Gut zwei Stunden dauert die morgendliche Anreise von der Innenstadt ans rund 20 Kilometer entfernte Messegelände, der Verkehr bricht mehr als einmal zusammen, entnervte Kollegen steigen aus den Taxis und Bussen und gehen die letzten zwei Kilometer zu Fuß. Verfehlen kann man das Ziel nicht, einfach immer der Masse zur Messe nach.
Obwohl noch nicht für das allgemeine Publikum geöffnet ist, herrscht in den Hallen fast ein Auftrieb wie am letzten Tag der Frankfurter IAA. Wir lassen uns sagen, dass es an den normalen Besuchertagen eigentlich kein Durchkommen zwischen den ausgestellten Autos gibt. Kein Zweifel, die Chinesen sind verrückt nach individueller Mobilität und kaufen, was das Zeug hält - bislang.
Aus einem vollkommen unterentwickelten Markt ist in wenigen Jahren der größte der Welt geworden: Wurden zur Jahrtausendwende jährlich nur 550000 Neuwagen verkauft, sind es heute 16,3 Millionen. Dass es im ersten Quartal 2012 ein Minus im Vergleich mit dem Vorjahr gab, trübt die Goldgräberstimmung kaum. Vor allem die westlichen beziehungsweise nicht-chinesischen Marken profitieren von dem Boom, für die so zahlreichen einheimischen Produzenten bleiben noch nicht mal 40 Prozent vom Kuchen. Chinesische Unternehmen sind aber immer (per Gesetz) an den heimischen Fabriken beteiligt - 55 Prozent aller in China gebauten Autos entstammen solchen Joint Ventures. Trotz des Booms haben zurzeit nur 60 von 1000 Chinesen ein Auto, in der westlichen Welt liegt diese Quote bei mehr als 500.
Ein scharfes Teil
Man mag sich davor fürchten (Was wird aus dem Ölpreis bei der zunehmenden Masse Autos?), doch noch zeigen die ausländischen Hersteller BYD, Geely und Co., was das Weltniveau ist. Allen voran der VW-Konzern, der vor gut 20 Jahren als Erster auf die Chancen setzte, die das riesige Reich bietet, und heute mit einem Marktanteil von rund 20 Prozent belohnt wird.
Das Wichtigste: VW hat für Peking der Studie E-Bugster das Dach abgeschnitten, Audi hat einen RS Q3 erfunden und den A6 in einer Langversion zumindest als Prototyp elektrifiziert (Hybrid). Seat macht den Ibiza als Cupra noch flotter, und Lamborghini zeigt seiner Stiefschwester Bentley, wie man einen flotten Luxusgeländewagen baut. Der Urus, den wir schon vor einer Woche detailliert vorstellten, ist zugegeben ein scharfes Teil, während der Bentley-Geländewagen seit seiner Premiere in Genf nicht schöner geworden ist. Porsche lässt den Cayenne GTS in Peking von der Leine. VW hat wie fast jede ausländische Marke Modelle eigens für China im Programm, der Lavida (ein Bora-Ableger) ist neu.
Mercedes-Benz gibt der Messe mit dem Debüt der „seriennahen“ Studie Concept Style Gewicht, so oder ähnlich soll in Zukunft das kleine (viertürige) Coupé aus Stuttgart aussehen. Schon 33 Jahre Vergangenheit hat das G-Modell, inzwischen neben dem Land Rover Defender und vielleicht dem Jeep der Geländewagen schlechthin. In Peking steht eine überarbeitete Version, die schon im Juni auf den Markt kommt. Während das Äußere kaum verändert wurde, ist das Armaturenbrett kaum wiederzuerkennen, es ist jetzt so wie in den Benz-Limousinen. Drei Motoren stehen zur Wahl, ein 3,0-Liter-V6-Diesel und ein 5,4-Liter-V8 mit und ohne Biturbo. Von AMG gibt es zudem einen noch stärkeren V8 sowie einen V12. Wie wichtig China ist, zeigt die Tatsache, dass in der Hauptstadt jetzt der erste reine AMG-Handelsbetrieb der Welt eröffnet worden ist. (Ein zweiter folgt bald in Luxemburg.)
China ist Spielwiese für alle
BMW hat für die „Auto China 2012“ den elektrischen i8 als Cabrio dabei und kann sich auf sein gesundes Modellprogramm mit dem noch neuen 3er und dem frischen 1er stützen. Und Mini ist immer für ein Sondermodell gut. Opel sind bekanntlich die Hände gebunden, und Ford hat kurz vor der Messe bekanntgegeben, dass man demnächst ein neues Werk eröffnen will. Die große Party will eben keiner verpassen. China ist Spielwiese für alle.
Selbst der PSA-Konzern, Renault und Fiat, die alle sonst eher auf Europa fixiert sind, haben gehörig Aktien im Land. So baut Citroën für China einen C4 mit Stufenheck, doch auch die DS-Baureihe läuft gut. Ihr ist ein eigener Stand gewidmet, und die Studie DS9 hat Weltpremiere. Die Bedeutung der Messe unterstützen sowohl Renault als auch Peugeot mit den erstmaligen Auftritten einer großen Limousine und einer SUV-Studie (Peugeot). Der Talisman ist für China zugeschnitten, das Peugeot-SUV wird wohl zum Serienmodell werden.
Kopiert wird nach wie vor
GM ist mit seinen Marken Chevrolet, Cadillac und Buick vertreten, die japanischen Hersteller zeigen alle Flagge, auch Kia und Hyundai haben große Stände, selbst Ssangyong ist dabei. Allgemein fällt auf, dass das große Leitthema der Messe fehlt, das E-Auto ist da, spielt aber auf dem chinesischen Markt keine Rolle, trotz der Anstrengungen der Regierung mittels Subventionen beim Kauf. Die unzähligen Heimathersteller - es sind mehr als 40 verschiedene - zeigen in aller Regel nur Hausmannskost und Konventionelles, da muss Europa wirklich keine Angst haben. Kopiert wird nach wie vor, so hat BMW-Partner Brilliance das SUV X1 geklont, und Geely hat mehrere Autos am Stand, die nach Bentley aussehen. Auch der Jeep Wrangler oder der Armee-Geländewagen Hummer werden gern gedoubelt.
Geely: das sind die Volvo-Besitzer, die den Schweden wider Erwarten zu einem richtigen Höhenflug verholfen haben. Natürlich ist Volvo vor Ort, auch Jaguar und Land Rover (JLR) sind dabei. Für die Messe hat Viktoria Beckham einen Range Rover Evoque etwas veredelt. Auch JLR wird von der asiatischen Mutter (Tata aus Indien) offenbar exzellent geführt. Was aus Rover und MG geworden ist, die einst als erste europäische Marken in chinesische Hände kamen, ist in Halle E3 zu sehen. Es gibt jetzt einen MG 3 Xross und Rover heißt jetzt Roeve. Wir würden es nicht glauben, wenn wir es nicht selbst gesehen hätten. Unter den vielen chinesischen Marken verdient noch Denza eine Erwähnung: In Peking ist die Premiere einer elektrischen Studie zu sehen, die auf einer Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz und BYD (das steht sinnigerweise für Build Your Dreams) beruht.
Als wir am Abend wieder erschöpft im Hotel ankommen, fällt uns vor dem Supermarkt gegenüber eine Gruppe älterer Damen auf, die Entspannung im Tai-Chi suchen. Alles Walzer denken wir, das Leben kann so einfach sein. Nur nicht in Peking mit seinem Dauer-Smog und den über und über verstopften Straßen. Zumindest hier ist schon genug Auto.
