch flexibel sein.

Führt die Tour durch öde Vorstädte, könnte der virtuelle Part ganz die Szenerie übernehmen und die Realität ausblenden, im schönen Alpenvorland könnte die Sache umgekehrt verlaufen. Wollny träumt auch vom Spiel mit der Kinetik: Beschleunigung, Verzögerung, Fliehkräfte, reale Phänomene im fahrenden Auto also, ließen sich in das virtuelle Medienerlebnis einbauen. Und wie steht es dann mit Nebenwirkungen wie dem berüchtigten Schwindelgefühl, das uns zum Beispiel heute schon ereilt, wenn wir als Beifahrer ein Buch lesen? Dagegen, sagen Technik-Auguren, werden die Konstrukteure autonomer Fahrzeuge passende Mittel entwickeln. Die ausgefeilte Sensorik der Zukunftsmobile macht es theoretisch möglich.

Solang die Verkehrslage das Dösen

Skalierbarkeit ist eine Forderung, die ebenfalls in der Diskussion immer wieder auftaucht. Will sagen: Das Unterhaltungsprogramm sollte zur Dauer der Fahrt passen – sich im Idealfall selbst auf die Länge der Tour zuschneiden. Roboter-Taxis könnten sich sogar über Medien-Typologien anbieten, zum Beispiel als passend gestylte Abenteuer-Karosse, die ihre Fahrgäste in den Jurassic Park versetzt. Andere Überlegungen greifen das Bedürfnis nach Ruhe auf. Die rollende Zelle könnte sich als Entschleunigungskapsel anbieten, in der Geräuschunterdrückungstechniken Tiefenentspannung fördern. Allerdings nur, solang die Verkehrslage das Dösen zulässt und das Auto keine plötzliche Intervention des Fahrers verlangt. Innerhalb weniger Sekunden muss er notfalls hellwach sein.

Natürlich dürfen auch Videospiele oder Korrespondenz in sozialen Netzwerken im autonomen Fahrzeug auf dem Programm stehen, ebenso wie andere Dienste, die wir längst gewohnt sind. Video-on Demand zum Beispiel zählt zu den Angeboten, die sich Conrad Albert, Vorstandsmitglied von Pro Sieben Sat 1, für die Bespaßung im autonomen Fahrzeug vorstellen kann, gepaart mit noch stärker personalisierter Werbung. Schließlich kennt der Sender nicht nur den Empfänger, sondern auch noch seinen Standort. Überbordend originell ist das nicht, ebenso wenig wie die Ideen für die Übertragung mit hohen Datenraten an die Fahrzeuge: Conrad erwähnt DVB-T2 als aktuelle Errungenschaft, Professor Reimers, einer der Väter der DVB-Standards, empfiehlt für die Zukunft hybride Konstrukte aus Rundfunk-Strukturen und Mobilfunknetzen, weil der reine Mobilfunk, selbst wenn er nach dem Zukunftsstandard 5G funktioniert, die digitale Individualunterhaltung kaum allein bewältigen könnte.

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In einem sind sich alle Diskutanten aber völlig einig. Die große Konkurrenz im künftigen mobilen Unterhaltungsgeschäft sind Internetriesen wie Apple, Google oder Amazon. Denn diese Unternehmen werden kaum autonom fahrende Hardware zusammenschrauben, ohne sie primär als weitere lukrative Ausgabe-Schnittstelle für ihre digitalen Dienste zu betrachten. Folglich setzen sowohl Medienanbieter als auch Automobilhersteller auf Allianzen, die den mächtigen Herausforderern aus dem Internet nachhaltig Paroli bieten können.

Dennoch: Die gesamte Diskussion mutet vorerst immer noch etwas wolkig und wenig konkret an. Kein Wunder eigentlich, denn das autonome Fahren ist als Massenphänomen ja auch noch in recht weiter Ferne. Das Bemerkenswerte an der Diskussion um periphere Geschäfte ist eigentlich, dass sie heute schon stattfindet. Und bemerkenswert ist auch die Konfrontation mit dem wirklich wahren Leben, wenn man als Teilnehmer einer solchen Debatte den Heimweg antritt – mit einem quasi autonomen Gefährt der Deutschen Bahn, in diesem Fall von Berlin nach Hamburg. In einigen Gemarkungen um Spandau, Wittenberge und Ludwigslust gibt es kostbare Zeitfenster, in denen sich schon heute ein Telefonat halbwegs unfallfrei bewerkstelligen lässt. Und sogar E-Mails kommen dort tadellos durch. Der Fortschritt ist eben durch nichts zu bremsen, höchstens durch Platzregen. Der hatte an diesem Tag gerade die Strecke zwischen Berlin und Hannover komplett versenkt.

© DW, Deutsche Welle Digitale Konzepte: Mit autonomem Fahren gegen das Verkehrschaos

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