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Automesse in Detroit Posaunen gegen die Katerstimmung

16.01.2008 ·  Auf der Autoschau in Detroit demonstrieren angeschlagene Marken technische Zuversicht: Geringere Schadstoffemissionen sind auch in den Vereinigten Staaten ein Thema. Allen voran setzt die Hybridtechnik ihren Siegezug fort.

Von Wolfgang Peters
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Die amerikanische Leitmesse für das Auto bietet nicht mehr die Tingeltangel-Show von einst. Es geht auf der NAIAS 2008 um das Überleben. Und das ist ein ernstes Thema. Aber Optimismus ist Branchenpflicht. Auf den ersten Blick ist die jüngste North American International Auto Show in Detroit ganz die alte: In der riesigen Cobo Hall werden das Auto und seine Händler und Verkäufer gefeiert, und die Kunden werden mit rauschhaft inszenierten Modell-Premieren verwöhnt.

Aber der Glamour von einst ist erkaltet, die Posaunen klingen kühler, und die Mädels auf den üppig dimensionierten Präsentationsständen lächeln schmaler. Denn zu viele Händler und Verkäufer wurden im vergangenen Jahr gefeuert, die Autos werden mit immer schärfer durchgezogenen Rabattaktionen verschleudert, und vom einstigen Rausch des Aufbruchs in ein fernes Land der Mobilität ist nur die Katerstimmung geblieben.

Autohersteller mit dem Rücken zur Wand

Doch die Autoindustrie des noch immer größten Marktes der Welt will (und kann) nicht aufgeben. General Motors, Ford und Chrysler stehen zwar mit dem Rücken zur Wand, aber sie haben, jeder für sich, noch ein ziemlich breites Kreuz, und sie versuchen mit Macht und drastischen Management-Maßnahmen zu reagieren. Agieren fällt ihnen zunehmend schwerer. Aber auch das demonstriert die Detroit-Show des Jahres 2008: Der Ernst der Lage ist erkannt, die Herausforderungen sind bei Managern und Technikern erfasst, und im Wettbewerb um den Kunden von morgen wird es nicht weniger hart zugehen als bisher.

Allerdings unter sich ändernden Vorzeichen: Dass Energieverbrauch, Benzinkosten und Schadstoffemissionen zum neuen Maßstab des Traums von der grenzenlosen Mobilität geworden sind, das hat sich auch bis in den Mittleren Westen des Landes herumgesprochen. Deshalb gibt es auf der NAIAS 2008 auch mehr Autos mit grünen oder blauen Etiketten als jemals zuvor. Gleichzeitig üben sich nicht nur die amerikanischen Autohersteller am anstrengenden Spagat zwischen den Umweltforderungen der Kunden und dem Unterhaltungswert ihrer Autos.

Die große Zaubermethode für geringere Schadstoffe

Der „climate change“ (von der vornehmlich in Deutschland ausgemachten „Klimakatastrophe“ redet niemand) hat die Vereinigten Staaten und natürlich auch die einstige Autohauptstadt Detroit erreicht. Ob Nobelpreisträger Al Gore die Motor Show in Detroit besucht, das war vor Beginn der Ausstellung noch nicht klar. Man hätte ihn sonst fragen können, wie er selbst es denn mit seinem Energieverbrauch hält. Dazu gibt es durchaus irritierende Angaben, und wer Wasser predigt, der sollte wohl selbst nicht Wein trinken. Im Grundsatz folgen fast alle Autohersteller auf der Detroit Show dieser Ansicht.

Die große Zaubermethode für geringere Schadstoffe aus dem Auspuff heißt noch immer Hybridtechnik. Gegenüber anderen Techniken hat sie den Vorteil, - relativ - rasch und in Verbindung mit bewährten Motoren eingesetzt werden zu können. Andere alternative Antriebe laufen im Vergleich zur Hybridtechnik noch in Baby- oder Kinderschuhen herum: Das Elektroauto scheint vor einem Durchbruch zu stehen, mit Wasserstoff wird noch ziemlich experimentell gefahren, und die Brennstoffzelle macht weitere Schritte auf dem langen Weg in einen noch nicht endgültig definierten Alltag.

Ein Siegeszug in kleinen Schritten

Unübersehbar ist der Siegeszug der Hybriden. Aber es ist noch ein Zug der kleinen Schritte. Zwar kann keine Marke mit Ambitionen auf höhere Stückzahlen auf die Kraft der zwei Herzen verzichten, und aus den vor zwei Jahren noch in Ankündigungen existierenden Modellen sind rollende Verkaufsargumente geworden. Aber auf der Ausstellung dominieren, wie im wirklichen Leben, noch die - immer wieder erneuerten - einstigen Verkaufsschlager. Das sind für die amerikanische Art des Lebens vor allem die wuchtigen Pritschenwagen mit Motoren, mit deren Energie man auch ein kleines Bergdorf ausreichend versorgen könnte.

Aber auch hier gibt es schmalere Hybridvarianten, und Amerikaner und Japaner haben für Detroit ein Modellpaket mit dieser Technik geschnürt, das einschließlich der hybridisierten Familienautos und Geländewagen rund drei Dutzend (!) Alternativen bereithält. Aber das macht zurzeit noch vor allem den Verkäufern Mut. Denn aus europäischer Sicht ist die Hybridtechnik nur ein Zwischenschritt. Das sehen die in dieser Technik noch führenden japanischen Hersteller anders. Sie treiben die Hybridentwicklung mit noch raffinierterer Elektronik für die Steuerung von Triebwerken und Getrieben voran und können dabei schöne Erfolge vermelden.

Die deutschen Marken wie Audi, BMW und Mercedes-Benz sowie Volkswagen (Porsche vermeldet zwar teuflisch gute Verkaufsergebnisse aus Amerika, hat sich von der Detroiter Ausstellung aber zumindest für 2008 verabschiedet) werden künftig an der Hybridtechnik nicht vorbeikommen. Doch sie setzen langfristig eher auf die Diesel-Karte und auf eine aufwendige Abgasreinigung. Dabei haben sie das Argument des niedrigen Verbrauchs auf ihrer Seite. Denn ein Diesel in der richtigen - nicht zu üppig dimensionierten - Größe ist beim Verbrauch nicht zu schlagen.

Deutsche Neuheiten überzeugen

Die Neuheiten der Autoschau aus deutscher Sicht klingen reizvoll: Audi steckt tatsächlich in den Sportwagen R8 den gigantischen Zwölfzylinder-Diesel und macht aus dem TT den TTS mit FSI-Motor; BMW zeigt das Einser-Cabrio und den Coupé-Gelände-Kombiwagen X6; Mercedes-Benz bringt als Neuheit den sehr seriennahen und konsequent glattflächigen GLK-Prototypen; bei VW fährt das schön und schick geratene viertürige Coupé auf Basis des Passat vor.

Ein Ruck scheint sich bei Saab ereignet und zu neuem Leben geführt zu haben. Die schwedisch-amerikanische Marke stellt (endlich) ein komplett neues Sports Utility Vehicle vor: Noch ist der 9-4X BioPower eine Studie, aber er wird noch in diesem Jahr zur Serienform finden. Aus dem Chrysler-Konzern rollen drei Studien heran, der Jeep Renegade ist ein zweisitziger Stadtflüchtling, der Dodge ZEO ist ein Zwei-plus-zwei-Sitzer mit Elektroantrieb, und der schnittige Chrysler Eco-Voyager fährt elektrisch mit Brennstoffzellentechnik.

So hat sich auf den zweiten Blick die Autoschau durchaus gewandelt. Allerdings ohne ihren früheren Inhalt zu verlieren: Die Faszination des Autos gewinnt neue Formen und erreicht andere Dimensionen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.01.2008, Nr. 2 / Seite V9
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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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